Börse Wien

Das Interveiw führte Barbara Nothegger
03.01.201311:41 Uhr
"Umweltschutz kostet uns jährlich 25,5 Millionen Euro“

"Umweltschutz kostet uns jährlich 25,5 Millionen Euro“

  • FORMAT Interview. Lenzing-Chef Peter Untersperger über den Ökotrend in der Textilindustrie, den Standort Oberösterreich und ökologiches Arbeiten in Asien-

FORMAT: Viele umweltbewusste Konsumenten greifen eher zu Naturtextilien wie Baumwolle und Seide. Wie natürlich sind Cellulosefasern wie Viscose und Tencel?

Peter Untersperger: Alle Fasern aus Lenzing sind naturnahe Fasern. Der Ausgangsrohstoff ist Holz, am Standort Lenzing etwa Buche, eine nachwachsende Ressource. In der Viscose-Produktion kommt Lenzing aufgrund annähernd geschlossener Kreisläufe und moderner Produktionsverfahren ohne große Belastung der Umwelt aus. Tencel wird in einem neuartigen Verfahren hergestellt. Das dabei eingesetzte Lösungsmittel ist wasserlöslich und wird zu über 99 Prozent zurückgewonnen. Der Einsatz von Chemie in der Baumwollproduktion ist ungleich höher. Für eine Tonne Baumwolle benötigt man bis zu 20-mal mehr Wasser als für die gleiche Menge Viscosefaser. Dazu kommt eine große Menge an Herbiziden, Pestiziden und Düngemittel in der Baumwollproduktion.

Wie hoch ist der Aufklärungsbedarf über Cellulosefasern?

Untersperger: Die Lenzing-Marken Tencel und Modal sind im Konsumentenbewusstsein bereits sehr gut verankert und stehen für hohe Qualität. Dennoch möchten wir weltweit noch bekannter werden und stärker zeigen, dass wir ein umweltfreundliches Unternehmen sind und keinen Marketing-Schmäh machen. Leider stelle ich immer wieder fest, dass selbst die Verkäufer in Textilläden nicht genau wissen, was Viscosefaser ist. Hier bewähren sich Labels in den Kleidungsstücken, die den Endkunden über die Beschaffenheit und Nachhaltigkeit der Fasern aufklären. Dazu bieten wir regelmäßig Workshops für die Chefeinkäufer großer Bekleidungshäuser an, um unsere Philosophie besser zu den Endkunden transportieren zu können. Es ist ein langer Weg, schließlich stehen zwischen Lenzing und dem Endkunden viele Verarbeitungsstufen wie Spinnerei, Weberei, Färberei, Ausrüstung und Konfektionierung.

Warum gibt es kein leicht erkennbares Gütesiegel bei Cellulosefasern ähnlich dem Bio-Gütesiegel bei Baumwolle?

Untersperger: Lenzing-Fasern unterliegen allen relevanten Zertifizierungen. Unsere Kunden wissen, dass unsere Marken Tencel, Modal und Lenzing Viscose weltweit die beste und nachhaltigste Qualität haben. Daher brauchen wir kein Gütesiegel, unsere Marken stehen für sich.

Wie aufgeschlossen sind große Textilketten gegenüber Lenzing-Produkten?

Untersperger: Viele Ketten verwenden Lenzing-Cellulosefasern, weil sie ein angenehmes Tragegefühl vermitteln und atmungsaktiv sind. Baumwolle hingegen fühlt sich in manchen Anwendungen eher sperrig an. Für bestimmte Kollektionen werden daher gerne Lenzing-Fasern mit Baumwolle gemischt. Bluejeans etwa werden durch Tencel-Fasern viel tragfähiger und weicher. Dazu kommt, dass viele Textilhäuser aus Marketing-Gründen Lenzing-Fasern einsetzen. Der US-Homeausstatter Bed, Bath & Beyond hat eine eigene Buchenholz-Linie herausgegeben. Die Amerikaner sind verrückt danach, besonders die Bettwäsche mit Lenzing-Fasern ist ein großer Renner. Und die britische Kette Marks & Spencer verbessert mit Tencel-Fasern ihre CO2-Bilanz.

