Wirtschaft

Das Interview führte Bernhard Ecker
28.10.201211:42 Uhr
Eva Dichand: "Ich kann jederzeit jeden rausschmeißen!"

Eva Dichand: "Ich kann jederzeit jeden rausschmeißen!"

  • trend-Interview. Eva Dichand über tendenziösen Journalismus, die Stadt Wien als Anzeigenkunden und was sie mit ihrem Mann, dem „Krone“-Chef, abends so bespricht.

Eva Dichand, Herausgeberin der Gratiszeitung „Heute“, will mit einer Digitaloffensive in fünf Jahren zu den Großen im Online-Geschäft gehören.

trend: Glauben Sie, dass Ihre drei kleinen Kinder je regelmäßig eine gedruckte Zeitung lesen werden?

Eva Dichand: Kaum. Die Zukunft sind sicher die Smartphones – alles, was in drei Sekunden downloadbar ist. Die Wahrscheinlichkeit, dass die nachwachsenden Generationen die „Süddeutsche Zeitung“ lesen, wird immer geringer. Das ist gesellschaftspolitisch mit Sicherheit auch ein Problem. Denn während man früher von der Politik bis zum Sport alles durchblätterte, steuert man heute online seine Spezialinteressen an, zum Beispiel Radfahren – und weiß nicht einmal, dass in den USA demnächst Wahlen sind.

Nun bedient ja auch Ihre Gratis-Tageszeitung „Heute“ den Trend zum schnell Konsumierbaren, zum Drüberlesen.

Dichand: Wir werden aber von extrem viel jungen Leuten gelesen, etwa Schülern, die mit den öffentlichen Verkehrsmitteln in die Schule fahren. Bei den unter 40-Jährigen haben wir in Wien 46 Prozent Reichweite – das hat nicht einmal YouTube, glaube ich. „Heute“ wird es auch dann noch geben, wenn es schon viele andere Tageszeitungen nicht mehr geben wird.

Aber bei der Reichweite, die ja in Wien schon über 40 Prozent und in Österreich 13 Prozent beträgt, ist der Plafond erreicht?

Dichand: In den Bundesländern ist schon noch etwas drin. Dieses Jahr wachsen wir umsatzmäßig um rund 15 Prozent. Wir werden 2013 auch einen Fokus auf die nationale Bewerbung von „Heute“ richten und online in Bundesländern punkten, wo es uns als Tageszeitung noch nicht gibt. Andererseits haben wir künstlich hohe Auflagen durch die Wettbewerbssituation mit „Österreich“. Darum amüsiert mich das derzeitige Hickhack unter den Zeitungen, wer wie viele Inserate bekommt: Würden wir die fünf Millionen Euro, die ich brauche, um 100.000 zusätzliche tägliche Zeitungsexemplare zu drucken, in den Ausbau des Digitalgeschäfts stecken, wären wir im Internet die Superstars.

Und Sie machen das jetzt?

Dichand: Eines ist klar: Das wirkliche Online-Geschäft liegt nicht bei den Nachrichten – in Wien hast du fünf Tageszeitungen, aber 200 Nachrichtenangebote im Online-Bereich. Sobald du eine Bezahlschranke einführst, sind die Leute weg. Deshalb investieren wir jetzt viel Geld in Plattformen, die nichts mit Nachrichten zu tun haben. Mitte November starten wir heutetv.at, ein Portal mit Fernseh- und Kinoprogramm sowie Events – mit unglaublich hohem Aufwand. Im Jänner 2013 starten wir ein Abnehm-Portal, und jetzt ist gerade unser Regionalfußball-Portal gestartet.

Ich höre, dass Sie aber auch extern etwas ziemlich Großes zukaufen.

Dichand: Richtig. Wir übernehmen die Gesundheitsplattform netdoktor.at, die jetzt noch zu 60 Prozent vom Gründer Christian Mate und zu 40 Prozent von der Telekom Austria gehalten wird und zuletzt 880.000 Unique User hatte, mehr als unser heute.at (knapp 600.000, Anm.). Netdoktor ist seit Langem am Markt etabliert und bietet ungeheuer wertvollen Content, es schreiben ja auch viele Ärzte dort. Das Portal gehört optisch relauncht und stark beworben, aber ich sehe da riesiges Wachstumspotenzial. Herr Doktor Mate wird die Plattform weiter leiten, jedoch mit seinem Team zu uns übersiedeln. Privat werde ich 39 Prozent und Wolfgang Jansky zehn Prozent an der Firma halten, 51 Prozent bekommt die Heute Ecommerce GmbH.

Und in „Heute“ werden wir nun mehr über Gesundheitsthemen lesen?

Dichand: Ja, aber Netdoktor wird als eigenständige Marke weiterhin getrennt von „Heute“ geführt werden.

Wie viel zahlen Sie für die Firma?

Dichand: Das bleibt unter Verschluss. Ich kann Ihnen aber schon einmal so viel verraten: Wir investieren sowohl dieses Jahr als auch 2013 jeweils rund fünf Millionen Euro ins Digitalgeschäft.

