Gesundheit

Gerald Gartner
16.07.201307:04 Uhr
Die Vermessung des Ich

Die Vermessung des Ich

  • Wie Anhänger des Quantified-Self-Trends mit neuen Technologien jeden Bereich ihres Alltags automatisiert protokollieren. Und welche Geschäftsmodelle sich daraus ergeben.

Stimmung, Schlaf, Stress: Eine neue Generation protokolliert mit Sensoren und Smartphones ihr Leben - Potenzial für Versicherungen, Schreckgespenst für Datenschützer.

Florian Gschwandtner hat dieses Jahr 201 Fitnessübungen gemacht. Er hat 66.010 Kalorien verbrannt, 127 Stunden trainiert und ist 411,85 Kilometer über 3.231 Höhenmeter gelaufen. Jeden Tag versucht der 30-Jährige, 10.000 Schritte zu Fuß zu gehen. Sein Körperfettanteil ist im einstelligen Prozentbereich.

Gschwandtner weiß das, weil Sensoren und sein Smartphone ihn auf Schritt und Klick beobachten. Er ist bekennender Selbstvermesser und Chef der Linzer Fitness-App-Schmiede Runtastic, deren Anwendungen weltweit 30 Millionen mal heruntergeladen wurden. "2009 hieß es noch, das macht doch keiner. Heute wissen wir es besser“, sagt er.

Er erwartet den Durchbruch dieses Trends in Österreich für 2016. In den USA ist die Selbstvermessung schon jetzt ein heißes Geschäftsfeld. Sechs Prozent der Amerikaner tragen beim Sport ein Gerät, das ihre Leistungen protokolliert. Die Gadgets bilden ein digitales Spiegelbild, das ihren Anhängern auf der Suche nach Selbsterkenntnis und -optimierung helfen soll. Dieses Verlangen macht vor Schlafverhalten, Körperhaltung, Blutwerten, Laune oder Sexgewohnheiten nicht halt. Nutzer füttern ihre tragbaren Computersysteme permanent mit Daten.

So entsteht über einen längeren Zeitraum ein Informationsnetz, das Muster oder Zusammenhänge im Verhalten offenlegen soll. Schlafe ich besser, wenn ich mehr als 8.000 Schritt täglich gehe? Bin ich schlecht gelaunt, wenn ich keinen Sport mache? Hängen meine Bauchschmerzen mit meinem Essverhalten zusammen? Jeder Nutzer sucht nach einer Lösung für ein persönliches Problem oder nach Motivation zur Erreichung eines Zieles.

Neues Stammtischthema

Quer über den Globus treffen sich die Anhänger der neuen, sogenannten "Quantified-Self“-Bewegung auch in Gruppen, um ihre Ergebnisse und Erfahrungen miteinander zu teilen. In Österreich gibt es noch keinen Ableger. Dafür hat das Phänomen in Deutschland München, Berlin, Hamburg und Köln erfasst. "Wir wollen gemeinsam unsere Leistungen verbessern“, erklärt Florian Schumacher, Gründer von Quantified Self Deutschland. Neun von zehn Teilnehmern der Meetings seien Männer, schätzt der Trendscout und Produktmanager. An ein schnelles Ende des Trends glaubt Schumacher nicht: "Es wird bald völlig normal sein, über seine persönlichen Statistiken Bescheid zu wissen.“

Viele Smartphones kommen schon vorinstalliert mit diesen Funktionen auf den Markt. Der Umbruch bei neuen Technologien, die früher durch hohe Preise Spezialisten vorbehalten waren, birgt zudem großes Potenzial für E-Health-Anwendungen. Das Wiener Startup mySugr hat beispielsweise eine Diabetes-App zum Protokollieren von Blutzuckerwerten entwickelt. Das hilft Patienten beim Ermitteln der Insulin-Dosis und hält langfristig den Langzeitblutzuckerwert niedrig. "Diabetiker waren quasi die unfreiwilligen Vorreiter von Quantified Self. Sie müssen ihren Blutzuckerwert mehrmals täglich protokollieren“, erläutert mySugr-CEO Frank Westermann.

Ungehobene Datenschätze

Für Versicherungen und die Werbebranche sind all diese Daten von Fitness über Herzfrequenz bis Stress ungehobene Schätze. Während mySugr und Runtastic beteuern, dass Daten nicht an Dritte weitergegeben werden, setzt das Schweizer Unternehmen dacadoo genau darauf. Das Startup berechnet basierend auf Ernährung, Aktivität, Stress und Schlaf einen "Healthscore.“ Dieser Wert kann als Grundlage für die Versicherungsprämie dienen. Verhandlungen mit deutschen Krankenkassen laufen. Wie die Daten dann verwertet werden - zur Belohnung von gesundem Lebensstil oder Bestrafung von schlechtem - obliegt dem Kunden. Steuert dieser Trend also auf eine Gesundheitsdiktatur mit verordneter bedingungsloser Grundgesundheit?

