e!trend

Michael Moravec
02.08.201207:32 Uhr
Handy-Downloads: Unlimitiert und doch begrenzt

Handy-Downloads: Unlimitiert und doch begrenzt

  • Die Download-Geschwindigkeiten der Handynetzbetreiber auf dem Prüfstand.

"Unlimitiertes“ Internet ist derzeit der Verkaufsschlager der österreichischen Handynetzbetreiber. Die in Aussicht gestellten Download-Geschwindigkeiten werden aber bei Weitem nicht erreicht, ergab ein Test des e!trend. Verantwortlich für den Datenstau sind vor allem die zunehmend überlasteten Netze.

Der junge Herr verzichtet beim Anbandeln gänzlich auf verbale Kommunikation und lässt dafür sein Handy sprechen: "I’m sexy and I know it“, dröhnt es. Seine Angebetete antwortet mit Rainhard Fendrichs "Macho, Macho“ über ihr Smartphone. Das Eis ist gebrochen - doch dieser Werbespot von T-Mobile hat auch einen interessanten Aspekt: Beworben wird nicht mehr eine neue Musik-Downloadplattform wie Apples iTunes, sondern das Angebot, aus 18 Millionen Songs zu wählen und bei Bedarf zu streamen, also nicht auf einem Gerät zu speichern, sondern den Datenstrom direkt wiederzugeben. Wann immer ein Lied erneut abgespielt werden soll, muss es wieder und wieder heruntergeladen werden. Ein gutes Geschäft für Handynetzbetreiber also. Vor allem, wenn diese ihre Netze bereits mit den neuesten Technologien wie LTE (Long Term Evolution) ausgebaut hätten und auf ungenutzten Kapazitäten säßen.

Dem ist aber nicht so, wie der e!trend-Test zeigt. Besonders in Ballungsgebieten scheinen derzeit die Netze je nach Anbieter mehr oder weniger restlos überlastet zu sein - denn der mobile Datenverkehr hat sich einer Studie von Cisco zufolge durch den Siegeszug der Smartphones in den letzten Jahren jeweils verdoppelt, auch ohne Musik-Streaming. Und damit erscheint die Strategie so manches Netzkonzerns, als würde die Asfinag bei einem Megastau noch zusätzliche Verkehrsströme auf die betroffene Autobahn umleiten. Was für Ärger sorgt. Im September 2010, kurz nach der Versteigerung der ersten LTE-Frequenzen im 2,6-GHz-Band, inserierte T-Mobile: "Ab 2011 surft Österreich 20-mal schneller.“ Und Marktführer A1 reagierte darauf mit "Bis zu 40-mal schneller schon 2010“. Damals lag die durchschnittliche Download-Geschwindigkeit laut Branchenmagazin "connect“ bei 3,5 Megabit pro Sekunde.

Heute, zur Jahresmitte 2012, müssten die Nummer eins und zwei auf dem Markt demnach 70 bis 140 Megabit erreichen. Doch grau ist alle Theorie: Kein Betreiber erreichte an irgendeinem Messpunkt mehr als zehn Megabit im UMTS/HSDPA+-Netz. Ein ziemlich enttäuschendes Ergebnis, weil Kunden je nach Ausbaustufe 21 bis 42 Megabit versprochen werden. Auf Messungen im LTE-Netz wurde verzichtet. Die Qualität muss zwar deutlich besser sein, aber noch kein Betreiber bietet auch nur eine ansatzweise flächendeckende Versorgung, und entsprechende Endgeräte sind Mangelware.

Die Branche reagiert auf den Datenhunger ihrer Kunden mit gestaffelten Angeboten. Je höher die Geschwindigkeit, desto höher der Preis - wobei die höhere Geschwindigkeit aber eben nicht garantiert werden kann: Wenn sich in einer Sende- und Empfangszelle sehr viele Geräte eingeloggt haben, wird es für alle recht langsam. Der Vorteil für die Mehrzahler: Die Wenigzahler kommen nicht über ein bestimmtes Limit, selbst wenn wenige User eingeloggt sind. Damit bleibt dem Premium-Kunden eine höhere Bandbreite - wenn er Glück hat.

"Die Branche muss sich umstellen“, meint dazu Helmut Spudich, Sprecher von T-Mobile Österreich. Künftige Tarife müssten sich mehr am tatsächlichen Verbrauch orientieren. "Sonst subventionieren diejenigen, die weniger konsumieren, diejenigen, die viel verbrauchen. Das ist ein pädagogischer Prozess.“ Ähnlich argumentiert Hermann Gabriel von A1 Telekom Austria: "Mobilfunk ist eine begrenzte Ressource, und man sollte damit verantwortungsvoll umgehen. Es sind nur verhältnismäßig wenige Sauger und Downloader, die das Netz beständig überlasten.“ Trotz der schnell steigenden Nachfrage habe man aber eine bessere Netzqualität erreicht. So hätten sich die Latenzzeiten - die Zeitspanne, die das Netz benötigt, um auf Eingaben zu reagieren - deutlich verringert.

Unlimitiert und doch begrenzt

Erstaunlich gelassen nehmen die Handykunden in Österreich die Tatsache zur Kenntnis, dass die "unlimitierten“ Internetangebote alle mit einem Limit versehen sind: Je nach Vertrag endet nach einem, drei oder fünf Gigabyte das flotte Vergnügen, die Geschwindigkeit wird von einigen Megabit pro Sekunde auf 64 oder maximal 128 Kilobit heruntergeschraubt. Womit das Surfen zur Qual wird. "Datenbremse“ nennt das die Konsumentenschützerin Daniela Zimmer von der Arbeiterkammer. Beschwerden lägen deswegen aber keine vor. "Die Kunden werden offenbar ausreichend darüber informiert, auch wenn es im kleiner Gedruckten steht.“ Und auch bei der Regulierungsbehörde RTR sind bisher keine Klagen über etwaigen Etikettenschwindel eingegangen.

War Österreich bisher - etwa bei der Einführung von UMTS - in Europa führend, so ziehen bei der vierten Mobilfunkgeneration namens LTE Länder wie Deutschland davon. Grund dafür ist auch die stockende Übernahme des drittgrößten Anbieters, Orange, durch Hutchison 3G. Erst wenn die Wettbewerbshüter in Brüssel und Wien entschieden haben, werden die notwendigen Frequenzen für LTE versteigert. Der Bund hat dafür zwar eine halbe Milliarde an Einnahmen schon für heuer veranschlagt, was sich aber nun nicht mehr ausgehen wird. Die Versteigerung wird nun vermutlich in der ersten Jahreshälfte 2013 stattfinden.

"Ein breitflächiger Ausbau macht erst dann Sinn, wenn die Versteigerung der Frequenzen über die Bühne gegangen ist und eine Neuordnung der bestehenden Frequenzen stattfindet,“ meint dazu Petra Jakob von Orange. Damit scheint klar, dass die große Entlastung der immer langsameren Handydatennetze in Österreich frühestens in einem Jahr beginnen wird. Für Laien eher unverständlich bleibt, dass eine doch eher überschaubare Übernahme in Brüssel mehr als ein Jahr lang geprüft werden muss.

 
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