Business

Angelika Kramer
16.07.201210:32 Uhr
Die Treichl-Diät

Die Treichl-Diät

  • Die Erste Privatstiftung verliert sukzessive an Macht in der Bank. Aktienverkäufe sind wahrscheinlich.

Schuldenrückzahlung statt Weiterwursteln: Die Erste Privatstiftung, Hauptaktionär der Erste Group, muss sich endgültig von der Sperrminorität an der Bank verabschieden. Macht das die Erste zum Übernahmekandidaten?

Das Jahr 2011 war für Andreas Treichl ein Jahr zum Abschreiben. In jeder Hinsicht. Der sonst von Erfolgen verwöhnte Erste-Group-Chef eckte mit seinem Politiker-Bashing an und erregte die Gemüter seiner Aktionäre, weil er das Institut mit riskanten Geschäften erstmals seit vielen Jahren in die roten Zahlen geführt hatte.

Bei all den Problemen tut auch ein kleiner Erfolg gut, wie er Treichl in der Erste Privatstiftung, dem Hauptaktionär der Erste Group, offenbar gelungen ist. Die Finanzprobleme der Stiftung, die auch gemeinnützige Funktionen erfüllt, sind schon länger bekannt. Sie hat große Pakete an Erste-Aktien fremdfinanziert und kam durch den Kursverfall der Papiere und gesunkene Dividendenerträge unter Druck. Anfang 2012 spitzte sich die Lage derart zu, dass es zum Showdown kommen musste: Weiterwursteln oder die Reißleine ziehen, so lautete das Match. Einige Hardliner in der Stiftung, darunter angeblich Ex-Uniqa-Boss Herbert Schimetschek, sprachen sich dafür aus, durch immer neues Umschulden über Anleihen die Sperrminorität von 25 Prozent an der Erste Bank zu erhalten. Treichl, der auch Stiftungsvorstand ist, plädierte dafür, sich von diesem jahrelangen Dogma zu verabschieden und den Schuldenberg endlich zu reduzieren. Seit 2003 hat die Stiftung versucht, über Aktienzukäufe auf Kredit ihren bestimmenden Einfluss auf die Erste Group zu wahren, doch zuletzt mussten die Machterhalter einsehen, dass das nicht länger möglich ist. Treichl setzte sich durch.

Seit Ende Februar besitzt die Stiftung, die immer als Bollwerk gegen etwaige Übernahmen betrachtet wurde, keinen bestimmenden Einfluss mehr auf die Erste Group. Sie hält nun bei 24,8 Prozent. Dass jetzt nicht mehr um jeden Preis aufgestockt wird, sei Resultat des neuen Treichl-Kurses, ist aus der Stiftung zu hören.

In der Bank ist man bemüht, diesen Machtverlust der Stiftung als Non-Event darzustellen. "Die Sperrminorität hat keine Bedeutung“, heißt es jetzt auf einmal. "Es gibt ja einige Aktionäre, die ähnlich denken wie die Stiftung“, sagt ein Banksprecher. Gemeint ist damit, dass man, sollte es tatsächlich zu einem Übernahmeversuch kommen, jedenfalls mit den Stimmen der Sparkassen und eventuell auch jenen der spanischen Caixa Bank (siehe Aktionäre Erste-Group) rechnen kann.

Stiftung baut auf Freunde

Allerdings sind auch die Anteile der "befreundeten“ Aktionäre seit Jahren rückläufig. Besaßen die Sparkassen im Stiftungs-Gründungsjahr 2003 noch 7 Prozent an der Erste Group, sind es heute nur noch 4,1 Prozent. Und auch die Caixa hielt lange Zeit mehr als 10 Prozent.

Auch wenn sich Treichl gegen so manche Kollegen durchsetzen konnte, Feierlaune vermag nicht aufzukommen. Denn die finanzielle Situation des größten Aktionärs der Erste Group ist noch äußerst angespannt, wie auch aus dem eben erschienenen Geschäftsbericht der Stiftung gut ersichtlich ist. 2011 beliefen sich die Verbindlichkeiten der Stiftung auf stolze 1,2 Milliarden Euro. Zwar konnten die Schulden gegenüber Banken reduziert werden: An die Bawag wurden 270 Millionen, an die Investkredit 100 Millionen und an die Kirchenbank Schelhammer fünf Millionen Euro zurückgezahlt. Dafür schnellten die verbrieften Verbindlichkeiten in lichte Höhen: 2011 allein wurden acht Anleihen mit einem Volumen von nahezu 300 Millionen Euro am Markt platziert. Macht zusammen mit Emissionen aus früheren Jahren ein Gesamtvolumen von mehr als 770 Millionen Euro. Wie man inzwischen weiß, wurde ein erklecklicher Teil dieser Emissionen auch bei Fonds der Konzerntochter Erste Sparinvest untergebracht.

All diese Emissionen waren nötig, um frühere Kredite zu refinanzieren. Unangenehm nur, dass die einzige Geldquelle der Stiftung, die Dividenden aus der Erste Group, mittlerweile versiegt ist. Zwar flossen 2011 noch 68,3 Millionen Euro, heuer kam aber nichts mehr nach. Im Geschäftsbericht der Stiftung liest sich das dramatisch: "Sollte die Stiftung keine Dividendenerträge erhalten, könnte dies wesentliche negative Auswirkungen auf ihre Geschäftsfähigkeit sowie die Liquiditäts- und Ertragslage haben.“ Um das Risiko in Grenzen zu halten, hat die Stiftung versucht, sich über Swaps mit der Erste Group abzusichern. Bislang mit mäßigem Erfolg: 2011 fiel der Marktwert der Swaps mit knapp 10 Millionen Euro deutlich negativ aus. So wie auch das prognostizierte Ergebnis der Stiftung für 2012: Es wird mit minus 50 Millionen Euro gerechnet.

Das 150-Millionen-Euro-Loch

Die von Treichl verordnete Diät für die Stiftung schlägt sich im Geschäftsbericht in einem neuen, mit "Liquidität“ betitelten Kapitel nieder. Daraus geht hervor, dass die Stiftung heuer auslaufende Verbindlichkeiten in der Höhe von 452 Millionen Euro zu refinanzieren hat. 15 Millionen davon wurden bis Ende März schon zurückgezahlt. Weitere 187 Millionen Euro wurden bei bestehenden Gläubigern prolongiert. Doch Ende 2012 steht die Rückzahlung von weiteren 250 Millionen Euro an. Die Finanzierung von 150 Millionen davon scheint aus heutiger Sicht sehr unsicher: "Der Vorstand hat die Grundsatzentscheidung gefasst, keine weitere Umschuldung mehr vorzunehmen, sondern durch den Verkauf von Erste-Group-Aktien einen entsprechenden Verkaufserlös zu erzielen.“ Was nichts anderes heißt, als dass die Stiftung ihre Anteile weiter reduzieren dürfte. Gemessen am heutigen Aktienkurs immerhin um nochmals 2,6 Prozent.

Auch das Budget der Stiftung für gemeinnützige Zwecke, auf das Andreas Treichl immer so großen Wert legte, musste längst eingefroren werden. Neue Großprojekte wird es nicht geben. Der Erste-Chef muss auch als Wohltäter einen Gang zurückschalten. Der Wert der good.bee-Beteiligung, die Mikrokredite in Rumänien vergibt, wurde zu einem Großteil abgeschrieben.

 
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