Die Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft bietet bereits ein Modell an, dass das Erreichen von Gesundheitszielen mit halbiertem Selbstbehalt belohnt. Dass es bei diesem Ansatz als Motivationsspritze bleiben wird, glaubt Robert Hawliczek, E-Health-Referent der Ärztekammer, nicht: "Die finanzielle Situation dieser Institutionen wird früher oder später zu einer Bestrafung tendieren. Dann ist jeder an seiner Krankheit selber schuld.“

Streitfrage ist zudem, was als gesundes Verhalten gilt. "Medizin ist keine exakte Wissenschaft. Jeder Datenhaufen ist ohne Interpretation zunächst wertlos“, meint Hawliczek.

Die Gefahr, dass Patienten Pseudo-Korrelationen zwischen Daten herstellen oder der Illusion absoluter Selbstkontrolle unterliegen, geht mit Quantified Self einher. Der E-Health-Experte glaubt deshalb auch, dass neue Technologien kein Arztersatz sein können. Dass künftig Smartphone-Apps wie in Großbritannien zusätzlich zu Medikamenten verschrieben werden sei sinnvoll.

Was im Gesundheitssektor in der Ferne liegt, ist bei Kfz-Versicherungen Realität. Das US-Unternehmen Progressive kalkuliert die Prämie auf Basis von Bremsverhalten, gefahrenen Kilometern und wie oft der Fahrer zwischen Mitternacht und vier Uhr früh fährt. In Österreich hat die Uniqa ein Pay-As-You-Drive-Modell in abgeschwächter Form. Wer sich einen Chip einbauen lässt und unter 15.000 Kilometer pro Jahr fährt, zahlt weniger Prämie. 50.000 Kunden machen das.

Datenschützer Hans Zeger, ARGE Daten, ist kein Fan dieser Modelle: "Diese Entwicklungen laufen dem Versicherungsgedanken zuwider. Die Phantasie der Versicherungen bei der Interpretation ist grenzenlos und kann zum Nachteil der Kunden ausgelegt werden. Fragen wie ‚War ich zu schnell dran?‘ oder ‚Hat mein Fahrverhalten die Kondition des Autos verschlechtert?‘ können eindeutig beantwortet werden.“

Rechtliche Grauzonen

Aus juristischer Sicht hat das Geschäft ebenfalls Konfliktpotenzial. Grundsätzlich ist zwar alles möglich, sofern der Nutzer zustimmt - selbst die Verwertung und Verwendung persönlicher Daten durch die Pharma- und Marketingindustrie. Der Teufel steckt im Detail: Die Europäische Datenschutzrichtlinie stuft Gesundheitsdaten als sensibel ein, weshalb die Zustimmung zur Erhebung und Weitergabe der Daten streng geregelt ist. Es reicht also nicht, die Klausel in AGB oder Kleingedrucktem zu verstecken.

Außerdem haben viele Dienstleister von Quantified-Self-Geräten ihren Sitz außerhalb der EU. Das macht sie für geltende Datenschutzbestimmungen fast unantastbar. Verwaltungsstrafen und Zivilverfahren sind das Maximum. Beide sind in den USA aber nicht durchsetzbar. "Man sollte sich immer fragen, warum etwas gratis ist und die Bestimmungen kritisch lesen“, rät Axel Anderl, Leiter des IT-Departments bei DBJ Rechtsanwälte.

Bei Treffen der Quantified-Self-Bewegung ist Datenschutz zwar Thema, es geht aber vor allem um die Kontrolle über eigene Daten. "Dass sich US-Dienste viele Datenrechte nehmen, heißt noch nicht, dass konkrete Aktionen folgen“, glaubt Trendscout Schumacher. Sicher ist das Potenzial für gute Geschäfte.

Der New Yorker Marktforscher ABI Research prognostiziert bis 2018 jährliche Wachstumsraten von 40 Prozent. 167 Millionen dieser Geräte sollen dann in Europa im Umlauf sein. Aus der Nische wird ein Massenmarkt. "Das Wachstum ist nachhaltig. Die Big Player werden stark mit flexiblen Startups konkurrieren“, kündigt ABI-Analyst Jonathan Collins an.

Auf Österreichs Vorreiter Runtastic kommen also harte Zeiten zu. Im Gegensatz zum Konkurrenten Runkeeper will Florian Gschwandtner möglichst wenige andere Anbieter in das geschlossene Ökosystem lassen: "Wir können deren Qualität nicht kontrollieren“. Ausgleichen will er das mit neuen Produkten.

Eine Pause gibt es für Gschwandtner erst einmal nur privat: Seine digitale Laufstatistik steht nach einer Knieverletzung still. Das befiehlt der analoge Schmerz.

 
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