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Tina Kaiser, London
30.07.201215:50 Uhr
London 2012 - die Olympia-Lüge

London 2012 - die Olympia-Lüge

  • Die Welt schaut auf die Olympischen Spiele, die stinksauren Bewohner des Londoner East End nicht.

Während die Welt auf die Olympischen Spiele blickt, sind die meisten Bewohner im Londoner East End, wo sie stattfinden, stinksauer. Sie fühlen sich im Stich gelassen, weil Versprechen nicht eingehalten wurden.

Sobald man das Wort Olympia in den Mund nimmt, wird Anne Scheibler rot im Gesicht. "Die haben uns von hinten bis vorn belogen und verarscht“, sagt die 31-jährige Deutsche. Sie steht im Lagerhaus des "German Deli“ zwischen Paletten von Löwensenf, Miracoli, Nutella, Maggi, Chipsfrisch und Knoppers. Die Londoner Firma beliefert die britische Hauptstadt mit deutschen Lebensmitteln.

Vor anderthalb Jahren mietete das Unternehmen die Halle an der Westseite des Olympiaparks an. "Als wir hier einzogen, sagte man uns, dass es keine Beeinträchtigungen durch Olympia geben werde“, erzählt die Managerin. Wenig später berichteten die Medien über gesperrte Zugangsstraßen. "Unser Gewerbegebiet ist während der Spiele praktisch eingekesselt“, sagt sie, "die Umsatzeinbußen zahlt uns keiner.“

Wenige Tage vor Beginn der Spiele sind Frust, Wut und Zukunftsangst die vorherrschenden Gefühle im Londoner Osten. Das "East End“ solle das größte Regenerationsprojekt Europas werden, verkündete der staatliche Olympia-Bauträger ODA. Tausende von Arbeitsplätzen und neue Wohnungen würden entstehen. "Die umfassendste Wiederbelebung Ostlondons seit dem Mittelalter“, erträumte sich Bürgermeister Boris Johnson.

Die Wirklichkeit sieht anders aus. Angestammte Firmen wurden zerstört, Jobs vernichtet und Menschen aus ihrer Heimat vertrieben. Selbst die für den 230 Hektar großen Olympiapark zwangsenteigneten Firmen bekamen oft keine angemessene Entschädigung. Alles für den gigantischen, zweiwöchigen Sportzirkus.

Negativrekord

Aus gesamtwirtschaftlicher Sicht ist das Projekt Olympia ohnehin ein Desaster. In der Bewerbung hatte es noch geheißen: "Jeder Sektor der Wirtschaft wird von den Spielen profitieren.“ Die Mehrheit der Ökonomen ist anderer Meinung - höchstens kurzfristig könne der Event das Wachstum anschubsen.

Dabei hatte London versprochen, alles besser zu machen als andere Olympia-Austragungsorte zuvor. Statt auf der grünen Wiese sollte in der Stadt gebaut, die Gebäude sinnvoll nachgenutzt werden können. Aber das wird nicht recht klappen.

Die Nachnutzung des Olympiastadions ist ebenso ungeklärt wie die der Handballarena, der Radrennbahn und des Medienzentrums. Letzteres sollte ein Knotenpunkt für Hightechfirmen werden. Weil sich keine Mieter finden, wird bereits über den Abriss des 370 Millionen Euro teuren Gebäudes diskutiert. Eine Enttäuschung ist das olympische Dorf, das aus Investoren-Mangel vom Steuerzahler finanziert werden musste. 2011 kaufte ein Konsortium das Gros der Wohnungen - der Staat machte 350 Millionen Euro Verlust.

Es gibt aber auch positive Effekte: Das einst heruntergekommene East London wirkt heute sauberer, sicherer. Straßen wurden geteert, Bäume gepflanzt, nach den Spielen sollen Schulen und Ärztezentren entstehen. Bislang nur mit Bussen an das öffentliche Verkehrsnetz angeschlossen, verfügt die Gegend nun über die vermutlich beste Infrastruktur der Stadt.

Das nützt Deli-Managerin Scheibler wenig. Sie zeigt auf eine Karte, die sie an die Wand gepinnt hat: "Unser Gewerbegebiet ist eingekeilt zwischen dem Olympiapark im Osten und einer Schnellstraße im Westen.“ Auf der Straße staue sich schon an normalen Tagen der Verkehr. 13 Wochen vor, nach und während der Spiele werden zwei der sechs Spuren zwischen sechs Uhr morgens und Mitternacht gesperrt. Da hat der Olympia-Verkehr Vorrang. Diese Einschränkungen gelten für 175 Kilometer des Straßennetzes.

