Kommunalkredit - Affäre

Interview: Thomas Martinek
21.07.201207:58 Uhr
"Die heiße Luft müssen wir jetzt ausschwitzen"

"Die heiße Luft müssen wir jetzt ausschwitzen"

  • FORMAT-Interview. FIMBAG-Vize-Aufsichtsratschef Hannes Androsch sieht bei den staatlichen Banken noch ein Risiko von 35 Milliarden Euro.

FORMAT: Wie beurteilen Sie die politischen Bemühungen zur Rettung Europas?

Androsch: Die Stabilisierung des Systems der europäischen Banken und Volkswirtschaften mit den Stützmauern wie dem ESM (Europäischer Stabilitätsmechanismus; Anm.) dauert schon viel zu lange. Diese Verzögerungen aus politischen Gründen haben die Lage nicht erleichtert, sondern maßlos erschwert. Man hat sich ja noch nicht einmal auf Spielregeln für ein besser funktionierendes, der Realwirtschaft dienlicheres Bankensystem geeinigt. Da ist wertvolle Zeit verloren gegangen.

FORMAT: Ein wesentlicher Grund der Krise ist ja das jahrelange Auseinanderdriften von Real- und Finanzwirtschaft. Kann man beziffern, wie groß die daraus entstandene Blase ist?

Androsch: In den letzten 20 Jahren wurden durch das immer größere Auseinanderdriften von Real- und Finanzwirtschaft 3.000 Milliarden Euro Spekulationsgeld, also gleichsam heiße Luft, aufgepumpt - und die müssen wir jetzt ausschwitzen.

FORMAT: Dazu braucht man aber gute Medikamente. Die Bankenrettung war nach Ihren Worten bislang ein "Blindflug im Nebel ohne Radar“.

Androsch: Man hat unter enormem Zeitdruck zunächst wohl das relativ Beste gemacht, was man unter den gegebenen Umständen im Interesse der Stabilität des österreichischen Finanzplatzes tun konnte. Natürlich ist es unverantwortlich, dass man etwa bei der ÖVAG so lange gebraucht hat, um ein Management zu finden. Aber heute geht es darum, um bei der fliegerischen Metapher zu bleiben, jene Teile, die nicht mehr abheben können, mit den geringsten Belastungen für den Steuerzahler aus dem Verkehr zu ziehen und den flugtauglichen Rest der Flotte abzusichern, also das Finanzsystem wieder voll funktionsfähig zu machen.

FORMAT: Um bei dem Vergleich der Flotte mit der österreichischen Bankenlandschaft zu bleiben: Werden alle Flugzeuge, sprich Banken, landen können?

Androsch: Wenn Sie auf Hypo Alpe Adria, ÖVAG und Kommunalkredit Finanz AG anspielen: Diese bewegen sich in einem extrem schwierigen Marktumfeld.

FORMAT: Welche Risiken schlummern bei der teilverstaatlichten ÖVAG und den verstaatlichten Banken Hypo Alpe Adria und Kommunalkredit?

Androsch: Die Risiken schlummern nicht mehr. Sie sind schon schlagend geworden - sonst hätte man ja keine Verstaatlichungsmaßnahmen setzen müssen - noch dazu mit der Zustimmung eines Koalitionspartners, der bekanntlich Verstaatlichungen nicht sehr schätzt.

FORMAT: Anders gefragt: Wie viele Risiken schlummern noch bei ÖVAG, HAA und KK?

Androsch: Man kann sagen, dass die drei verstaatlichten bzw. teilverstaatlichten Banken problematische Aktiva in einer Größenordnung von 30 bis 35 Milliarden Euro haben. Das bedeutet aber nicht, dass diese gänzlich verloren sind. Dass aber nichts davon verloren gehen wird, ist ebenfalls eine Illusion. Das wollen manche Leute nur immer gerne glauben. Diese letztlich zu verkraftende Summe wird keine Katastrophe auslösen, aber eine Belastung sein.

FORMAT: Aber auch keine kleine Belastung.

Androsch: Es muss in Österreich allen klar sein, dass es ungemein wichtig ist, den monetären Blutkreislauf in Schwung zu halten. Das ist ungemein wichtig und im Interesse jedes Arbeitnehmers, jedes Industriellen, jedes Gewerbetreibenden - sonst droht uns sehr viel Schlimmeres.

FORMAT: Wie kann man denn die Situation bei den drei Banken wieder in den Griff bekommen?

Androsch: Die Banken befinden sich in einem sehr problematischen Marktumfeld, in dem die Einbringlichkeit der schlechten Aktiva, vom Verwerten der Sicherheiten bis zum Verkauf von Tochterbanken etc., extrem schwierig ist. Das erfordert ein sehr gutes Abwicklungsmanagement. Es kommt auf die Balance an: Ist es klüger, einen Verlust heute zu realisieren oder bessere Verwertungsmöglichkeiten abzuwarten und bis dahin eine Differenz zwischen nicht zu erhaltenden Zinsen und den zu zahlenden Refinanzierungszinsen für längere Zeit hinzunehmen?

FORMAT: Wie viel wird das den Steuerzahler noch kosten?

Androsch: Das lässt sich schwer abschätzen. Es ist eine Frage, wie lange das Marktumfeld so schwierig bleibt, wie es derzeit ist - man kann auch sagen, wie lange die Krise noch dauern wird. Das zeigt aber einmal mehr, wie wichtig die internationalen Bemühungen zur Krisenbewältigung sind und dass es darauf ankommen wird, die Finanz-und Bankensysteme wieder funktionsfähig zu machen. Der Eigentümer Bund muss aber auch mit der Verpflichtung leben, in überschaubarem Umfang und über die Zeit verteilt, allenfalls erforderliches Kapital bereitzustellen. In Österreich haben wir auch noch einiges auszuschwitzen, aber auf 20, 30 Jahre verteilt, wird das möglich sein.

FORMAT: Bei den Landes-Hypos könnten aber noch weitere Probleme drohen.

Androsch: Da für die Landes-Hypos Landeshaftungen bestehen, alleine die Kärntner haben 18 Milliarden Haftungen und die Niederösterreicher ebenfalls einiges, kann dies auf die öffentlichen Finanzen durchschlagen. Dieses Damoklesschwert dürfen wir nicht außer Acht lassen.

FORMAT: Sie fordern seit langem ein österreichisches Bankenkonzept: Wer sollte das erstellen? Sollte man das jetzt auch noch mit Verspätung angehen oder versuchen, aus der bisherigen Situation das Beste zu machen?

Androsch: Gefordert sind Finanzministerium, Aufsichtsbehörde und Notenbank. Hier gibt es schon noch einiges zu tun. Wahrscheinlich gibt es auch nicht nur ein einziges sinnvolles Gesamtkonzept für eine stabile zukünftige Struktur der heimischen Bankenlandschaft, sondern durchaus auch vernünftige Varianten, die mitzuüberlegen sind. Dass sich Betroffene gegen Strukturveränderungen wehren und dass der Staat Eigentümerrechte zu respektieren hat, schränkt die Veränderungsmöglichkeiten selbstverständlich ein. Gleichzeitig hat das Bankenpaket aber auch Chancen eröffnet, Veränderungen in Angriff zu nehmen, und diese Chancen sollte man endlich nutzen. Im Finanzministerium beginnt man das zu erkennen.

 
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