Korruption und Finanzskandale

Ashwien Sankholkar
11.01.201307:00 Uhr
EXKLUSIV: Telekom-Ankläger jagt Google-Manager

EXKLUSIV: Telekom-Ankläger jagt Google-Manager

  • Google-Germany-Chef Stefan Tweraser war früher Telekom-Manager und wird nun wegen Untreue angeklagt.

Google-Deutschland-Chef Stefan Tweraser und zwei Werbegurus werden wegen Untreue angeklagt. Als Telekom-Austria-
Marketingchef soll Tweraser über Scheinrechnungen mehr als eine halbe Million Euro Telekom-Geld illegal kassiert haben.

Stefan Tweraser führt einen Zweifrontenkrieg. In Deutschland kämpft der Google-Germany-Chef gegen die geplante Novelle des Leistungsschutzrechts. In Österreich führt der frühere Marketingchef der Telekom Austria einen Fight mit der Justiz. Während Googles Lobbyingschlacht gegen den Berliner Bundestag nicht so schlecht läuft, muss sich Tweraser im Duell mit der Wiener Staatsanwaltschaft geschlagen geben – zumindest vorläufig. Die Anklagebehörde hat eine „Hauptverhandlung vor dem Landesgericht für Strafsachen Wien“ beantragt. Tweraser und die Ex-Chefs der Agentur Euro-RSCG (heute: Havas Worldwide) sollen angeklagt werden.

„Stefan Tweraser, Gustav Eder-Neuhauser, Albert Essenther und Robert Motalik haben das Verbrechen der Untreue begangen“, heißt es in der FORMAT exklusiv vorliegenden Anklageschrift vom 4. Dezember 2012. Auf 16 Seiten beschreibt Staatsanwalt Hannes Wandl, wie Tweraser mithilfe der Werbeagentur Euro-RSCG mehr als eine halbe Million Euro von der Telekom in die eigene Tasche geschleust haben soll.

Erfundenes Werbekonzept

Ans Messer geliefert wurde Tweraser vom Kronzeugen in der Telekom-Affäre Gernot Schieszler. Der Tathergang laut Anklage: Tweraser war Marketingchef der Telekom Austria. Im Rahmen seiner Vertragsauflösung 2007 einigte er sich mit Schieszler auf eine zusätzliche Abfertigung von zwei Jahresgehältern. Die freiwillige Treueprämie, die ihm offiziell nicht zustand, sollte „über eine Drittfirma, nämlich die Euro-RSCG“ fließen. Die damals von den Werbegurus Eder-Neuhauser und Essenther geleitete Agentur managte den 2,5 Millionen Euro schweren Telekom-Etat. Die Werbeleute waren laut Anklage einverstanden, „diese ‚informelle Abfertigung‘ über die Euro-RSCG abzuwickeln“. Der Telekom wurde im Juli 2007 eine Rechnung über 585.600 Euro gestellt. Die Scheinrechnung wurde für eine „nicht erbrachte Leistung“ mit dem spannenden Titel „Strategische Konzeption des Sponsoring-Auftrittes im Rahmen der Euro 2008“ gestellt.

Nach seinem Ausscheiden aus der Telekom legte Tweraser im Namen seiner Gekko Beratungs Gmbh „drei Teilrechnungen an die Euro RSCG“ – und holte sich so die 585.600 Euro zurück – wieder Scheinrechnungen ohne Gegenleistung. Die Angeklagten bestätigen zwar die Geldflüsse, weisen aber jede strafrechtliche Verantwortung zurück. Pikant: Selbst der Leiter der RSCG-Mutter war eingeweiht – und hatte nichts dagegen. Er sagte laut Anklage: „Ihr Österreicher seid verrückt, macht, was ihr glaubt, machen zu müssen.“ Eder-Neuhauser gestand laut Anklage, „ein ungutes Gefühl“ gehabt zu haben. Sie wussten, dass der Deal nicht sauber war. Doch die Angst, die Telekom als Topkunden zu verlieren, war größer.

Tweraser, der bei Google 350.000 Euro im Jahr verdient, will nun alles zurückzahlen. Die Anklage bleibt ihm zwar nicht erspart, doch die Staatsanwaltschaft erkennt seine Reue: „Die geständige Verantwortung von Tweraser wird – in Verbindung mit seinem ernstlichen Bemühen um Gutmachung des Schadens – als maßgeblicher Milderungsgrund zu beurteilen sein.“

 
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