Wirtschaft

Markus Groll
14.09.201207:21 Uhr
Ins boomende Geschäft der Wetterdienste steigt nun auch Red Bull ein

Ins boomende Geschäft der Wetterdienste steigt nun auch Red Bull ein

  • Am unregulierten österreichischen Markt der Wetterprognosen kämpfen staatliche und private Anbieter.

Im boomenden Geschäft mit Wetterprognosen rangeln private und staatliche Anbieter immer heftiger um Kunden. Nun steigt Red Bull bei Ubimet, Österreichs größtem privatem Meteorologie-Dienstleister, ein.

Als die Hagelwarnung bei der Rennleitung der Eisenstraße-Klassik, einer traditionellen Oldtimer-Rallye in Waidhofen in Niederösterreich, eintrifft, ist Schluss mit lustig: Immerhin schnurrt gerade ein liebevoll restaurierter Jaguar E-Type S1 OTS aus dem Jahr 1965 über die Ziellinie, dicht gefolgt von einem blank polierten Aston Martin DB2/4 Mk1, Baujahr 1954.

Auch wenige Kilometer weiter, in Wieselburg, rückt nach dem Unwetteralarm das Barometer statt der Stoppuhr ins Zentrum des Interesses. Dort findet gerade die Meisterschaft im Heißluftballonfahren statt. Kurz darauf verjagt Nova-Rock-Veranstalter Ewald Tatar im burgenländischen Nickelsdorf nach einem Telefonat mit seinem Wetterdienst 20.000 Jugendliche vom Festivalgelände. Sturmböen sind angesagt, und weltbekannte Rockbands wie Linkin Park und Marilyn Manson sind zum Däumchendrehen gezwungen.

Mitleidiges Lächeln über Vorhersagen ist passé: Über Wetterprognosen macht sich mittlerweile kaum jemand mehr lustig. Im Gegenteil. Für Eventveranstalter, aber auch für Landwirtschaft, Energieversorger, Versicherungen oder Medien werden Wetterprognosen immer wichtigere Kalkulationsgrundlage. Das steigende Interesse hat aus einer früher zuweilen verunglimpften Spielwiese verschrobener Wetterfrösche ein lukratives Geschäftsfeld gemacht, in dem neben den staatlichen Wetterdiensten zunehmend auch private Anbieter immer härter um Kunden buhlen. Die Atmosphäre in der Szene ist mittlerweile spannungsgeladen wie vor einer Gewitterfront aus dem Norden, die auf warme Luftmassen aus dem Süden trifft. Michael Fassnauer, Geschäftsführer von Österreichs größtem privatem Wetterdienstleister Ubimet mit rund 100 Mitarbeitern, kritisiert: "Angesichts von vier öffentlich finanzierten Wetterdiensten in Österreich herrschen hier nicht normale Marktverhältnisse.“

"Wir Privaten können nur gegen die etablierten staatlichen Wetterdienste ankämpfen, weil wir erfinderisch sind“, zeigt sich auch Klaus Reingruber von Blue Sky Wetter angriffslustig. Bonuspunkte sind die gezielt auf Kundenbedürfnisse abgestimmten Produkte, etwa das Vorhersagemodell Blue Forecast, das für jeden Kraftwerksstandort eines Energieversorgers detaillierte Prognosen machen kann. Ubimet hat die Web-Plattform der Unwetterzentrale Österreich (www.uwz.at) eingerichtet. Die Zahl der Besucher hat sich von Juli 2011 auf Juli 2012 schlicht verdoppelt. Die neu gelaunchte Wetter-App wurde seit April 165.000-mal heruntergeladen.


Totale Transparenz

Auch das Werkzeug der SMS-Wetterwarnung stößt auf Nachfrage. Denn die Handynetzbetreiber hätten technische Schwierigkeiten, größere Kundengruppen gleichzeitig mit Nachrichten zu versorgen, sagt Ubimet-Chef Michael Fassnauer. Seine Firma hat ein technisches System geschaffen, das Zehntausende versorgen kann, ohne das Netz kollabieren zu lassen. Nachsatz: "Unsere Qualität ist extrem transparent, denn ob unsere Prognosen eintreffen, kann jeder Kunde leicht selbst überprüfen.“

An die diversen Ubimet-Dienste sind europaweit mittlerweile über 1,5 Millionen Empfänger angeschlossen, darunter auch Kunden wie die "Wiener Zeitung“, das Nova-Rock-Festival oder das Donauinselfest. Mit dem Medienhaus von Red-Bull-Eigentümer Didi Mateschitz hat sich Ubimet eben einen mehr als finanzkräftigen 50-Prozent-Partner an Bord geholt. Auch bei Red Bull weiß man, dass Wetter neben Sport und TV-Programm zu den am stärksten nachgefragten Medieninhalten zählt. "Damit können wir weiter expandieren“, kündigt Fassnauer an.

Die Konkurrenzsituation wird umso brisanter, als Österreich schon mit öffentlichen Wetterdiensten eher überversorgt ist. Neben der Zentralanstalt für Meteorologie und Geodynamik (ZAMG) in Wien mit insgesamt rund 300 Mitarbeitern bieten auch die Flugsicherung Austro Control (seit 2006 über die Tochter MeteoServe), ein eigener militärischer Wetterdienst sowie der öffentlich-rechtliche ORF ähnliche Dienstleistungen an. Ein Umstand, der Kritiker seit Jahrzehnten zur Idee der Zusammenlegung anregt, die von den Institutionen aber genauso kreativ zurückgewiesen wird. Erst vor einem halben Jahr beklagte der Rechnungshof: "Das identifizierte Einsparungspotenzial bei Zusammenlegung von 2004 bis 2011 wurde um 22,8 Millionen Euro verfehlt“.

