Meinung

Ralf Südhoff
31.07.201210:29 Uhr
Eine historische Chance

Eine historische Chance

In Westafrika war die internationale Gemeinschaft erstmals auf bestem Wege, eine Hungerkrise rechtzeitig einzudämmen - jetzt droht sie alles zu verspielen und eine Katastrophe bald unabwendbar.

Als die 20jährige Zouley ihre Zwillinge in Madarufa im Süden Nigers zur Welt bringt, scheint deren Schicksal besiegelt. Die mangelernährte Mutter hat zwei völlig mangelernährte Kinder geboren – Hassana und Ousseina wiegen bei ihrer Geburt nur gut ein Kilogramm. Die beiden Winzlinge scheinen wie geboren um zu sterben.

Vier Wochen später hat Zouley rosa Wangen. Ihre Zwillinge liegen auf der überlaufenen Station im Krankenhaus für mangelernährte Kinder vor ihr auf dem Bett und schlafen. Sie haben dank angereicherter Milch ihr Gewicht verdoppelt. Sie leben.

Ob sie überleben werden? Die Ärzte sind optimistisch, dass die Familie sogar bald das Krankenhaus verlassen kann, wenn sie auch die Mutter weiter mit Linsen, Weizenbrei und angereicherten Speiseölen aufpäppeln können, bis sie gestärkt genug ist und ihre Kinder stillen kann. Ob das gelingt? Das Schicksal von Zouley, Hassana und Ousseina entscheidet sich innerhalb der nächsten Wochen, so wie das von Millionen von Menschen in Niger und Westafrika, wo eine schreckliche Krise ausgebrochen ist. Und wir zugleich eine historische Chance haben, diesmal eine Katastrophe noch zu verhindern.

Über 15 Millionen Menschen leiden in Niger und in Mali, vom Tschad bis nach Senegal in der Sahelzone unter der dritten Dürre in weniger als zehn Jahren. Ich selbst konnte mich davon vor Ort überzeugen, und ich bin mit einer Frage zurückgekehrt, die weit über den Sahel hinaus von globaler Bedeutung sein wird: Hat die internationale Gemeinschaft aus der Krise am Horn von Afrika gelernt? Schaffen wir es in Zukunft rechtzeitig zu verhindern, dass aus einer Krise eine Katastrophe wird? Eine Katastrophe mit Millionen von Opfern und Miliarden von Hilfsgeldern, die durch rechtzeitiges Handeln nie notwendig gewesen wären?

Manches ist anders in Westafrika als vor einem Jahr in Ostafrika, doch vieles ist sehr ähnlich: Erneut zeigt sich, dass die in den letzten Jahren entwickelten internationalen Frühwarnsysteme funktionieren. Sie schlagen seit Monaten Alarm in Westafrika – genau wie am Horn 2011. Die Dürre im vergangenen Jahr liess die Ernten in Westafrika durchweg in zweistelligen Raten zurückgehen - in Niger um fast ein Viertel, im Tschad um mehr als ein Drittel, in Mauretanien um fast die Hälfte. Erneut berichten Bauern, wie Garba Moussa aus Niger, Vater von acht Kindern: „Sonst kommen wir mit unserer Hirse-Ernte das ganze Jahr aus. Jetzt haben wir längst keine Vorräte mehr und schon lange keine echte Mahlzeit mehr gegessen.“

Wie 2011 in Ostafrika, schlagen lokale Regierungen und Hilfsorganisationen Alarm, weil Nahrungsmittel für Millionen Menschen unerschwinglich werden: Die Preise für Hirse und Mais sind in Niger um mindestens 20% gestiegen. Auch die Zahl der mangelernährten Kinder ist erneut dramatisch: Allein in Burkina Faso muss WFP 250.000 Kinder unter zwei Jahren mit angereicherter Nahrung ernähren. Im Tschad ist jedes zehnte Kind akut mangelernährt, in Niger sogar jedes fünfte. Hinzu kommen erneut Konflikt und Vertreibung: 200.000 Menschen mussten aus Mali fliehen und sie berichten, wie sie ihr Vieh, ihre Felder, ihre Existenz zurücklassen mussten.

