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Reuters/hahn
26.07.201321:08 Uhr
Siemens: Das Scherbengericht über Peter Löscher beginnt

Siemens: Das Scherbengericht über Peter Löscher beginnt

  • Das Schicksal von Peter Löscher als Siemens-Chef könnte sich bereits am Wochenende entscheiden. Die Aufsichtsratsfraktionen des Konzerns verhandeln dann über die Zukunft des wankenden Spitzenmanagers.

Die Kapital- und Arbeitnehmervertreter von Siemens träfen sich jeweils getrennt in München, sagten zwei mit dem Vorgang vertraute Personen der Nachrichtenagentur Reuters.

Ganz oben auf den Tagesordnungen der Vorbesprechungen für die anstehende Aufsichtsratsitzung stehe jeweils "die zukünftige Zusammensetzung des Vorstands". Das gesamte Kontrollgremium kommt am Mittwoch regulär zu seiner offiziellen Sitzung in München zusammen. Bei Anlegern kam die Nachricht gut an: Die Aktie drehte nach dem Reuters-Bericht ins Plus und schloss 1,4 Prozent fester bei 79,68 Euro.

Löscher steht wegen der jüngsten Gewinnwarnung und einer Reihe von vorangegangenen Misserfolgen unter wachsendem Druck. Erst am Donnerstag hat er sein selbstgestecktes Ziel aufgeben müssen, den Technologiekonzern bis 2014 auf eine operative Rendite von zwölf Prozent zu hieven. Am Kapitalmarkt kam das neuerlich gebrochene Versprechen nicht gut an. Die Siemens-Aktie war in der Folge um sieben Prozent abgesackt, es hagelte Kritik von Analysten. "Neben diversen internen Problemen fehlt nun der konjunkturelle Rückenwind, so dass der 'Schwarze Peter' auf externe Faktoren geschoben wird", zürnte Wolfgang Donie von der NordLB. "Wir sind überrascht, dass das Papier nicht noch stärker abgerutscht ist, wenn man die Bedeutung des Margenziels für das Unternehmen bedenkt", urteilte Andreas Willi von J.P. Morgan. "Es gab kräftigen Druck auf das Management, diese Ziele zu erreichen."

Auch unter den Arbeitnehmern gärt es. Mit seinem aktuellen Sparkurs und dem Abbau von 10.000 Stellen weltweit brachte Löscher die Belegschaft gegen sich auf. Gewerkschafter fordern eine neue Strategie für Deutschland, wo Siemens in der Ägide Löscher rund 25.000 Stellen abgebaut hat - allein im fortgeführten Geschäft.

Auch Kaeser in der Kritik

Die beiden Treffen am Wochenende dürften spannend werden. Aus dem Umfeld des Aufsichtsrats hieß es, innerhalb der Siemens-Spitze tobe ein Machtkampf. Und unter den Aufsehern gebe es verschiedene Positionen. Während einige die Schuld an der Misere bei Löscher sehen, geben andere Finanzchef Joe Kaeser die Schuld. Schließlich sei auch er für die Prognosen und die Kapitalmarktkommunikation verantwortlich, sagte ein Insider. Allein die Art, wie am Donnerstag die Anleger über den Prognose-Patzer informiert wurden, sei ungehobelt. So habe Siemens eine Woche vor den regulären Quartalszahlen ohne Not darauf verzichtet, seinen Schritt weiter zu erläutern oder mit Zahlen zu unterfüttern. Daher könnte es möglich sein, dass sich der jüngste Konflikt zu einer größeren Management-Krise auswächst. Demnach wollen manche mehrere Köpfe rollen sehen, einige stellen auch den ohnehin umstrittenen Aufsichtsratschef Gerhard Cromme infrage.

Laut einem Vorabbericht des "Manager Magazins" soll Industrievorstand Siegfried Russwurm die Nachfolge Löschers antreten. Die Initiative komme von Kapitalvertretern des Aufsichtsrats, berichtete das Magazin unter Berufung auf Kreise. Siemens wollte sich weder zu dem Bericht noch zu den Information über die Treffen am Wochenende äußern. Unterdessen kämpft Löscher um seinen Chefposten. "Mir bläst jetzt der Wind ins Gesicht, aber es war noch nie meine Art aufzugeben oder schnell die Segel zu streichen", sagte er der "Süddeutschen Zeitung" laut Vorabbericht. "Ich habe einen Vertrag bis 2017, und gerade jetzt ist der Kapitän bei Siemens mehr gefragt denn je."