Der Druck durch Private hat aber auch bei den staatlichen Meteorologen für Bewegung gesorgt, gibt Michael Staudinger von der ZAMG offen zu: "Wir haben uns neu aufgestellt, um besser auf Kundenbedürfnisse reagieren zu können.“ Die ZAMG bezieht über das Europäische Zentrum für mittelfristige Wettervorhersagen (ECMWF) Computerprogramme. Ein Update im Herbst macht dann zum Beispiel treffsichere Prognosen für einzelne Bezirke Wiens möglich. Solche Prognosen sind vor allem für wetterabhängige Unternehmen interessant. "Damit konnten wir die Winterolympiade in Sotschi 2013 als Kunden gewinnen“, freut sich Staudinger.

Die Privaten beäugen die Bemühungen der Staatskollegen mit Argwohn. Ihr Hauptproblem ist, an valide Beobachtungsdaten zu kommen, aus denen sie dann nach eigenen Rechenmodellen Prognosen erstellen können. Im Unterschied zu Amerika, wo Wetterdaten öffentliches Gut sind, stelle die staatliche ZAMG ihre Werte aus 250 genormten Bodenstationen, aus Radar-, Flug-, Schiff- und Satellitenmessungen vorwiegend entgeltlich zu Verfügung. Ubimet-Chef Fassnauer beklagt sich: "Dabei sind Wetterstationen wie früher Telefon- oder Stromleitungen öffentlich finanzierte Infrastruktur.“ Und Mitbewerber Reingruber sekundiert: "Der deutsche Wetterdienst darf gar keine privaten Dienstleistungen anbieten.“


Wirtschaftsfaktor Wetter

Grundsätzlich, so schätzen Experten, hängen rund 80 Prozent der Wirtschaftsleistung in Österreich direkt oder indirekt vom Wetter ab - etwa bei den Energieversorgern. Je genauer die Wassermenge der Flüsse prognostiziert wird, umso knapper kann die teure Reserveenergie kalkuliert werden. Besonders bei erneuerbaren Energieformen wie Photovoltaik oder Windkraft ist die Prognose essenziell für die Planung der Kraftwerkseinsätze. Und genaue Vorhersagen lassen auch bessere Rückschlüsse auf das Verbrauchsverhalten zu.

Beispiel 15. August 2012, Maria Himmelfahrt: Die Prognosen am Tag zuvor sagten strahlenden Sonnenschein voraus, europaweit. Kein Netzbetreiber hatte für diesen Tag Reservekapazitäten bei Kraftwerken reserviert, dementsprechend tief lagen auch die Preise für Strom an den Spotmärkten. Vorhersage und Reaktion darauf erwiesen sich als richtig: Zur Mittagszeit wurden allein in Deutschland 18.500 Megawatt Solarstrom ins Netz geliefert, zusätzliche Produktion wäre hinausgeschmissenes Geld gewesen.

Landwirte wiederum, die die Windverhältnisse genau kennen, können Spritzmittel gezielter einsetzen - und damit Kosten sparen. Infrastrukturunternehmen wie die ÖBB oder die Deutsche Bahn wollen wissen, wann und wo die Kombination von Hitze und Trockenheit die Gefahr von Böschungsbränden durch den Funkenflug der Lokomotivenbremsen hervorruft. Dann werden die betreffenden Abschnitte extra befeuchtet, um teure Zugausfälle zu verhindern. Versicherer wiederum kalkulieren Risikoprämien in Regionen mit besonderer Unwettergefahr anders.


Punktlandung

Wie wichtig exakte Wetterprognosen gerade für Tourismus- und Eventveranstalter wären, zeigte der heurige Sommer, teilweise mit tragischer Deutlichkeit: Am 22. Juni zwangen heftige Regenfälle zur kurzfristigen Absage einer Veranstaltung der Bregenzer Festspiele. Einen Tag später verwüstete eine Mure das steirische St. Lorenzen, auch Todesopfer waren zu beklagen, Urlauber mussten evakuiert werden. Tags darauf kamen zwei Teilnehmer eines Mittelalterfests im niederösterreichischen Pöchlarn ums Leben, als ein Sturm Bäume auf die Festzelte stürzen ließ. Seither reißt die Diskussion darüber nicht ab, ob diese Wetterentwicklungen vorhersehbar gewesen wären, Prognosen ignoriert wurden oder eine exakte lokale Bestimmung eben nicht möglich ist.

Die Prognosegüte der Meteorologen steigt aber in jedem Fall. ZAMG-Boss Staudinger: "Mit der Genauigkeit, mit der früher Eintagesprognosen erstellt wurden, können wir heute schon zwei Tage vorhersagen.“ Die ZAMG-Trefferquote für die Tageshöchsttemperatur (Schwankungsbreite von 2,5 Grad) stieg in den vergangenen zehn Jahren von 78 auf über 90 Prozent. Der private Mitbewerber Ubimet kann locker mithalten: Betrug die durchschnittliche Abweichung einer 7-Tage-Temperaturprognose im Jahr 1996 noch rund 2,3 Grad, sank dieser Wert im Jahr 2011 auf 1,2 Grad.

 
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