Wirtschafts- und Finanznachrichten Österreich

Das Interview führte: Doris Gerstmeyer
18.08.201208:41 Uhr
"Der Sozialstaat ist immer leistbar"

"Der Sozialstaat ist immer leistbar"

FORMAT-Interview. Christian Keuschnigg, Chef des IHS, über die Notwendigkeit, den Sozialstaat an Veränderungen anzupassen.

Format: Wie lange wird der Wohlfahrtsstaat noch leistbar sein?

Keuschnigg: Wir werden uns das immer leisten können. Es kommt nur darauf an, in welchem Umfang. Die Kosten dürfen nicht so hoch werden, dass die Beschäftigung in Gefahr gerät. Der Wohlfahrtsstaat muss sich an die Veränderungen im wirtschaftlichen Umfeld anpassen.

Format: Welche Veränderungen sind das?

Keuschnigg: Das ist die Alterung. Daran muss sich der Wohlfahrtsstaat anpassen, aber auch daran, dass sich die Wirtschaft immer mehr globalisiert. Man muss dafür sorgen, dass der Beschäftigungsstandort attraktiv bleibt, aus dem sich der Sozialstaat finanziert. Mit der längeren Lebenszeit wird die Pensionszeit immer länger. Eine Anpassung muss durch längeres Arbeiten erfolgen. Das macht Sinn, weil es die Finanzierung sichert. Durch längeres Arbeiten werden Beiträge länger gezahlt und Pensionen kürzer. Wenn man das ausgleicht, ist viel erreicht.

Format: Kritisiert wird allerdings, dass es in Österreich kaum einen Arbeitsmarkt für Ältere gibt und daher viele vorzeitig in die Pension drängen. Welche Veränderungen sind dazu notwendig?

Keuschnigg: Es gibt viele Länder, die demonstrieren, dass es Jobs für Ältere gibt, etwa in der Schweiz. Das durchschnittliche Ruhestandsalter liegt bei etwa 64 Jahren, und es ist nicht bekannt, dass sich dort große Arbeitslosigkeit oder Invalidität bei den älteren Arbeitnehmern konzentriert. Die Alterung ist ja Folge besserer Gesundheit, und man ist auch länger fit. Es gibt natürlich Unterschiede, je nach Branchen oder Berufszweigen, aber die Voraussetzungen für längeres Arbeiten sind da. Nur muss rechtzeitig sowohl auf der Unternehmensseite als auch auf der Arbeitnehmerseite in Fortbildung und Qualifizierung investiert werden. Wenn das Ruhestandsalter nicht in die Höhe geht, werden die Unternehmer nie anfangen zu investieren.

Format: Wie könnte man Unternehmer motivieren?

Keuschnigg: Man kann Anreize setzen und die Arbeitsmarktpolitik auf ältere Arbeitnehmer zuschneiden. Auch der Staat kann investieren und Qualifikationsmöglichkeiten schaffen. Es geht aber auch darum, die Auswege in Arbeitslosenversicherung, Frühpension oder Invalidität zu erschweren. Es muss stärker als früher geprüft werden, ob die Voraussetzungen wirklich da sind. Wenn das nicht mehr so leicht möglich ist, werden auch die Unternehmen selber einen Anreiz haben, stärker in die Arbeitnehmer zu investieren.

Format: Meist ist ein Freisetzungsgrund aber nicht nur das Alter, sondern der Fakt, das Ältere mehr kosten.

Keuschnigg: Arbeitnehmer, die sich qualifizieren und weiterbilden, werden seltener freigesetzt werden. Sie sind mit ihrem Know-how für ein Unternehmen wertvoll und rechtfertigen teilweise höhere Löhne.

Format: Abgesehen vom Arbeitsmarkt - worauf kommt es bei der Erhaltung des Sozialstaats noch an?

Keuschnigg: Entscheidend ist natürlich auch die Innovationskraft. Das heißt, man muss vorher in Bildung und Ausbildung investieren. Die Wirtschaft muss mit aufstrebenden Schwellenländern wie China konkurrieren. Hohe Löhne können nur mit einer hohen Produktivität, neuen Produkten und Dienstleistungen verteidigt werden.

Format: Wie schätzen Sie die Lage Österreichs ein? Ist der Sozialstaat für das nächste Jahrzehnt gesichert?

Keuschnigg: Der Wohlfahrtsstaat kann nur finanziert werden, wenn das Beschäftigungsniveau auf breiter Basis hoch ist. Diesbezüglich ist Österreich in einer guter Lage. Aber man muss die Anreize so setzen, dass der Wohlfahrtsstaat so wenig wie möglich in Anspruch genommen wird. Die öffentlichen Ausgaben in Österreich sind hoch. Wenn nicht Korrekturen erfolgen, werden sie weiter ansteigen. Man muss rechtzeitig gegensteuern. Wenn man das zu lange versäumt, werden die Anpassungen umso kostspieliger.

 
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