Drei Stunden Stillstand

Ein schlechter Witz sei das, findet Scheibler. Sie bekommt fast täglich frische Ware wie Thüringer, Spätzle und Weißwürste aus Deutschland und muss Märkte und Geschäfte beliefern. Wie schlimm es wird, kann sie bis jetzt nur erahnen. "Bei einigen Testveranstaltungen im Olympiapark lag jeweils für drei Stunden der Verkehr komplett lahm.“

Gemeinsam mit 44 anderen Unternehmen aus dem Gewerbegebiet verklagte Scheiblers Firma den Bauträger ODA und die Londoner Verkehrsbetriebe auf Schadenersatz, musste die Klage aber zurückziehen. "Uns sind die Gerichtskosten über den Kopf gewachsen“, sagt sie.

Einer der größten Olympia-Verfechter war Robin Wales, Bürgermeister des Stadtteils Newham. Der Bezirk an der Ostgrenze des Olympiaparks ist der ärmste des Landes, fast jeder Fünfte hier hat noch nie in seinem Leben gearbeitet. Jahrelang hat Wales für die Spiele geworben. Bis zu 50.000 zusätzliche Jobs sollten dank des Regenerationsprojekts in den fünf an den Park angrenzenden Bezirken entstehen. Es gibt neue Arbeitsplätze, keine Frage. Zu Spitzenzeiten arbeiteten auf der Baustelle 14.000 Menschen. Aber nur jeder Fünfte davon kam aus den Nachbarbezirken.

Verdrängte Shops

Ähnlich mager ist die Bilanz für die lokale Bevölkerung beim neuen, gigantischen Einkaufszentrum Westfield am Rande des Parks, das die alteingesessenen Einzelhändler unter Druck setzt. "Das Geschäft läuft schleppender“, sagt Reggie Metcalfe. Der 35-Jährige verkauft seit 20 Jahren Obst und Gemüse in der alten Markthalle gegenüber. Hunderte von kleinen Geschäften drängen sich hier. Bald wird der wuselige Basar Geschichte sein, die Halle soll abgerissen werden. "Wir sind der Stadt zu schäbig geworden“, sagt Metcalfe.

Olympia sei wie ein Krebsgeschwür, das sich in die Seele des East Ends gefressen hat, sagt Iain Sinclair. Der 69-Jährige ist ein Star der britischen Gegenwartsliteratur. Sein Buch "Ghost Milk“ prangert die Missstände des "Eitelkeitsprojekts Olympia“ an. Kritik, die die offizielle Seite nicht gern hört. "Die Bezirksverwaltung Hackney hat sogar eine Lesung von mir abgesagt, um mich mundtot zu machen“, sagt Sinclair. Er blättert in einem Aktenordner, der auf 261 eng bedruckten Seiten die Geschichte einer "historischen Zwangsenteignung“ dokumentiert. Geschichten von Menschen und Firmen, die dem Olympiapark weichen mussten. Die Behörden erzählen gern, dass das nur eine öde Brache voll Müll und Kriminellen gewesen sei. "Aber das ist eine gigantische Lüge, das Unglaublichste, was in London je passiert ist“, sagt Sinclair.

Tatsächlich mehrten sich die Berichte von Mietern, die delogiert wurden. Höchste Wellen schlug die Räumung des Sozialbaus Carpenters Estate. Bürgermeister Wales will die schmucklosen Wohnblöcke abreißen, um einen Universitätscampus zu bauen. Er bot der 270 Kilometer entfernten Stadt Stoke-on-Trent Geld, wenn sie Hunderte von Bewohnern übernehmen würde. Stoke-on-Trent wies das Angebot zurück und beschuldigte Wales der "sozialen Säuberung“.

Auf verbrannter Erde errichtet wurde auch das Olympiastadion. 250 Firmen mit 12.000 Mitarbeitern gab es hier bis vor wenigen Jahren, darunter Glasereien, Fischgroßhändler und Druckereien. "Sie wurden zwangsenteignet für das Prestigeprojekt einiger Politiker“, sagt Edelfisch-Händler Lance Forman, einer der wenigen, die das Glück hatten, auf dem Klagsweg ein gleichwertiges Grundstück zu bekommen.

Das Problem sei das britische Enteignungsrecht: "Laut Gesetz darf der Zwangsenteignete keinen Gewinn machen.“ Die Firmen bekamen nur den Gegenwert ihrer Immobilien zugesprochen - gemessen an den Preisen vor der Vergabe der Spiele. Die meisten konnten sich keine Grundstücke in gleichwertiger Lage mehr leisten. "75 Firmen machten ganz dicht, die meisten anderen zogen weg“, sagt Forman. Der Unternehmer ist überzeugt, dass es den Verantwortlichen nie um die Regeneration des Londoner Ostens ging. Das Versprechen an die Bevölkerung sei ein juristischer Winkelzug gewesen, um die Spiele zu ermöglichen: "Für ein Sportereignis darf man Firmen nach britischem Recht nicht enteignen, für ein Regenerationsprojekt dagegen schon.“

 
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