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Angelika Kramer
15.10.201207:46 Uhr
Magna: Nach Stronach ist das Leben härter

Magna: Nach Stronach ist das Leben härter

  • Mit dem Abgang des Austro-Kanadiers aus dem Magna-Aufsichtsrat hat der Standort Österreich konzernweit massiv an Bedeutung verloren.

Magna Österreich gerät unter Druck: Der Autoabsatz geht zurück, der Preisdruck steigt, und die Lohnkosten fressen die Gewinne auf. Aber was vielleicht am schwersten wiegt: Frank Stronachs schützende Hand fehlt jetzt.

Frank Stronach, der Politiker, wird nicht müde zu betonen, was Frank Stronach, der Unternehmer, für die Wirtschaft alles getan hat. Als Gründer von Magna habe er unzählige Produktionsstätten und Hunderttausende Arbeitsplätze geschaffen; das qualifiziere ihn auch für einen Top-Job in der heimischen Politik, so meint der selbstbewusste Milliardär. Beim Autozulieferer Magna beäugt man die Polit-Ambitionen des einstigen Haupteigentümers mit einiger Distanziertheit. Unterstützung kann sich Frank von "seiner“ Magna im Wahlkampf nicht erwarten. "Die Gründung dieser Partei steht in keiner direkten oder indirekten Verbindung und beinhaltet keine Mitwirkung seitens Magna International“, ließ eine Unternehmenssprecherin ausrichten. Die Motive liegen auf der Hand: Welches Unternehmen will schon als Unterstützer eines Polit-Rebellen gelten, der in aller Öffentlichkeit die deutsche Bundeskanzlerin Angela Merkel diffamiert? Eine Kanzlerin, die auch für die Zukunft des Unternehmens nicht ganz unwesentlich ist, zumal die wichtigsten Kunden von Magna in Deutschland sitzen. Auf der anderen Seite zeigt sich gerade jetzt, rund eineinhalb Jahre nach seinem endgültigen Abschied von Magna, wie wichtig Stronachs Wirken speziell für das Österreich-Geschäft war. Ohne ihn läuft es hier nicht mehr so rund.

Mit dem Abgang des Austro-Kanadiers aus dem Magna-Aufsichtsrat hat der Standort Österreich konzernweit massiv an Bedeutung verloren, so berichten hochrangige Magna-Manager. Auch das Ausscheiden von Sigi Wolf als Co-CEO von Magna International hat dazu beigetragen. Ohne Austro-Frank und Austro-Sigi ist Magna nur mehr eine ganz normale börsennotierte Gesellschaft, die ihren Aktionären verpflichtet ist. Der Fokus liegt nun viel stärker auf Globalität, auf regionale Befindlichkeiten wird im kanadischen Konzern nunmehr wenig Bedacht genommen.

Europas Automarkt in der Krise

Dumm nur, dass dieses Downgrading Österreichs innerhalb des Konzerns ausgerechnet mit einer veritablen Krise in der europäischen Autoindustrie zusammenfällt. Das macht den Job von Günther Apfalter, als Europa-Chef von Magna auch für Österreich verantwortlich, nicht leichter.

Zwar verlief das erste Halbjahr noch halbwegs zufriedenstellend, aber schon im zweiten Halbjahr rechnen Experten mit massiven Einbrüchen beim Autoabsatz. Der deutsche Experte Ferdinand Dudenhöffer geht sogar davon aus, dass das Jahr 2013 die schlechtesten Autoverkäufe in Europa nach 1993 bringen könnte - und das bei tendenziell sinkenden Preisen.

Magnas CEO Don Walker, der Ex-Schwiegersohn von Frank Stronach, hat deshalb die Parole ausgegeben: Investitionen haben vorwiegend in Asien und Nordamerika stattzufinden, nicht jedoch in Europa. "Wir werden sicher nicht dieselben Fehler in Europa machen wie in der letzten Finanzkrise.“ Die jüngsten Zahlen geben Walker Recht: Während die Fahrzeugproduktion im ersten Halbjahr in Nordamerika um 23 Prozent auf 7,9 Millionen Stück anstieg, sank jene in Westeuropa um sieben Prozent auf 6,8 Millionen Einheiten ab. Für den Autoproduzenten Magna Steyr in Graz sind das keine guten Nachrichten.

Doch nicht nur die sinkende Nachfrage wird für Magna in Österreich, wo zurzeit rund 11.000 Mitarbeiter beschäftigt sind, zunehmend ein Problem. Die Fertigung ist hierzulande auch vergleichsweise teuer: Während die Magna-Gewinnmarge in Nordamerika bei sechs Prozent liegt, jene von Europa immerhin noch bei zwei bis drei Prozent, fällt jene von Österreich auf 0,7 bis 1,1 Prozent ab (siehe Tabelle S. 28), so klagt ein Magna-Manager. Schuld daran seien primär die hohen Lohnnebenkosten. Und genau hier will Günther Apfalter verstärkt ansetzen. Zuletzt war ein Magna-Fertigungsstandort für den in Kooperation mit Daimler und Nissan gefertigten Kleinwagen der Marke Infiniti in Polen geplant - wo deutlich billiger als in Graz produziert werden kann. Zwar haben sich diese Pläne mittlerweile zerschlagen. Aber eine Entscheidung darüber, ob die Produktion der anfangs 60.000 Stück des Infiniti überhaupt in Europa stattfinden wird, soll erst gegen Jahresende fallen.

