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Sport

Peter Sempelmann
30.01.201417:00 Uhr
Michael Schumacher: Diagnose apallisches Syndrom?

Michael Schumacher: Diagnose apallisches Syndrom?

  • Wochen nach dem tragischen Skiunfall des siebenfachen Formel-1-Weltmeisters Michael Schumacher verlieren Neurochirurgen die Hoffnung auf eine baldige Genesung.
  • #Michael Schumacher

Der siebenfache Formel 1 Weltmeister Michael Schumacher liegt nach dem unglückseligen Sturz beim Skifahren in Meribel am 29. Dezember immer noch im künstlichen Koma. Mit der Zeit schwinden die Hoffnungen, dass der populäre Sportler wieder völlig gesund wird. Jetzt hat die Aufwachphase begonnen. Die schlimmste Folge wäre ein apallisches Syndrom - ein möglicherweise dauerhafter Wachkoma-Zustand.

Formel-1-Weltmeister Sebastian Vettel ist noch immer tief bestürzt, wenn er an Michael Schumacher und die tragischen Folgen des Skiunfalls des Rekordweltmeisters denkt. „Letzten Endes ist das immer noch ein Schock, weil man nicht weiß, was mit dem Michael passiert. Was aus der Person wird, die man so gut kennengelernt, die man schätzen gelernt hat”, sagte Vettel bei einem Interview in Jerez de la Frontera, "man betet, man hofft, dass das Wunder passiert und dass der Gleiche aufwacht, so wie er vorher war."

Seit Wochen liegt Michael Schumacher in der Universitätsklinik in Grenoble im künstlichen Koma. Er wird dort mit Sonden ernährt, täglich gewaschen und immer wieder umgebettet, um ein Wundliegen zu vermeiden. Physiotherapeuten bewegen und massieren seine Muskeln und Gelenke außerdem jeden Tag, um die Durchblutung zu stimulieren und die Beweglichkeit zu erhalten.

Je länger dieser Zustand andauert, desto ungewisser wird die Genesung, und deshalb haben die Ärzte nun mit der Aufwachphase aus dem künstlichen Koma begonnen. Schumachers Managerin und Sprecherin Sabine Kehm bestätigte das am Donnerstag.

Siehe auch den Artikel "Michael Schumacher wird aus dem Koma geholt - so geht es weiter"
Bild: © Pool/AFP/Getty Images


Gary Hartstein, dem frühere Chefmediziner der FIA Formel 1, meldete sich indessen zu Wort. Er erklärte, dass es seiner Ansicht nach ein Triumph der menschlichen Gesundung und der modernen Neurochirurgie wäre, wenn es Schumacher wieder möglich sein sollte, zu gehen, sich selbst zu ernähren oder anzuziehen. Und dass er wieder die Persönlichkeit wird, die er einmal war. Wenn die Genesung so weit fortschreitet - was laut Hartstein immer noch möglich, wenn auch eher unwahrscheinlich ist - wär es noch eine offene Frage, inwieweit sich auch die höheren Gehirnfunktionen - das Gedächtnis, die Konzentration oder Lesen - wieder entwickeln.

Kleiner Hoffnungsschimmer

Schumachers Wegbegleiter Jean Todt, der Schumacher mehrmals im Spital in Grenoble besucht hat, erklärte bei der Verleihung des vom ADAC verliehenen "Gelben Engel", den er für Schumacher entgegen nahm: "Ich bin sehr bewegt, ihnen ein paar Worte über Michael sagen zu können. Wie Sie wissen kenne ich Michael nun seit mehr als 20 Jahren. In der beschwerlichen Lage, in der er sich heute befindet und umgeben vom Ärzteteam, das gegen die Folgen seines Skiunfalls kämpft, besteht trotz allem ein kleiner Hoffnungsschimmer, und genau an diesen müssen wir alle, die ihn lieben glauben."


Jean Todt vor der Klinik in Grenoble / Bild: © Charles Platiau / Reuters

Wie es um Schumachers Gesundheit steht kann immer noch niemand wirklich einschätzen, vermutlich auch die Ärzte nicht, die Spezialisten in ihrem Fach sind, denn Schädel-Hirn-Verletzungen gehören zu den langwierigsten und am schwersten behandelbaren und prognostizierbaren Verletzungen. Für die Familie, die Freunde und die Fans hat das auch gute Seiten: Es lebt nach wie vor die Hoffnung, dass Schumi, der in seiner Karriere als Rennfahrer etliche schwere Unfälle ohne Spätfolgen überstanden hat, völlig gesund wird.

