Wirtschaft

Bernhard Ecker
04.08.201209:12 Uhr
Leo Mautner Markhof – Last Exit London

Leo Mautner Markhof – Last Exit London

  • Der Ex-Industrielle Manfred Leo Mautner Markhof hat seinen Privatkonkurs nach britischem Recht abgeschlossen. An eine Rückkehr nach Österreich denkt er nicht mehr.

Ein Zweig der Familie, die einst als Inbegriff für Reichtum und Tradition aus Monarchiezeiten stand, hat inzwischen mit Österreich gebrochen. Der stets wortgewaltige Manfred Leo Mautner Markhof (MLMM), der Anfang September 60 wird und bis 2010 noch Präsidiumsmitglied der Industriellenvereinigung Wien war, lebt heute in London.

"Ein Würstel ohne Senf ist ein armes Würstel" – die aktuelle Werbeoffensive von Mautner Markhof mit diesem Slogan hat nur noch dem Namen nach mit der traditionsreichen, 1872 geadelten österreichischen Industriellenfamilie zu tun. Denn seit zehn Jahren ist der Senf- und Essighersteller im Eigentum des bayrischen Develey-Konzerns. Ihre Schwechater Brauerei hatten die Mautner Markhofs schon in den siebziger Jahren in die damalige Brau AG eingebracht, heute Teil des holländischen Heineken-Konzerns.

Ein Zweig der Familie, die einst als Inbegriff für Reichtum und Tradition aus Monarchiezeiten stand, hat inzwischen mit Österreich gebrochen. Der stets wortgewaltige Manfred Leo Mautner Markhof (MLMM), der Anfang September 60 wird und bis 2010 noch Präsidiumsmitglied der Industriellenvereinigung Wien war, lebt heute in London. Das Firmenbuch gibt eine Adresse am Cavalry Square mitten im Stadtteil Chelsea an. Sein um vier Jahre jüngerer Bruder Theodor wiederum ist eine Viertelstunde davon entfernt in der Nähe der U-Bahn-Station Earl’s Court ansässig.

Die Begründung, die Mautner-Anwalt Alexander Schoeller für den Wohnsitzwechsel gibt, ist bündig: „Imageverlust“. Nach dem Verlust seines Vermögens 2009 sei es für Manfred Leo Mautner Markhof „logisch“ gewesen, „seinen Lebensunterhalt durch die Wiederaufnahme seiner vor Jahrzehnten begonnenen Tätigkeit als Angestellter in London zu verdienen“. Dem Vernehmen nach war der Ex-Industrielle zunächst für die Wiener Investmentgruppe Hardt Group seines ehemaligen Mitarbeiters aus Schoellerbank-Zeiten, Alexander Schweickhardt, tätig. Inzwischen konzentriert er sich allgemein auf „Consulting im Rahmen von Investments und Handelsgeschäften“, so Advokat Schoeller.

Rasche Entschuldung

Doch die Residenz in der britischen Hauptstadt hat auch recht handfeste Gründe, die den einst guten Ruf auch nicht gerade verbessern. Die beiden Brüder hatten im Zuge der Pleite ihrer Mautner Markhof AG (MMAG) Ende 2008 mit ihrem Privatvermögen für Schulden in Höhe von kolportierten 6,3 Millionen Euro bei den Gläubigerbanken gehaftet. Während Theodor sich mit den Banken verglich, wählte MLMM die Privatinsolvenz. Und da kommt es ihm zupass, dass es das britische Insolvenzrecht ermöglicht, sich deutlich schneller zu entschulden: Während es in Österreich bis zu sieben Jahre dauert, geht es auf der Insel im Idealfall in einem Jahr. So sollen negative soziale Effekte vermieden, ein Neuanfang erleichtert werden.

Mautner Markhof hat die persönliche Pleite demnach schon hinter sich: Laut Anwalt Schoeller "wurde im Februar 2012 die Restschuldbefreiung erteilt“, das Privatinsolvenzverfahren ist somit abgeschlossen. Ist das der Auftakt für einen Neustart oder bloß das definitive Ende eines spektakulären Niedergangs?

