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Thomas Martinek, Klaus Puchleitner Mitarbeit: Martin Lux
11.07.201217:27 Uhr

Wie neue Selbständige und Ein-Personen-Unternehmen ums Überleben kämpfen

  • BÜROKRATIE, ABGABEN, KEINE LOBBY – Ein FORMAT-Report über Leistungswillige, die von der Politik behindert werden.

Nachzahlungen an die Sozialversicherung, Vorauszahlungen an die Finanz, behäbige Behörden, wenig flexible Politik: 300.000 neue Selbständige und Ein-Personen-Unternehmen kämpfen täglich ums Überleben. FORMAT zeigt, wo die Probleme liegen, und präsentiert sechs Beispiele zwischen Erfolg und Untergang.

Sie sind bereits ein Heer von 300.000 - und manche von ihnen werden unruhig. Per Flashmob vor dem Sozialministerium, durch Rudelbildung auf Facebook oder über zunehmende Beschwerden bei diversen Anlaufstellen der Sozialversicherungsanstalt der Gewerblichen Wirtschaft (SVA) weisen sie auf ihre Lage hin. Viele der sogenannten "Einpersonenunternehmen“ (EPU) kämpfen wirtschaftlich ums Überleben und liegen mit der Wirtschaftskammer (WKO) und der Sozialversicherungsanstalt (SVA) im Clinch.

Doch es gibt auch Kleinstunternehmer von einem anderen Schlag. Sie hatten das Angestelltendasein satt und kämpfen jetzt lieber alleine und selbständig um Kunden und Einkommen. Viele davon mit großem Erfolg (siehe Fallbeispiele). Sie haben gelernt, wie man Geschäftsmodelle entwickelt, Businesspläne schreibt und Kunden akquiriert. Ihr Lohn ist die Unabhängigkeit. Auch wenn die so weit geht, dass an Wochenenden gearbeitet wird und der Arbeitstag locker zehn Stunden hat. Manche von diesen Vollblut-Einzelunternehmern kommen sogar auf ihre Rechnung und verdienen deutlich mehr als in ihrem früheren Angestelltenleben. Doch diese Gruppe ist klein.

Die wachsende Zahl der neuen Einzelunternehmer symbolisiert einen Wandel in der Beschäftigungsstruktur - nicht nur der österreichischen Wirtschaft. Unternehmen bauen aus unterschiedlichen Gründen die Anzahl der nach Kollektivverträgen angestellten Mitarbeiter ab. Da der Arbeitsmarkt diese aber nicht wieder aufnehmen kann, wählen sie den Weg in die Selbständigkeit. Und so wird das Problem von der Sozialversicherungsanstalt der Angestellten auf jene der gewerblichen Wirtschaft geschoben. Eine Lösung ist das nicht. Deshalb kämpfen die Einpersonenunternehmen wie wild um Erfolg und Überleben.

Die immer selbstbewusster auftretenden Mikro-Entrepreneure passen so gut wie gar nicht mehr in das über Jahrzehnte tradierte Bild vom Unternehmertum, wie es WKO, SVA und wohl auch der Gesetzgeber nach wie vor haben. "Aber Einpersonenunternehmen sind Speedboote“, sagt die Wirtschaftsberaterin Martina Schubert, selbst ein EPU. Flexible und wendige, kleine Wirtschaftseinheiten seien das - mit völlig anderen Bedürfnissen und Erwartungen, als herkömmliche Unternehmen sie haben. Schubert berät Gründer, neue Selbstständige und Ich-AGs bei der Planung und Umsetzung ihrer beruflichen Selbständigkeit. In zahllosen Seminaren und Coachings hat sie sich in das Denkuniversum der Einzelunternehmer eingearbeitet und kann nachvollziehen, warum die meisten von ihnen sich mit Institutionen wie Kammer oder Sozialversicherung so schwer tun.

"Einpersonenunternehmen wollen einfach nur ihre Arbeit machen, ausreichend Geld verdienen und mit dem Thema Verwaltung nicht zu viel zu tun haben“, sagt Schubert. Vielen Einmannfirmen geht es viel eher um persönliche Zufriedenheit im Job oder Selbstverwirklichung - oder auch einfach darum, das zu tun, was sie schon immer machen wollten.

Das Leben ist kein Wunschkonzert

Aber das wirkliche Leben ist eben kein Wunschkonzert. Und so klafft zwischen den Mikrounternehmern und den vergleichsweise traditionell agierenden Apparaten der heimischen Wirtschaftsverwaltung eine immer breiter und tiefer werdende Kluft. Vor allem zwischen besonders schlecht verdienenden "Neuen Selbständigen“ und der SVA kracht es.

Grund des Zwists: Die SVA ist gesetzlich dazu verpflichtet, eine Mindestbeitragsgrundlage einzuheben. Das führt dazu, dass wenig bis gar nichts verdienende Einpersonenunternehmen in Relation zum Einkommen weit höhere Sozialversicherungsabgaben leisten müssen als gut verdienende Einmannunternehmer. Alexandra Glander, ebenfalls ein EPU, hat auf der Facebook-Plattform "Amici delle SVA“ errechnet, dass bei einem Gewinn von 10.000 Euro im Jahr rund 34 Prozent an Sozialversicherungsabgaben fällig sind. Beträgt der Gewinn 100.000 Euro, müssen nur noch etwas mehr als 15 Prozent davon abgeführt werden. Eine Quote, die besonders schlecht verdienende EPUs (immerhin ein Viertel aller Mikrounternehmer setzen brutto nicht mehr als 30.000 Euro pro Jahr um, wovon auch Kosten und Steuern abzuziehen sind) oft an den Rand des Konkurses treibt.