In Ihrer letzten aufliegenden Bilanz von 2010 steht ein Gewinn von zwei Millionen Euro, der wird also kleiner werden?

Dichand: Ja, vor allem weil ich nächstes Jahr noch ein größeres Portal zukaufen will. Wir investieren jetzt den gesamten Cash Flow. Und wir etablieren bei uns im Haus zusätzlich ein DigiLab – wir stellen Webdesigner und Entwickler an, ein Ideenlabor quasi, von dem wir nur das in die Zeitung hochziehen, was im Beta-Versuch funktioniert. Mit Nachrichten muss das alles nichts zu tun haben, wir gehen stark in den Community-Bereich und in den E-Commerce hinein. Vielleicht gelingt uns auch im Social-Media-Bereich noch etwas. Wir werden zwar weiter im Print wachsen – wahrscheinlich als Einzige in der Branche. Die große Zukunftschance heißt jedoch Digital Business. In fünf Jahren werden wir in Österreich zu den ganz, ganz Großen im Online-Bereich zählen. In neue Printprodukte werde ich dagegen kaum mehr etwas investieren.

Burda verkauft in Deutschland Tierfutter, Ihr Konkurrent „Österreich“ macht erfolgreich in Reisen und denkt an ein „virtuelles Kaufhaus“. Wenn die Verlage zu Mini-Amazons mit angeschlossenem Content-Beiwerk werden – bleibt dann der Journalismus auf der Strecke?

Dichand: Es wird ihn weiter geben, aber er wird – überspitzt formuliert – in vielen Häusern eine Sparte von vielen sein. Netdoktor hat sicher nichts mit klassischem Journalismus zu tun. Wir werden immer mehr zum Händler werden: In unserem Haus werde ich CEO sein, einer wird das Tageszeitungsgeschäft machen, der Zweite das Digitalgeschäft und ein Dritter das, was sich eben noch entwickeln wird. Qualitätsmedien, wie es sie derzeit gibt, werden nur durch finanzstarke Eigentümer, seien es Private oder Konzerne, in der jetzigen Form bestehen können.

Das klingt ganz danach, als ob den Red Bulls auch die Zukunft der Medienwelt gehört.

Dichand: Na ja, die haben halt vom Content-Geschäft wenig Ahnung. Bei Tageszeitungen und Magazinen brauchst du Blattmacher, und von denen gibt es in unserem Land nur zirka fünf fähige. Red Bull macht mit „Servus in Stadt und Land“ ein sehr gutes Magazin, aber das „Red Bulletin“ ist genau das Gegenteil: Inhalt, der völlig am angezielten Leser vorbeigeht. Da hat jemand nicht verstanden, was Journalismus ist.

Red-Bull-Gründer Dietrich Mateschitz kann es sich leisten, einige hundert Millionen in Medienversuche zu stecken.

Dichand: Wenn man als Erfolg definiert, Geld zu verdienen und viele Leute zu erreichen, wäre das „Red Bulletin“ kein Erfolg.

Geld und Reichweite sind die wichtigsten Erfolgsparameter im Journalismus?

Dichand: Gute Frage. Journalismus verändert sich zur Zeit ja extrem.

In welche Richtung?

Dichand: Jeder kann heute ungeprüft irgendwas ins Netz stellen. Gut recherchierte Geschichten nehmen ab, leider auch bei den so genannten Qualitätsjournalisten. Wir mussten uns einmal mit einer anonymen Anzeige bei der Bundeswettbewerbsbehörde gegen uns beschäftigen, wo jemand geschrieben hat, dass ja in einem „Standard“-Artikel zu lesen war, dass „Heute“ der SPÖ gehört. Das ist tendenziöser, unkontrollierter Journalismus.

Sie spielen wohl auch auf die Recherchen des jungen Investigativportals dossier.at an, die in den letzten Tagen ins Netz gestellt wurden und eine Liste der größten Anzeigenkunden seit 2004 beinhalteten – mit der Stadt Wien und stadtnahen Unternehmen als mit Abstand größten Inserenten von „Heute“.

Dichand: Nicht eine einzige Zahl, die dort genannt wurde, stimmt. Das ist eine Kindergartenarbeit. Ich habe nur den Fehler gemacht, dem „Standard“ zu sagen, dass ich sie klage. Aber wie willst du dich gegen so etwas wehren?

Soweit ich weiß, haben sie in der Nationalbibliothek schlicht einzeln die Inserate aller „Heute“-Ausgaben nachgezählt und Bruttowerbewerte hochgerechnet.

Dichand: Aber nicht einmal wir haben herausgefunden, was unsere Seiten vor sieben Jahren gekostet haben. Insgesamt gefällt mir die Tendenz nicht: Die rufen auf ihrer Homepage dazu auf, ihnen Geld zu geben und sich das nächste Ziel vorzunehmen – demnächst soll, glaube ich, Raiffeisen dran sein. Wollen wir das? In einer Verfolgungsgesellschaft leben? Nein, das ist kein Qualitätsjournalismus.

Und klagen Sie dossier.at?

