Meinung

Robert Prazak
24.07.201210:18 Uhr
Für dumm verkauft

Für dumm verkauft

Je komplizierter die Welt, desto dümmer der Einzelne – das meinen zumindest die Medien.

Der amerikanische Intelligenzforscher James R. Flynn hat vor einigen Jahren bei einem Vergleichstest von Intelligenztests über mehrere Jahrzehnte festgestellt, dass die Intelligenz der Menschheit ständig steigt. Allerdings, so haben andere Wissenschaftler später erkannt, steigt der Intelligenzquotient in den hoch entwickelten Staaten nicht mehr weiter an, sondern stagniert. Auch in Österreich. Überhaupt ist das Land, das auch eine Tageszeitung ist, das beste Beispiel für diese Stagnation.

Das erkennt man nicht nur am Betrachten der Mitbenutzer öffentlicher Verkehrsmittel, die sich minuten-, ja stundenlang in Gratiszeitungen vertiefen können. Sondern auch daran, was heute für erklärungswürdig erachtet wird. Einem Menschen des 19. Jahrhundert hätte wohl niemand erklären müssen, wie er sich Schuhbänder bindet, wie ein Pferd zu satteln ist oder wie man sich bei Regen verhält (Schirm aufspannen!). Doch heute werden wir für dumm verkauft. Ehe wir uns dem Verblödungsphänomen genauer widmen, sechs aktuelle Beispiele dafür:

Beispiel 1: Was tun bei Hitze?

Die Hitzewelle, die Österreich in den vergangenen Tagen heimsuchte, dürfte nach Ansicht einiger Experten zu echter Ratlosigkeit bei den Österreichern ausgelöst haben. Wie sonst wäre es zu erklären, dass in einem Artikel einer Tageszeitung Tipps wie folgende gegeben werden:
„Zwei Ratschläge fürs Zuhause wirken dem entgegen: Um die Wohnung kühl zu halten, hilft Verdunkeln. Dadurch kann man auch gleich Konventionen und möglichst viel Gewand ablegen. Auch andere Artikel
widmen sich dem komplizierten Thema mit ausreichend Sachverstand.

Beispiel 2: Was soll ich bloß anziehen?

Apropos Hitze: Der Mensch, im Speziellen der österreichische, hat keine Ahnung, wie er sich im Büro kleiden soll. Eben noch hat er gelernt, er solle bei hohen Temperaturen „möglichst viel Gewand ablegen“, nun erfährt er in einem weiteren Expertenratschlag-Artikel , dass das so für den Job nicht gelten kann. Zum Glück gibt es hier eine Anleitung, wie sich der karrierebewusste Mensch zu verhalten hat: Damen brauchen Strümpfe, Männer geschlossene Schuhe, Ballerinas sind kein Business-Look (Ausnahme: Frauen über 1,80 Meter), über Sakkos entscheidet der Ranghöchste und generell ist alles bei Frauen noch heikler als bei Männern.

Beispiel 3: Was tun bei Gewittern?

In einem Auto, so die landläufige Meinung, ist man recht gut geschützt, wenn es ein Gewitter gibt. Doch wie verhält man sich als Autofahrer? Wer bisher dachte, er sollte bei Blitz und Donner, bei Hagel und Sturm stärker aufs Gas steigen, das Licht abschalten und die Fenster öffnen, wird zum Glück in einem aktuellen Artikel des Besseren belehrt: Lenkrad festhalten ist nur einer der wertvollen Ratschläge, die ein Asfinag-Experte (!) in einer Aussendung gegeben hat und die vor kurzem unter anderem über die Nachrichtenagentur APA gelaufen ist.

Beispiel 4: Einbrecher abschrecken

So sicher wie der Sommerurlaub kommen die passenden Tipps , wie man Einbrecher von seinem Eigenheim abhält. Dass man beispielsweise alle Fenster und Terrassentürenschließen sollte, kommt doch etwas überraschend. Natürlich darf auch der Hinweis nicht fehlen, dass der Postkasten nicht überquellen sollte.

Beispiel 5: Flirten, aber richtig

Zwischenmenschliche Beziehungen sind nicht einfach und schon gar nicht einfach zu verstehen. Zum Glück gibt es professionelle Hilfestellung und
Tipps wie diese: Aber auch das Gespräch mit Personen des anderen Geschlechts will geübt werden. Hierfür kannst du einen Freund des anderen Geschlechts bitten, dein Trainingspartner zu sein. Überhaupt versuchen sich Journalisten oft als Brachialpsychologen, zum Beispiel wenn sie helfen wollen, extreme Schüchternheit zu überwinden: Frage Fremde nach dem Weg, plaudere mit einem Kellner oder mit der Supermarktkassierin – so kannst du dich Schritt für Schritt und ganz unverfänglich davon überzeugen, dass dir nichts passiert.

Beispiel 6: Urlaub, aber gemeinsam

Schwierig ist für so manchen Menschen des 21. Jahrhunderts aber offenbar nicht nur das Finden des Partners, sondern auch die gemeinsame Zeit, zumal in der Freizeit oder gar im Urlaub. Auch das weiß die Tippgeber-Industrie Abhilfe zu schaffen. Zitat: „Gehen Sie also bewusst freundlich miteinander um und planen Sie auch während der Anreise Entspannungspausen ein.. Und wem das alles nichts hilft, kann ja auch noch zum Paartherapeuten – ob vor oder nach dem Urlaub, das ist dann Geschmackssache.

Dumm oder nur für dumm verkauft?

Aber Sie fragen sich vielleicht zu Recht, wo denn die Grenze zwischen dümmlichen Verhaltenstipps und Profi-Ratschlägen ist? Ist der Aktientipp vom Analysten schon ein solcher Ratschlag? Muss man ein Gerät wie das iPhone erklären oder versteht das eh schon jeder? Ist der ESM überhaupt verständlich, wo sich doch nicht mal die Entscheidungsträger damit auskennen?

Oder werden wir von den Medien vielleicht für dümmer gehalten als wir wirklich sind? Vielleicht wollen die Zeitungen, Magazine, News-Portale und alle anderen Informationsmedien ja gar nicht, dass die Leser mitdenken oder gar klüger sind als sie selbst. Man braucht sich nur die Foren mancher News-Portale ansehen, um zu erkennen, dass die Frage berechtigt ist. Wirklich komplizierte Dinge wie Rettungsschirme, Fiskalpakte, Auftragsvergabe von Ministerien, Lobbying-Maßstäbe, Boni für Banker oder ähnliches werden selten bis gar nicht erklärt. Ob man Flipflops im Büro tragen soll, schon.

Wie meinte schon US-Forscher Flynn? „Der Zugewinn an IQ-Punkten ist kein Zugewinn an dem, was die meisten Menschen unter Intelligenz verstehen.“

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Robert Prazak

 
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