Während Theodor verlauten lässt, dass er in der britischen Hauptstadt "in Pension“ lebe und kein Interesse an Öffentlichkeit habe, will MLMM weiterhin seinen Finanzgeschäften nachgehen. Die Hochzeiten seiner beiden Töchter Caroline und Stephanie - die eine heiratete im Juni, die andere wird im Spätsommer vor den Traualtar geführt - machen zwar Reisen nach Österreich unumgänglich. Doch es sei weder eine "Rückkehr noch eine Aufnahme unternehmerischer Aktivitäten“ geplant, formuliert sein Rechtsvertreter Schoeller trocken. Sein Aufsichtsratsmandat in der Galerie Belvedere hat der frühere Lebensmittelkonzernherr noch inne.

Nachwehen

Noch ist die Pleite des Firmenreichs der beiden Brüder nicht ganz verdaut. Während der Konkurs der MMAG seit September 2011 aufgehoben ist, läuft jener der HMT Industriebeteiligungs GmbH noch. Allein in dieser Gesellschaft war per Ende 2009 ein Bilanzverlust von über 26 Millionen Euro aufgelaufen. Der Wiener Rechtsanwalt Michael Neuhauser, Masseverwalter der HMT, will den Status quo nicht kommentieren. Von allen anderen Vermögenswerten musste man sich trennen: Die Beteiligung an der Bedarfsfluggesellschaft Aristojet, die MLMM gemeinsam mit Investor Schweickhardt gegründet hatte, ist längst verkauft. "Sie stehen nun persönlich gerade für das, was sie versemmelt haben - das ist zu respektieren“, kommentiert ein ehemaliger Geschäftspartner die jüngste Volte in der Mautner-Markhof-Geschichte. Denn nach dem Ausstieg der Familie aus dem Lebensmittelgeschäft hatte es der streitbare MLMM noch einmal wissen wollen. Ein neues Feinkost-Imperium unter der Gesellschaft Matmar sollte entstehen, dazu starteten die Brüder eine spektakuläre Einkaufstour: So wurde etwa der Rollmopserzeuger Ozean gekauft, ebenso der ungarische Essighersteller Buszesz, mit Albatros hatte man sogar wieder einen Senf im eigenen Haus.

Als sich abzeichnete, dass das ehrgeizige Ziel, bis 2010 ein 300-Millionen-Euro-Umsatz-Reich zu dirigieren, nicht zu realisieren war, und die Verbindlichkeiten drückten, wurde schnell abverkauft. Der Wiener Unternehmer Hans-Peter Spak, der sein Gabelbissen- und Ketchupgeschäft 2006 um kolportierte 18 Millionen Euro an MLMM verkauft hatte, kaufte es zwei Jahre später um einen Euro plus Übernahme eines kleinen Teils der Schulden von 27 Millionen Euro - vermutlich in einstelliger Millionenhöhe - zurück. Auch Albatros gehört heute dem umtriebigen Spak.

2007 hatten die Brüder noch einen Ausweg im Visier: Sie wollten groß ins Private-Equity-Geschäft einsteigen und Deals nach Art von "Heuschrecken“-Fonds wie Cerberus, dem Bawag-PSK-Eigentümer, machen. Doch dann ging es schnell: Wirtschaftskrise, Pleite, Privatinsolvenz - zu einem Abheben der für diese Zwecke gegründeten Gesellschaft Malun kam es nicht mehr. Malun wurde inzwischen wieder veräußert.

Einzig in Holland hat Manfred Leo Mautner Markhof, früher Schoellerbank-Vorstand und später Österreich-Chef der Baumarktkette OBI, noch gigantische Vermögenswerte zu überschauen. Er sitzt dort im Supervisory Board des Mischkonzerns SHV mit Sitz in Utrecht, der von seinem Urgroßvater mütterlicherseits als Steinkohlehandelsfirma gegründet worden war. Zur SHV Holding, die zu 70 Prozent in Familienbesitz ist, gehören Makro-Großhandelsmärkte in Lateinamerika und Asien ebenso wie die Flüssiggasfirma Primagaz und der Spezialkräneerzeuger Mammoet. Der Konzern hat 2011 bei über 17 Milliarden Euro Umsatz 780 Millionen Euro Gewinn gemacht. "Dort verdiene ich als Aufsichtsrat mehr, als ich als Schoellerbank-Vorstand verdient habe“, vertraute MLMM vor fünf Jahren dem trend an. Und: "Das ist die Größenordnung, die mich wirklich beschäftigt.“

Gut möglich, dass er seine Position dort heute eine Spur vorsichtiger formulieren würde.

 
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