Wirtschaft

Caroline Millonig
03.01.201315:54 Uhr
Das unheimliche Gespenst der Inflation

Das unheimliche Gespenst der Inflation

  • Geldentwertung. Das viele Geld, das die Notenbanken seit der Finanzkrise in den Markt pumpen, schürt die Angst vor einer Preisspirale. Das Inflations-Gespenst schläft zwar noch, es empfiehlt sich aber, schon jetzt auf der Hut zu sein.

Die Angst um das Ersparte geht um, obwohl die Inflation 2012 laut Wifo erst 2,3 Prozent beträgt. Aber wer heute sein Geld auf ein Sparbuch legt, um sich etwa einen Notgroschen für unerwartete Ereignisse zu sichern oder für die Pension vorzusorgen, muss zähneknirschend zusehen, wie es ständig an Wert verliert.

Die prognostizierte Inflation reduziert die Kaufkraft von 1000 Euro schon nach einem Jahr auf 977 Euro. Und wer es mit biederen Staatsanleihen aus Deutschland oder Österreich versucht, wird ebenfalls Jahr für Jahr ärmer: Tausend Euro werden bei einem Kupon von 1,38 Prozent nach zehn Jahren unter Berücksichtigung von Kest und Inflationsrate nur mehr einem Kaufwert von 880,46 Euro entsprechen - ungeachtet sonstiger Spesen wie Depotkosten.

Pessimisten fürchten freilich, dass es noch viel schlimmer kommt. Mit der Explosion der Geldmenge wollten die Zentralbanken die Wirtschaft ankurbeln, was nach der klassischen Lehre von Milton Friedman eigentlich eine Hyperinflation auslösen sollte. Aber: Die ist bisher erstaunlicherweise ausgeblieben. Die Frage ist, ob die Bedrohung nicht aufgehoben, sondern nur aufgeschoben ist. Es lohnt nachzudenken, wie man sich gegen schleichende Enteignung schützen kann und für den Fall aufstellen soll, dass die Inflation plötzlich davongaloppiert.

Schwache Nachfrage

"Alle Anzeichen deuten auf das Aufkeimen einer Rieseninflation“, konstatiert Friedrich Strasser, Vorstandsmitglied und CIO der Privatbank Gutmann, "allein mir fehlt der Glaube.“ Denn die Maßnahmen der finanziellen Repression, mit der die Notenbanken das Zinsniveau unter die Inflationsrate drücken, kommen nicht in der Realwirtschaft an.

Auch Manfred Drennig, Geschäftsführer der PrivatConsult Vermögensverwaltung, befürchtet keinen unmittelbaren Inflationsschub: "Die erhöhte Geldmenge landet weder beim Konsumenten noch beim Unternehmer.“ Zum einen, weil es nicht die billigen Kredite sind, die zum Konsum animieren, sondern der Einkommensfluss - und hier sind die Aussichten triste. Zum anderen, weil die Unternehmer zusehends ihre Verbindlichkeiten abbauen und sich darüber hinaus durch die Emission von Anleihen vom Bankkredit emanzipieren. Der Hintergrund: Die Banken werden bei der Vergabe immer knausriger - eine Folge der strengeren Eigenkapital-Unterlegungspflichten von Basel III.

Außerdem fällt auch noch der Staat als großer Wachstumstreiber aus: Er würde die Wirtschaft ja gerne über öffentliche Aufträge ankurbeln. Aber das könnte er nur über Schulden finanzieren, was angesichts der klammen Staatshaushalte nicht umsetzbar.

Das Fazit: Die Wirtschaft kommt nicht in Schwung, folglich schlummert das Inflationsgespenst weiter. Möglicherweise noch länger, als das Pessimisten glauben.

Alles in allem trübe Perspektiven für den Anleger. "An einer dosierten Inflation werden wir in den nächsten Jahren nicht vorbeikommen“, schätzt Werner Zenz, Vorstandsmitglied des Bankhauses Spängler.