Vor 30 Jahren war Lenzing alles andere als ein Öko-Musterunternehmen. Der Schwefel war schon kilometerweit vor der Lenzing-Ausfahrt auf der Autobahn zu riechen. Wieso kam es zu solch einem drastischen Wandel?

Untersperger: Lenzing hat in den vergangenen Jahrzehnten rund 500 Millionen Euro in den Standort Oberösterreich investiert und ihn zukunftsfähig gemacht. Wir stehen heute unter permanenter Beobachtung und Immissionsüberwachung der Landesregierung, und wir liefern laufend tagesaktuell Umweltdaten. Viel Geld floss in unsere Wasserreinhaltesysteme. Wir verwenden vorwiegend das Wasser der Ager, welches gereinigt und abgekühlt wieder zurück in den Fluss geführt wird. Vor und nach dem Lenzing-Werk schwimmen Forellen. Etwas übertrieben könnte man sagen: Bei Lenzing ist die Gesundheit der Fische genauso gut dokumentiert wie die der Menschen. Insofern sind wir eines der transparentesten Unternehmen des Landes.

Wie schwierig war es, die Denkweise bezüglich Ökologie im Unternehmen zu ändern? Gab es viele Vorbehalte?

Untersperger: Ehrlicherweise war ich früher selbst erstaunt, dass der damalige Vorstand so viel Geld in die Umwelt investierte, anstatt die Expansion zu finanzieren. Es war anfangs auch nicht leicht mit der Landesregierung. Heute bin ich stolz auf unsere Umweltgesetze. Durch die Investitionen in eine umweltfreundliche Zellstoffproduktion sind wir auch zum drittgrößten Energieproduzenten Oberösterreichs geworden. Aus den Rinden der Buche und den Rückständen aus der Zellstoffproduktion werden jährlich rund 150.000 MWh Strom und 600.000 MWh Wärmeenergie anderen Verbrauchern des Standortes zur Verfügung gestellt. Dadurch haben wir am Standort Oberösterreich wettbewerbsfähige Energiekosten und können diesen hochprofitablen Standort in Lenzing betreiben. Fast alle unsere Mitbewerber in Europa mussten den Betrieb ja schließen.

Gab und gibt es durch die Umweltinvestitionen auch Wettbewerbsnachteile?

Untersperger: Ja, relativ gesehen sehr große sogar. Pro Tag gibt Lenzing mehr als 70.000 Euro für Umweltschutz aus. Das sind 25,5 Millionen Euro jährlich. Unternehmen in China, Indien und auch in Spanien haben bei weitem nicht solche Mehrkosten durch Umweltmaßnahmen. Dort sind die Gesetze und die Verordnungen nicht so streng oder werden laxer exekutiert. Für Lenzing ist ganz klar, dass der Nutzen die Kosten überwiegt: Unsere Kunden sind deswegen sehr loyal, und mit Umweltschutz verdienen wir somit gutes Geld.

Wie stellt Lenzing sicher, dass auch in den asiatischen Werken die Umweltstandards eingehalten werden?

Untersperger: Wir setzen unsere Umweltstrategie auch außerhalb Österreichs konsequent um und werden dies auch in Zukunft tun. Mit unseren Umweltstandards haben wir uns freiwillig zur Einhaltung strenger Kriterien im Umweltbereich verpflichtet. Diese Umweltstandards gelten für uns an allen Standorten und in allen Weltregionen als Messlatte für unser Handeln. Wir setzen eine wichtige Benchmark in unserer Branche und garantieren damit Transparenz gegenüber der Öffentlichkeit.

Zur Person
Peter Untersperger, 52, begann nach seinem BWL- und Rechtsstudium seine Karriere Mitte der 80er-Jahre als Assistent des Finanzvorstands des Faserherstellers Lenzing. Über verschiedene Stationen im Konzern - darunter ein mehrjähriger Aufenthalt in der indonesischen Tochterfirma South Pacific Viscose - arbeitete sich der Oberösterreicher 1999 zum Finanzvorstand hoch. Seit 2009 ist Untersperger Vorsitzender des Vorstandes. Er ist verheiratet und hat vier Kinder.

 
Click!
pixel