Doch eines war bislang anders bei dieser Krise, und dies ist eine historische Chance: die internationale Gemeinschaft hat frühzeitig reagiert und erste Hilfen wurden schon im letzten Herbst bewilligt, unter anderem von der deutschen Bundesregierung. Diese schnelle erste Reaktion hat dazu beigetragen, dass beispielsweise wir vom UN World Food Programme (WFP) in der Sahelzone derzeit 2 Millionen Menschen dringend benötigte Hilfe gewähren können, um die Krise einzudämmen. Hilfe, die Kleinkindern angereicherte Nahrung bringt, um bleibende Schäden zu vermeiden, die Bauern und Bäurinen ermöglicht auf ihren Feldern zu bleiben und diese auf die nächste Aussaat vorzubereiten – statt wie hunderttausendfach am Horn ihr Saatgut zu essen, ihr Vieh zu verkaufen und alles zu verlieren, von dem sie künftig wieder eigenständig werden leben können.

Moderne Art der Ernährungshilfe

Stattdessen können die Betroffenen auf eine moderne Art der Ernährungshilfe bauen, die ihnen durch innovative “Cash for Work” und “Food for Work” Programme etwas Geld oder Nahrungsmittel bereit stellen im Tausch für gemeinnützige Arbeiten, die kurzfristige Nothilfe mit mittelfristigen Lösungen verbinden. So sind derzeit fast eine halbe Million Menschen in Niger in der Lage, statt hungern und fliehen zu müssen, sich auf die immer häufigeren Dürrekrisen vorzubereiten, in dem sie Bewässerungskanäle bauen, Straßen und neue Felder anlegen.

Doch die Erfolgsgeschichte eines neuen Krisenmanagamenets in Westafrika könnte jäh enden: In wenigen Wochen, im Juni, beginnt die schlimmste Zeit in dieser Krise, die sogenannte Hungeperiode - die letzten Monate vor der nächsten Ernte im Oktober. Dann werden noch viel mehr Menschen keine Vorräte mehr haben und allein WFP wird in diesen letzten Monaten über 9 Millionen Menschen für kurze Zeit unterstützen müssen – viermal mehr Menschen als derzeit. Doch ausgerechnet jetzt, im entscheidenden Moment, droht die große Chance für einen Neuanfang in der weltweiten humanitären Hilfe verspielt zu werden: Auch eine Hilfsorganisation wie WFP, die größte humanitäre Organisation der Welt, ist rein freiwillig finanziert. Das bedeutet derzeit, allein für Niger, dem größten Krisenherd im Sahel mit über 5 Millionen Menschen in Not, fehlen WFP akut über 185 Millionen US-Dollar für die nächsten alles entscheidenden Monate – 57% des benötigten Budgets. In der Sahelzone mangelt es an über 350 Millionen US-Dollar.

Die internationale Gemeinschaft muss deshalb jetzt die zweite Hilfswelle starten, noch im Mai – sonst droht sie alle Erfolge der ersten, frühen Reaktion zu verspielen. Weite Transportwege und die einsetzende Regenzeit, die viele Straßen unpassierbar machen wird, werden sonst das Übrige tun, dass die Hilfe viel zu spät ankommen wird - und das würde erneut viele Menschenleben und Millionen US-Dollar kosten, die andernorts fehlen werden.

Wir wissen heute, dass man mit einem 1 US-Dollar extrem weit kommen kann, um ein Kind vor Mangelernährung zu schützen. Wenn es einmal zu spät ist, kostet eine Therapie für ein akut mangelernährtes Kind mindestens 40 US-Dollar.

Wenn wir jetzt erneut in Westafrika daran scheitern zu verhindern, dass aus einer Krise eine Katastrophe wird, werden alle Seiten einen hohen Preis dafür bezahlen - Menschen wie Zouley und ihre Zwillinge den höchsten.

Ralf Südhoff ist Leiter des UN World Food Programme (WFP) in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Er ist gerade von einer Erkundungsmission aus Niger zurückgekehrt. WFP ist die größte humanitäre Organisation der Welt – www.wfp.org/de

 
xiaobeijingren, 13. 08. '12 16:56
Lösung mehr publizieren
Die “Cash for Work” und “Food for Work” sind eine wirklich gute Idee für ein Krisenmanagement. Diese Projekte sollten mehr publik gemacht werden, habe bis dahin noch nichts davon gehört.
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