Die meisten Experten gehen heute davon aus, dass sich die Inflationsrate in den nächsten zwei, drei Jahren bei rund zwei bis drei Prozent einpendeln dürfte, sich dann aber auf fünf, sechs Prozent im Euroraum beschleunigen könnte. Für die angelsächsischen Länder seien sogar Raten bis zu zehn Prozent denkbar, meint Stefan Riße, Fondsmanager des im Juni aufgelegten Riße Inflation Opportunities UI (ISIN: DE000A1JUWR3) - "die haben ihre eigene Währung, und die können sie abwerten.“

Abwehrkampf

Also macht es offenbar doch Sinn, auf die Inflationsgefahr zu reagieren - und zwar schon heute. "Ein Kernfehler vieler Anleger, vor allem Privater, ist, dass sie die Dauer der Zinstiefphase unterschätzen“, warnt Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment. Wer Quartal für Quartal mit kurzfristigen Veranlagungen auf steigende Zinsen warte, bei dem könnten sich die Verluste in den kommenden Jahren massiv aufsummieren. Um sich wirklich nachhaltig gegen Geldentwertung zu schützen, müsse man gezielt in Realwerte wie Aktien, Gold oder Immobilien investieren. Das ist jedenfalls das Standardrepertoire der meisten Vermögensberater - aber nicht aller.

So warnt Strasser von der Bank Gutmann vor panischen Käufen von Zinshäusern und nicht selbst genutzten Wohnungen: "Finger weg von Immobilien als Inflationsschutz, der Mietermarkt ist in Europa aufgrund der Mietobergrenzen bei Weitem nicht so frei wie in den USA, da hilft auch die Indexierung nichts.“ Christian Fegg von der Schoellerbank hält Immobilien ebenfalls für eine suboptimale Lösung - und zwar aus zwei Gründen: Einerseits bestünde die Gefahr einer extrem hohen Besteuerung wie zur Zeit der Hyperinflation 1923, andererseits würden sich die Immobilienpreise dem Jahreseinkommen des Durchschnittsbürgers anpassen: "Wenn der Wohlstand fällt, sinken auch die Immobilienpreise.“ Und dann sind da noch die demografischen Kriterien zu berücksichtigen, gibt Riße zu bedenken: "Bei einer schrumpfenden Bevölkerung wie in Deutschland ist mit sinkender Wohnnachfrage zu rechnen“.

Gold und Silber bieten Schutz

Sehr wohl als Inflationsschutz eignen sich Gold oder Silber. "In unsicheren Zeiten kommt man an Edelmetallen nicht vorbei - und das Staatsschuldenproblem ist noch längst nicht gegessen“, sagt Zenz von Spängler. "Gold ist letztlich eine Art Versicherung im Fall eines Versagens oder auch schwerer Störungen der Finanzmärkte oder einzelner Währungen“, ergänzt Drennig von PrivatConsult. Es sollte daher mit fünf bis zehn Prozent in jedem Portefeuille enthalten sein - vorzugsweise als physisches Gold oder in Form von Produkten, bei denen das Edelmetall auch physisch hinterlegt ist.

Zum Pflichtprogramm gehören freilich auch klassische Aktien, weil sie als Anteile an Substanzwerten in der Vergangenheit immer wieder bewiesen haben, dass sie in Inflationsphasen besser abschneiden als Anleihen. Heute bieten viele vor allem über Dividenden zum Teil eine weitaus höhere Verzinsung des eingesetzten Kapitals, sind aufgrund der beiden Crashs seit der Jahrtausendwende mittlerweile unterbewertet und haben Aufholpotenzial.

Wichtig ist hier, nicht blind auf die momentane Dividendenrendite zu schauen. Den besten Schutz liefern solide, global aufgestellte Unternehmen etwa aus dem Bereich Konsum oder Markenartikler, die dank Preisfestsetzungsmacht auch in Rezessionsphasen Kostensteigerungen weitergeben können. Von konjunktursensitiven Banken-, Stahl- oder Autotiteln rät Wögerbauer derzeit ab, bei Aktienfonds empfiehlt er jene Produkte, die sich angesichts der unberechenbaren Marktbeeinflussung von Politik, Regulierung und Zentralbank temporär auch ganz aus dem Aktienmarkt zurückziehen können.

Breite Streuung

Grundsätzlich gilt: Die Investoren müssen das Thema Risiko neu definieren. Was bis vor Kurzem noch eine risikolose Rendite versprach - etwa Anleihen solider Industriestaaten, tut das heute längst nicht mehr. Der alte Grundsatz der breiten Streuung über verschiedene Assetklassen bekommt in Krisenphasen eine besondere Bedeutung, also muss man sich auch in risikoreichere Anlageprodukte vorwagen - zumindest in solide Aktien.

