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Bloomberg/hahn
17.07.201214:57 Uhr
Euro-Schuldenkrise: Deutschland ist der große Gewinner

Euro-Schuldenkrise: Deutschland ist der große Gewinner

  • Deutschlands milliardenschwerer Beitrag zur Rettung der Eurozone ist keine Last, sondern die Basis für die wirtschaftliche Vormachtstellung.

Deutschland kann sich so günstig refinanzieren wie noch nie. Die kurzfristigen Anleihenzinsen liegen sogar schon in negativem Terrain. Dazu gesellt sich ein fallender Euro, der die Wettbewerbsfähigkeit Deutschlands laufend steigert. Deutschland ist alles andere als ein Opfer der Krise.

Die deutschen Exporte bringen mehr ein als die bei den Wählern von Deutschlands Bundeskanzlerin Angela Merkel ungeliebten Rettungsaktionen für die Eurozone das Land kosten. Der geschwächte Euro erhöht den Wettbewerbsvorteil der Deutschen.

Die deutsche Exportwirtschaft erfreue sich inmitten der Turbulenzen eines jährlichen Vorteils in Höhe von 100 Mrd. Euro, sagt Nathan Sheets, internationaler Chefökonom bei der US-Bank Citigroup in New York. Das ist gut zehnmal mehr als Deutschland dieses Jahr mit 8,7 Mrd. Euro zum Rettungsfonds ESM beiträgt.

Die Zahlen untermauern den Nutzen von Merkels ’Sparmaßnahmen-zuerst-Strategie’ für Europas größte Volkswirtschaft. Zumal ihre Wähler Zweifel daran haben, ob es sinnvoll ist, schuldenbeladene Staaten zu stützen. Merkels Strategie hat ihr indes Kritik von Politikern weltweit eingebracht. Die südeuropäischen Länder wollen Erleichterungen, denn ihre Finanzierungskosten und die Risikoprämien ihrer Staatsanleihen sind auf Rekordwerte für die Zeit seit der Euro- Einführung geklettert. Die Sorge der Investoren vor einem Auseinanderbrechen der 17 Mitglieder starken Europäischen Währungsunion steht dahinter.

“Kümmert sie das? Ich glaube nicht”, sagt in einem Telefoninterview David Buik, Marktstratege bei Cantor Index in London, mit Bezug auf die deutschen Politiker. “Es ist ein Kampf jeder gegen jeden. Es geht darum, Dämme hochzuziehen, sich abzuschotten und für sich herauszuholen, was möglich ist”.

Die Rendite zweijähriger deutscher Staatsanleihen ist im Juni erstmals in den negativen Bereich gefallen. Das heißt, Anleger bezahlen dem deutschen Staat Geld für seine Schuldverschreibungen. Im Gegensatz dazu liegt die Rendite der zweijährigen Italien-Anleihen bei rund 3,6 Prozent - das ist dreimal mehr als Deutschland für zehnjähriges Geld bieten muss - und Spanien zahlt für zweijährige Papiere 4,6 Prozent.

Sheets zufolge ist der Wettbewerbsvorteil daraus entstanden, dass Deutschland nun eine Währung hat, die rund 20 Prozent schwächer ist als wenn es noch die D-Mark gäbe. Er hat ausgerechnet, dass die schwächere Währung den nominalen Handelsbilanzüberschuss um rund vier Prozent vom Bruttoinlandsprodukt oder 100 Mrd. Euro angehoben hat. Der Währungsvorteil könnte aufgrund der Geldzuflüsse in sichere Häfen noch bis nahe an 30 Prozent ansteigen, sagt Sheet.

Euro-Export-Bonus

In der vergangenen Woche hatte der Euro ein Zwei-Jahres- Tief touchiert. “Der viel schwächere Euro bringt den deutschen Exporten sicherlich einen großen Schub und hat die Widerstandsfähigkeit der Wirtschaft gestärkt”, sagt auch Christian Schulz, Ökonom bei der Berenberg Bank in London.

Der Internationale Währungsfonds (IWF) hat seine Prognose für das deutsche Wirtschaftswachstum in diesem Jahr angehoben und rechnet nun mit einer Expansionsrate von 1,0 Prozent, im Vergleich zu einer Kontraktion der volkswirtschaftlichen Leistung in der gesamten Eurozone. Die Arbeitslosenrate in Deutschland lag im Juni bei 6,8 Prozent im Vergleich zu 11,1 Prozent in der Eurozone im Mai.

Schulz schätzt auf der Grundlage von Zahlen aus dem Jahr 2010, dass rund 60 Prozent der deutschen Exporte in Länder außerhalb der Eurozone gehen, während es bei Frankreich 50 Prozent und bei Spanien 42 Prozent der Ausfuhren sind. Sheets zufolge haben sich die realen deutschen Exporte seit der Einführung des Euro 1999 um 120 Prozent erhöht. Die französischen Ausfuhren seien dagegen nur um 40 Prozent und die griechischen um 30 Prozent gestiegen.

Währungsstrategen der Bank of America Merrill Lynch schrieben in einem Bericht vom 10. Juli, dass Deutschland bei einem Ausscheiden aus der Währungsunion mehr als jedes andere Land der Eurozone zu verlieren habe. Sie rechneten aus, dass eine neue deutsche Währung bei Einführung 14 Prozent aufwerten würde. Das würde dazu beitragen, die Wirtschaftsleistung um rund sieben Prozent oder 185 Mrd. Euro zu drücken.

Der Währungseffekt sei für Merkel ein “willkommenes Nebenprodukt” der Krise, aber kein angestrebtes Ziel, meint Evelyn Herrmann, Ökonomin bei der BNP Paribas SA in London. Für den Industriesektor sei es willkommen und daher auch für Merkel, die Wachstum wolle, so Herrmann.

“Es mag in anderen Euro-Ländern Verärgerung über Deutschland geben. Aber es ist gut, dass wir Deutschen die Fahne des wirtschaftlichen Erfolgs in Europa hochhalten”, sagt Philipp Graf von Walderdorff, Rechtsanwalt und Exportberater in Bonn und früherer Leiter internationale und politische Beziehungen beim Industrieverband DIHK, in einem Telefoninterview. Andernfalls würden die Chinesen und die Inder Europa einfach abschreiben. “Meine Hoffnung ist, dass Deutschland ein Modell für andere Euro-Mitglieder sein kann und sie dazu bringen kann, einen Teil der Struktur- und Arbeitsmarktreformen durchzuführen, die zu unserem Erfolg beigetragen haben”, erläutert er.

Dominic White, Chefökonom Europa bei Absolute Strategy Research Ltd. in London, sagt: “Es gibt die Ansicht, dass alle positive Entwicklungen in Deutschland einfach die Kehrseite der Pein in anderen Euro-Ländern sind. Darin liegt viel Wahres. Aber die Deutschen sehen es nicht so.”

 
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