Goldmarkt

Bloomberg/feh
16.08.201216:21 Uhr
"Die Goldläden sind leer, weil niemand mehr Gold hat, das er verkaufen könnte"

"Die Goldläden sind leer, weil niemand mehr Gold hat, das er verkaufen könnte"

  • Das Sparpaket zwingt Portugiesen, ihre Schmuckstücke zu verkaufen - Rekordarbeitslosigkeit im zweiten Quartal.

Recycling-Gold wird rar - zumindest in Portugal, wo Läden mit Cash-für-Gold-Tresen wie Schwammerl aus dem Boden geschossen sind. Um ihre Mieten zu bezahlen verkaufen arbeitslose Portugiesen wie Paulo Oliveira selbst ihre Eheringe. Eine Folge des Sparpakets, welches das Land geschnürt hat um Hilfen aus dem Euro-Rettungspaket zu erhalten.

Paulo Oliveira und seine Frau haben ihre Eheringe verkauft. Das Geld brauchten sie, um die Miete zu zahlen, nachdem der Bauarbeiter im Juli seinen Job verloren hat. Es waren die letzten Schmuckstücke, die sie besaßen.

“Jetzt haben wir kein Gold mehr, das uns davor bewahren könnte, diesen Monat rausgeschmissen zu werden”, sagt der 46- Jährige im Zentrum Lissabons, wo sich die meisten Goldkäufer befinden. “Jeder, den ich kenne, muss kämpfen. Sogar die Goldläden sind leer, weil niemand noch irgendwelches Gold hat, das er verkaufen könnte.”

Schmuckschatullen werden geplündert

Oliveira verkörpert einen sich verstärkenden Trend im Europa der Schuldenkrise, in dem die Schmuckschatullen der Haushalte geplündert sind. Rekordpreise und eine sich vertiefende Rezession haben Geschäfte, wo man Gold gegen Geld eintauschen kann, wie Pilze aus dem Boden schießen lassen.

In Portugal hat sich die Anzahl der Schmuckläden mit angeschlossenen Chash-für-Gold-Tresen im vergangenen Jahr um 29 Prozent erhöht, wie eine vom Parlament in Auftrag gegebene Studie zeigt. Im ersten Quartal wurden durchschnittlich zwei neue Geschäfte pro Tag eröffnet. Jetzt werden einige wieder geschlossen.

Die meisten meiner Kunden haben ihre Ringe schon verkauft

“Die Geschäftslage hat sich in wenigen Monaten von großartig zu entsetzlich verändert”, sagt Luis Almeida, dessen Familie seit mehr als 40 Jahren ein Goldgeschäft in der Nähe des Lissabonner Rossio Platzes führt. “Die traurige Wahrheit ist, dass die meisten meiner Kunden ihre Ringe schon verkauft haben.”

Die Versorgung mit Recyclinggold, das zu einem Teil aus geschmolzenem Schmuck hergestellt wird, ist im zweiten Quartal 2012 genüber dem Vorjahr um 12 Prozent zurückgegangen. Der Goldpreis am Tagesmarkt in London hat im Jahr 2011 um 10 Prozent zugelegt und hat am 6. September einen Rekordpreis von 1921,15 Dollar pro Unze erreicht. Seitdem ist der Preis um 17 Prozent gefallen. Zuletzt kostete eine Feinunze Gold etwa 1604 Dollar.

Der Marktumschwung fiel mit Steuererhöhungen und Budgetkürzungen in Portugal zusammen. Das Land muss sparen, um die Bedingungen seines 78 Mrd. Euro schweren Rettungspakets von 2011 zu erfüllen. Portugal war, nach Griechenland und Irland im Jahr 2010, das dritte EU-Mitglied, das unter den Euro- Rettungsschirm schlüpfte.

“Damals habe ich angefangen, all mein Gold zu verkaufen”, sagt Oliveira. Bis er im Juli entlassen wurde, verdiente er 800 Euro im Monat als Maurer. Jetzt nimmt er etwa 15 Euro am Tag ein - als Schuhputzer auf Lissabons berühmter Straße Rua Barros Queiroz. Hier sitzen auch die Goldhändler, die sich beschweren, dass die Konkurrenz ihre Margen schrumpfen lässt.

“Als würden sich sieben Hunde um einen Knochen balgen”, sagt Alcina Bernardo, der ein Goldgeschäft 500 Meter weiter in der Rua do Ouro besitzt, wo einst die Goldschmiede das aus Brasilien importierte Gold verarbeiteten.

Portugal setzt aus Tradition auf das gelbe Edelmetall. Die Notenbank hat im Verhältnis zur Größe der Volkswirtschaft mehr Goldreserven als jedes andere Land der Eurozone, das meiste davon gesammelt während der 36-jährigen Herrschaft des Diktators Antonio de Oliveira Salazar, wie die Daten des Weltgoldrats zeigen.

Der lose Schrott ist eingeschmolzen

“Der lose Schrott am Markt ist bereits eingeschmolzen”, sagt Nikos Kavalis, Analyst bei Royal Bank of Scotland in London, der den Goldpreis 2015 bei 1250 Dollar pro Unze sieht. “Die Leute sind weniger bereit, ihren Schmuck zu einem niedrigeren Preis zu verkaufen.”

Die portugiesische Arbeitslosenrate hat im zweiten Quartal einen Euro-Ära-Rekord von 15 Prozent erreicht. Regierungsprognosen zufolge soll sie im Gesamtjahr auf 15,5 Prozent und 2013 auf 15,9 Prozent steigen.

Oliveira fragt sich, wer ihm, der keinen Job und kein Gold mehr hat, jetzt ein Rettungspaket schnürt. “Es ist schon in Ordnung, wenn die Goldshops pleite gehen - sie haben ihren Gewinn ja schon eingefahren”, sagt er. “Was ich jetzt gern wissen würde: Wer hilft mir und meiner Frau, wenn wir auf der Straße stehen?”

 
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