Dichand: Wir schauen uns das jetzt eine Weile an, dann entscheiden wir. Sicher ist: Die Branche wird sich das Inserate-Thema in den nächsten Monaten wahrscheinlich wechselseitig an den Kopf werfen und sich selbst damit gehörig schaden. Dabei glaube ich nicht, dass man größere Redaktionen mit Inseraten beeinflussen kann, das ist ja lächerlich.

Wobei Sie ja selbst anno 2005 im trend gesagt haben, „Heute“ sei „natürlich auch gemeindenahe“.

Dichand: Aber wir sind in Niederösterreich auch Pröll-nahe. Denn ich finde, dass es sowohl Häupl als auch Pröll super machen. Wäre der Strache Bürgermeister, würde ich ihm nicht nahestehen. Das ganze Gerede ist ja Quatsch: Ich bin Herausgeberin, ich kann schreiben, was ich will, meine Redaktion kann schreiben, was sie will – niemand hat uns etwas zu sagen. Nebenbei gesagt: Es gab im letzten halben Jahr kein Medium, das die Preiserhöhungen der Stadt Wien so stark angegriffen hat wie „Heute“.

Aber der von dossier.at ebenfalls aufgezeigte Punkt 5 der Dienstverträge von „Heute“-Mitarbeitern, wonach man als Redakteur Rücksicht auf Anzeigenkunden zu nehmen habe – gab’s den wirklich?

Dichand: Das hat ein Anwalt formuliert, damit der Chefredakteur weiß, dass wir von Anzeigen leben. Das war einfach ein blöder Satz, der nur in Altverträgen drinnen ist. Aber diese Diskussion ist unglaublich dumm – ich kann jederzeit jeden rausschmeißen, wenn ich es will. Probieren Sie mal als Journalist im „Standard“ drei Wochen lang zu schreiben, der Strache ist super – dann sitzen Sie nicht mehr dort. Weil das einfach nicht die Blattlinie des „Standard“ ist.

Sie haben in Wien über 40 Prozent Reichweite, die „Krone“, die von ihrem Mann geführt wird, hat 33 Prozent. Sind Sie mächtig – oder streicheln Sie lieber Ihren Hund, wie das berühmte Diktum Ihres Schwiegervaters, des „Krone“-Gründers Hans Dichand, in Bezug auf Macht lautete?

Dichand: Das habe ich mir noch nie überlegt, ich mache das ja nicht, um Macht zu haben. Aber natürlich, wenn „Heute“ gegen ein Bauprojekt ist, hat derjenige wahrscheinlich wenig zu lachen.

Und das entscheiden Sie?

Dichand: Nein, die Redaktion. Nur vor Wahlen schaue ich manchmal, dass wir nicht zu einseitig werden. Bei der Wehrpflicht-Debatte haben wir gesagt, wir sind ein urbanes Produkt, wir finden, dass sich die Politik mit wichtigeren Dingen wie zum Beispiel Bildung beschäftigen sollte. Bei der Wehrpflicht werden wir also beide Seiten beleuchten.

Wie darf ich mir die Abende im Hause Dichand vorstellen? Sie kommen beide nach Hause und unterhalten sich darüber, was der Aufmacher in „Krone“ und „Heute“ am nächsten Tag ist?

Dichand: Nein. Zuerst einmal stürmen drei Kinder auf uns zu. Wir reden eher über allgemeine Entwicklungen. Ich kenne meinen Inhalt des nächsten Tages ja in der Regel am Abend nicht einmal. Wir haben einen komplett anderen Job: Ich mache keine journalistischen Geschichten wie mein Mann, sondern das Business. Und in manchen Bereichen haben wir auch völlig unterschiedliche Blattlinien, etwa bei der EU.

Was haben Sie verlegerisch von Hans Dichand gelernt?

Dichand: Dass der Inhalt das Wichtigste ist – da kann das Marketing noch so gut sein. Er hat es als einer der wenigen in der Branche auch meisterhaft beherrscht, verschiedene Meinungen in seinem Blatt zuzulassen.

Abschließend: Sie scheinen mit Ihrer Digitaloffensive mächtig Freude zu haben – wie stark werden Sie sich persönlich darin einbringen?

Dichand: Ich werde mich in den ersten Jahren dort stark um den Verkauf kümmern. Jeder erfolgreiche Unternehmer ist zuallererst Verkäufer. Wir werden eine neue Gesellschaft namens Jupiter gründen, darin werden alle Digitalaktivitäten gebündelt. In diese Gesellschaft wird auch das Geschäft von heute.at eingebracht werden. Und ja, Ihr Eindruck ist richtig: Ich habe eine Riesenfreude damit. Man verliert ja ein bisschen den Enthusiasmus, wenn man etwas zu lange macht. Und ich gebe zu, dass mich manchmal auch nervt, dauernd angegriffen zu werden. In dieser Branche greifst du dir ja manchmal an den Kopf. Jetzt werde ich noch einmal etwas ordentlich aufbauen, dann kann ich mit 40 in Frühpension gehen.

 
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