Harte Lohnverhandlungen

Schon früher, nämlich ab Mitte Oktober, soll es bei den Lohnverhandlungen zur Sache gehen. Bereits im Vorfeld hat das Magna-Management beim Betriebsrat seine Wünsche deponiert: Jene Mitarbeiter, die über dem Kollektivvertrag bezahlt bekommen, sollen nur die Inflation abgegolten bekommen, nicht jedoch allfällige höhere Abschlüsse. Als "Fressklausel“ wird dieser Rabatt unternehmensintern bezeichnet. Die Gewerkschaft tobt: Dies sei ein Anschlag auf die Sozialpartnerschaft, heißt es. Mit weiteren Äußerungen wollen sich beide Seiten vor dem offiziellen Verhandlungsbeginn jedoch zurückhalten.

Ein Magna-Mann stellt jedoch unmissverständlich klar: "Man verlangt von uns eine Art Standortsicherungsklausel. Gleichzeitig verteuert die Politik den Standort Österreich ständig. Das geht irgendwann nicht mehr zusammen.“ Ziemlich eindeutige Drohungen über Produktionsabsiedelung ins benachbarte billigere Ausland stehen im Raum. Das will die steirische Politik nicht unwidersprochen auf sich sitzen lassen: Erst kürzlich wies Wirtschaftslandesrat Christian Buchmann darauf hin, dass das Land immer ein guter Partner für Magna gewesen sei, und betonte die kürzlich beschlossene Millionenförderung von drei Magna-Forschungsprojekten.

Trotzdem ist auf den Fluren der Magna-Niederlassungen öfter von "Downsizing“ die Rede. Vor allem jene Standorte, in denen Know-how keine große Rolle spielt, sind gefährdet: wie etwa in Ebergassing, wo Innenverkleidungen und Autoteppiche produziert werden. Lannach hingegen, wo sich Magna Powertrain befindet und Hightech-Antriebssysteme erzeugt, entwickelt sich zu einem der Musterschüler innerhalb des Konzerns.

Große Mini-Lücke

Downsizing wird vor allem dann ein Thema, wenn es nicht gelingt, jene Lücke rechtzeitig zu füllen, die die auslaufende Produktion von Mini-Modellen mittelfristig hinterlassen wird. Erst vor zwei Wochen hat ja BMW mit der Aussage überrascht, die Produktion des Mini Countryman bzw. Paceman in Graz aufgeben zu wollen. Von der Logistik sei ein niederländischer Konkurrent attraktiver als Magna. Ein schwerer Schlag für die Österreicher, hat sich doch der Mini zu einem richtigen Renner entwickelt: Mit 102.000 produzierten Stück im Jahr macht er den Großteil der Grazer Produktion von insgesamt 130.000 Autos aus. Bis 2016 sei die Mini-Produktion noch gesichert, versichert Magna. Die Suche nach einem Nachfolge-Auftrag ist aber bereits in vollem Gange. "Spätestens Ende 2013 müssen wir wissen, wie der Mini ersetzt wird“, so lautet die Vorgabe. Leicht wird es nicht, an neue Aufträge zu kommen, denn einige Hersteller tendieren dazu, auch die Nischenmodelle, von denen Magna lebt, nicht mehr außer Haus zu geben, sondern selbst in Billiglohnländern zu produzieren.

Sparen muss Magna-Österreich-Chef Apfalter nicht nur bei den Lohnkosten, auch die Mietkosten sollen reduziert werden. Deshalb wackelt sogar die Firmenzentrale in Oberwaltersdorf. Denn nicht mehr Frank Stronach ist der Eigentümer, bei dem man billig Unterschlupf finden konnte, sondern das US-Unternehmen Granite Real Estate. Der von diesem verrechnete Mietpreis liege im "zweistelligen Prozentbereich über dem Markt“, berichtet ein Magna-Insider. Ende 2013 läuft der Vertrag aus. Kommt man sich bei den Konditionen nicht substanziell näher, ist eine Übersiedlung der Zentrale nach Graz oder auch ein Neubau im niederösterreichischen Umland möglich.

Jubel an der Börse

Während man also hier den "Frank-Effekt“ vermisst, wird Stronachs Abgang an der Börse bejubelt. Die Aktie legte im letzten Jahr stark zu (siehe Chart). Was die Österreicher schmerzt, nämlich die Bevorzugung durch Stronach verloren zu haben, freut die meisten Aktionäre. Kürzlich meinte ein Journalist im "Toronto Star“ unter dem Titel "Magna geht es gut ohne seinen Gründer“, dass es mit dem europäischen Übergewicht wohl bald endgültig vorbei sei.

 
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