Worst Case Szenario

Die andere Seite der Medaille ist allerdings ein Zustand, den alle, denen Schumacher am Herzen liegt, zu verdrängen versuchen: Das apallische Syndrom (AS); ein in der Neurologie bekanntes Krankheitsbild, das durch eine schwere Schädigung des Gehirns hervorgerufen wird. Dabei kommt es zu einem Ausfall größerer Teile oder sogar des gesamten Großhirns, während gleichzeitig die Funktion des Rückenmarks, des Zwischenhirns und des Hirnstamms erhalten bleiben. Die Betroffenen - in Deutschland rechnet man mit mindestens 10.000 Fällen - sind in einer Art Wachkoma. Sie wirken wach, haben aber kein Bewusstsein und kaum eine Möglichkeit zu kommunizieren.Ob Schumacher davon betroffen ist wird man erst sagen können, wann er aus dem künstlichen Koma, in dem er sich seit seinem Sturz auf der Skipiste von Meribel befindet, geholt wird.

Genesung jeden Tag unwahrscheinlicher

Der britische "Daily Mirror" zitiert Jean-Marc Orgogozo, Neurologie-Professor an der Universität von Bordeax, der erklärt: "Jeden Tag, jede Woche im Koma sinkt die Wahrscheinlichkeit, dass sich die Situation verbessert." In einem weiteren Artikel zitiert der "DailyMirror" den Neurochirurgen Colin Shieff vom Londoner Hospital für Neurologie und Neurochirurgie, der erklärt: "Aus meiner beruflichen Erfahrung ist es zu früh, Michael Schumacher ein apallisches Syndrom zu diagnostizieren, aber es ist richtig von den Ärzten, die Familie zu diesem Zeitpunkt vor der Möglichkeit zu warnen - und es ist für die Ärzte absolut schrecklich, zuzusehen. Es gibt Umstände, die sind schlimmer als an einer Verletzung zu sterben."

Das deutsche Magazin "Focus" berichtete auf seiner Website, dass der Präsident der Deutschen Gesellschaft für Neurointensiv- und Notfallmedizin (DGNI), Andreas Ferbert, bei Arbeitstagung Neurointensivmedizin (ANIM) in Hannover zum Fall Schumacher Stellung genommen hat. Ferbert hatte dort erklärt, die größte Gefahr nach einem schweren Schädelhirntrauma sei, dass nach dem Aufwachen aus dem Koma kognitive Einschränkungen blieben. Die Prognose verschlechtere sich, je länger ein künstliches Koma aufrechterhalten werden müsse. Die Dauerbeatmung schädige die Lunge, auch das Immunsystem und die Nieren würden beeinträchtigt.

Wie die österreichische "Autorevue" auf ihrer Website berichtet, war Schumachers Gesundheitszustand auch ein prominentes Thema auf der Arbeitstagung der Gehirnspezialisten. Andreas Schwartz, Chefarzt der Neurologischen Klinik am KRH Klinikum Nordstadt, räumte zwar ein, dass Patienten wie Michael Schumacher zu einem normalen Leben zurück kehren können – das seien aber die wenigsten Fälle. "Problematisch ist, dass das Gedächtnis häufig ausgelöscht sei für den Zeitraum des Komas und davor. Zudem gibt es Konzentrationsstörungen und die Patienten müssen alles wieder von Anfang an lernen."

Jan-Peter Jantzen, der Vorsitzende der Arbeitsgemeinschaft Deutschsprachiger Neuroanästhesisten und Neurointensivmediziner, glaubt nicht an eine gute Prognose für den siebenfachen Formel 1 Weltmeister, weil Schumacher scheinbar von Anfang an bewusstlos war. “Eine frühe Bewusstlosigkeit ist ein ungünstiger prognostischer Faktor”, so der Chefarzt.

Apallisches Syndrom als Dauerzustand

Das alles verheißt nichts Gutes. Im Fall der schicksalhaften AS-Diagnose wäre Schumachers Zustand kaum anders als im künstlichen Koma: Für AS-Patienten wurde der Begriff "persistent vegetative state"; andauernder vegetativer Zustand definiert.

Lesen Sie dazu auch denArtikel "Diagnose Wachkoma - Schicksal apallisches Syndrom"

Die Patienten reagieren weder auf Ansprechen, noch auf Anfassen oder Gegenstände und zeigen auch sonst keine Reaktionen. Im schlimmsten Fall muss ihnen selbst der Schluckreflex wieder angelernt werden.

Klicken Sie hier zur Slideshow "Michael Schumacher - Eine Rennsport-Legende"
Bild: © Alexander Hassenstein/Bongarts/Getty Images


Apallische Syndrome sind immer die Folge einer schweren Hirnschädigung, die durch ein Schädel-Hirn-Trauma - das durch den Unfall Schumachers möglich wäre - ausgelöst und durch einen darauf folgenden Kreislaufstillstand verursacht werden. Die Therapie nach der Akutbehandlung ist langwierig und aufwändig. Sie kann ein Jahr oder länger dauern. Falls der Patient nicht anspricht - die Chance einer Erholung aus einem AS-Zustand liegt weit unter 50 Prozent - mündet die Therapie in eine dauerhafte Pflege. Diese bleibt dem großen Sportler Michael Schumacher hoffentlich erspart.

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