Entscheidend dürfte sein, wie sich die Arbeitnehmervertreter um IG-Metall-Chef Berthold Huber zu den Problemen positionieren. Die Gewerkschafter haben ein ambivalentes Verhältnis zur Schicksalsgemeinschaft Löscher und Cromme. Einerseits fuhr Löscher lange einen Schmusekurs, in dem er der Belegschaft versprach, nicht betriebsbedingt zu kündigen. Im Gegensatz zu seinem Vorgänger pflegte er die Information der Betriebsräte. Cromme hievte Huber ins Aufsichtsratspräsidium. Andererseits brachte Löscher mit seinem Spar- und Renditekurs die Betriebsräte zuletzt in Rage und die Belegschaft mit Trillerpfeifen vor die Werkstore.

Mit dem Abbau mehrerer tausend Stellen und der Trennung von wenig rentablen Sparten wollte Löscher bis 2014 Siemens eigentlich wieder vor die Konkurrenz bringen. Ein moderates Umsatzwachstum gehörte dabei ebenfalls zu seiner Kalkulation. Im Januar hatte er den Aktionären eine Rückkehr zum alten Glanz versprochen. "Weltklasse: Für diesen Anspruch stehen ich und der gesamte Vorstand ein", beteuerte er. Mit dem Mittelfeld würde sich Siemens niemals zufriedengeben.

Pannenserie

Die Gewinnwarnung vom Donnerstag markierte dann einen weiteren Tiefpunkt in einer langen Reihe von Misserfolgen in Löschers Amtszeit. Sie begann mit dem überteuerten Einkauf des Labordiagnostikgeschäfts, führte über die überhastete und letztendlich teure Trennung vom französischen Atom-Partner Areva und mündete jüngst in einer Reihe von technischen Pannen, die Siemens wieder und wieder die Bilanz verhagelten. Anschlüsse von Windparks in der Nordsee bekamen die Münchner nicht hin. Den von Löscher hoch und heilig versprochenen Liefertermin für neue ICE-Züge an die Deutsche Bahn verfehlt der Konzern um mehr als ein Jahr. In den USA brachen Windturbinen auseinander, die Reparatur schlägt allein mit gut 100 Millionen Euro zu Buche. Selbst mit Übernahmen hatte Löscher wenig Glück. Das zusammengekaufte Solargeschäft erwies sich nach nur wenigen Jahren als Totalausfall, der verlustreiche Zweig wurde geschlossen.

Unterdessen zogen die Rivalen davon. Eigentlich kündigte Löscher an, Siemens werde schneller als seine Konkurrenten ABB, GE oder Philips wachsen. Doch das Gegenteil trat ein. Allen voran die Schweizer ABB ging auf ausführliche Einkaufstour und setzte sich in Sachen Wachstum und Rendite immer stärker von den Bayern ab.

Anfangs als Aufräumer in der Schmiergeldaffäre gefeiert, wuchs in letzter Zeit unter Aktionären und Analysten das Missfallen. "In den letzten 18 Monaten ist die Entwicklung einfach nur noch enttäuschend", hatte Fondsmanager Henning Gebhardt von der DWS auf der Hauptversammlung geklagt. Privataktionär Hans-Martin Buhlmann rechnete für Löschers Amtszeit vor: "Zehn Milliarden Euro Aktionärsgeld wurden vergeigt."

Vor dem Aktionärstreffen hatte sich der selbst umstrittene Aufsichtsratschef Cromme noch hinter seinen Zögling gestellt. Die beiden verbindet an der Siemens-Spitze eine Schicksalsgemeinschaft. Nach dem Abgang von Klaus Kleinfeld lotste Cromme 2007 den seinerzeit weitgehend unbekannten Löscher vom US-Pharmakonzern Merck an die Isar. Als unbelasteter Außenstehender sollte er mit der Korruption aufräumen. Zügig legte der heute 55-Jährige zusammen mit dem neuen Vorstand Peter Solmssen den Schmiergeldsumpf trocken. Doch viele Mitarbeiter und Manager berichten, Löscher sei in dem weit verzweigten Konzern nie wirklich angekommen, kenne sich bis heute zu wenig aus. Als eigentlicher Siemens-Chef gilt vielen der ausgekochte Finanzvorstand Kaeser, der auf Analystenveranstaltungen mit Detailwissen glänzt, während Löscher sich meist auf wenige strategische Aussagen beschränkt.

Ob die Aufsichtsräte tatsächlich Löschers Sturz wagen, ist offen. Doch der Machtkampf könnte wegen der verschiedenen Interessenslagen außer Kontrolle geraten und mehr als ein Opfer fordern.

 
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