Aber auch im Anleihensegment spielt die Musik. Als Alternative zu Staatsanleihen bonitätsstarker Länder sind wegen deren negativer Realrendite Unternehmensanleihen weiterhin gefragt. Auch bei biederen Investoren wie den Versicherern. "Corporates sind nach wie vor nicht ausgereizt und werden verstärkt eingesetzt“, sagt Kurt Svoboda, Chief Risk Officer der Uniqa.

Eine weitere Alternative sind Investments in Fremdwährungen, die aber eher in Privatbank-Portefeuilles zu finden sind und sich nicht als Direktinvestments eignen. Drennig von PrivatConsult setzt da auf die "five friends“: "Die norwegische Krone profitiert von Ölpreissteigerung, die schwedische von soliden Staatsbilanzen, der Austral-Dollar gilt als Rohstoffwährung und hat bei wieder anziehender Konjunktur in den Schwellenländern, insbesondere China, Aufwertungspotenzial. Und der kanadische Dollar gilt als ebenso stabil wie der Schweizer Franken, nicht zuletzt dank der gesunden Bankenlandschaft.“

Solange das Inflationsgespenst immer noch herumspukt, bekommt noch eine weitere Anleiheklasse Auftrieb: jene der inflationsgesicherten Anleihen, kurz "Linker“ genannt. Dabei handelt es sich um eher komplexe Konstruktionen, die entweder die Kuponzahlungen oder das Nominale an die aktuelle oder erwartete Inflation anpassen, um dem Anleger eine positive Realrendite zu sichern. Das Angebot an derartigen Anlageinstrumenten entspricht, so Marion Le Morhedec, Senior Portfolio Manager von AXA Investments, heute zwar in etwa dem Volumen der begebenen europäischen Unternehmensanleihen - also rund 1,5 Billionen Euro -, ist aber auf ein wesentlich geringeres Emittentenspektrum reduziert. In Europa wurde das Gros solcher Anleihen von Italien, Frankreich und Deutschland begeben, seit heuer zählt auch Dänemark zu den Emittenten. Je nach Risikokriterien darauf spezialisierter Fonds führt dies zu krassen Renditeunterschieden: Wer etwa auf Linker aus den Euro-Peripherie-Staaten gesetzt hat, konnte jüngst ansehnliche Kursgewinne einfahren.

Obwohl Inflation-linked-Bonds ziemlich komplex wirken, sollte man deren stabilisierende Wirkung im Portefeuille bei anziehender Inflation nicht unterschätzen. Schließlich sind sie die einzige Art von Staatsanleihen mit ansprechender Rendite - wenn das Inflationsgespenst eines Tages aufwacht und die Finanzmärkte endgültig in Angst und Schrecken versetzt.

Krisenprofiteur
Für die Regierungen, die infolge von Bankenrettung, Konjunkturprogrammen und Euro-Hilfe an ihren eigenen Schulden zu ersticken drohen, ist die Tatsache, dass die Zinsen unter der Inflation liegen, eine feine, durchaus erwünschte Sache: Durch die Monetarisierung der Schulden, also den Ankauf von Staatsanleihen durch die Notenbanken mittels frisch gedruckten Gelds, werden die Zinsen gedrückt und die Schuldenlast sang- und klanglos auf den Sparer verschoben, so Christian Fegg, Direktor und Leiter Asset Management der Schoellerbank. Negative Realrenditen sind die einzig schlüssige Strategie zum Schuldenabbau, lautet offenbar die Devise. Der Anleger sollte sich, so Alois Wögerbauer, Geschäftsführer der 3 Banken-Generali Investment, also darauf einstellen, dass die Notenbanken vorderhand an der Null-Zins-Politik festhalten werden, um den Regierungen Zeit zu schenken - von der Fed, über die Bank of England und die Bank of Japan bis hin zur EZB.

 
r-tiroch@t-online.de, 09. 01. '13 10:45
Querdenker sagt:
was haben denn alle immer mit der Inflation am Hut, wo wir doch mitten in einer Deflation stecken? wo ist Wachstum? weil es die politik so haben will? weil sie die Krise beendet haben? weil es immer mehr Arbeitslose in Europa gibt? wie lange soll das Volk noch verkohlt werden? bis alle ihre Schäfchen im Trockenen haben? nach der Wahl?
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