Moderne Sklaven

Als moderne Sklaven sehen sich manche EPUs daher bisweilen: gefesselt von Abgaben, schlecht entlohnt, in unsicheren Prekariats- und sonstigen ungünstigen Auftragsverhältnissen steckend, ausgebeutet, unabsehbaren Risiken ausgesetzt, von Kammer und Sozialversicherung bis zum letzten Cent in ihrem Geldbörsel verfolgt.

Das Problem dabei: Vor allem die Sozialversicherung kann gar nicht so, wie sie vielleicht möchte. "Uns sind vom Gesetz her einfach die Hände gebunden“, bedauert SVA-Chef Peter McDonald, der inzwischen zu Vertretern der EPU-Facebook-Gruppe durchaus eine gute Gesprächsbasis aufgebaut hat. So kommt es relativ oft zu Exekutionen und gar nicht so selten zu kuriosen Sachverhalten, wie etwa im Fall des Grazer Musikers Eik Breit (siehe Fallbeispiele).

Die Sozialversicherung muss bei Beitragsrückständen relativ rasch das Mittel der Exekution anwenden, weil das Gesetz es vorsieht. "Wir sind wie in vielen Fällen leider auch hier nur der Pianist, der nach den Noten anderer zu spielen hat“, weist McDonald jede Schuld von sich. Auch wenn sich schwer abschätzen lässt, wie groß der Spielraum tatsächlich ist, den die SVA-Exekutoren nützen können - oder könnten: Gar nicht wenigen Einpersonenunternehmen brechen die SVA-Forderungen endgültig das finanzielle Rückgrat, und sie schlittern in den Privatkonkurs. 9.596 private Insolvenzen gab es 2011 in Österreich, rund 14 Prozent davon betrafen Einzelunternehmer - deutlich mehr als deren Anteil an der Gesamtbevölkerung.

In der Wirtschaftskammer Österreich ist man sich der Probleme der neuen Einzelkämpfer bewusst. Mit einem umfangreichen Forderungskatalog an die Politiker versucht man, gesetzliche Rahmenbedingungen zu ändern (siehe Interview mit WKO-Chef Leitl). Per Gesetz sind EPUs zwar Mitglied in der Wirtschaftskammer, die stellt sich gerade auf diese neue Art des Unternehmertums, das sich erst in den letzten Jahren so richtig zu entwickeln begonnen hat, ein. Es gibt umfangreiche Informationshilfen, Von der Erstellung von Business- bis zu Finanzplänen ist über eine eigene EPU-Plattform online alles abrufbar.

Von den rund 300.000 Einpersonenunternehmen, die es derzeit in Österreich gibt, sind über 40.000 sogenannte "neue Selbständige“. Diese Gruppe existiert seit 1997, als der Gesetzgeber den Sozialversicherungsschutz auch auf Angehörige neu entstandener Berufe ausweiten wollte. Jeder, der selbständig arbeitet, dies jedoch ohne Gewerbeschein tut, fällt darunter: freie Journalisten ebenso wie selbständige Krankenpfleger, Psychotherapeuten oder Jugendbetreuer. Selbst Totengräber, Piloten oder Animateure können laut einer Liste des "Forums zur Förderung von Selbständigkeit“ unter Umständen dazu zählen. Alle neuen Selbständigen sind zwar in der SVA zwangsversichert, in der WKO aber nicht Mitglied, haben also keine Standesvertretung.

Einigen Berufsgruppen wie den freien Journalisten bietet die Gewerkschaft Unterschlupf. "Wem über freie Dienstverträge oder vergleichbare Konstruktionen ein Angestelltenverhältnis vorenthalten wird, dem bieten wir Schutz, Unterstützung und Mitgliedschaft an“, sagt Bernhard Achitz, leitender Sekretär des ÖGB. Aber echte Selbständige können auch bei der Arbeitnehmervertretung Gewerkschaft naheliegenderweise nicht andocken.

Die taube Politik

Vor allem die Politik stellt sich bei Gruppierungen ohne Lobby mit Vorliebe taub. Kammer und Sozialversicherung verweisen zwar gerne zur Legitimation ihrer Handlungen auf Beschlüsse von Wirtschaftsparlament, Wirtschaftsbund und diversen Gremien - in denen allerdings kaum Einpersonenunternehmen sitzen. Der Wirtschaftsbund vertritt hauptsächlich den konventionellen Unternehmerbegriff der ÖVP, in dem Attribute wie flexibel, schnell und modern eher spärlich vorkommen. Selbst die Grünen tun sich mit den Mikrounternehmern schwer. Der grüne Sozialsprecher Karl Öllinger druckst herum, wird er auf die Thematik angesprochen. Und verweist auf Gespräche, die er laufend führe, ohne aber Konkretes dazu sagen zu können.

Lediglich Volker Plass von der Grünen Wirtschaft, als Grafiker selbst ein EPU, wirft sich in den Kampf um mehr Anerkennung für seinesgleichen. Auf der Facebook-Plattform der Amici mischt er nach Kräften mit. Aber selbst er stößt im Dialog auch mit grünen Abgeordneten an Grenzen.

Selber schuld

Allerdings: Nicht wenige jener Fälle, in denen Einpersonenunternehmen mit Problemen zu kämpfen haben, gehen auf deren eigenes Konto. Vor allem in Kreativberufen kann das notwendige unternehmerische Fachwissen oft nicht mit den inhaltlichen Ambitionen mithalten. Bürokratische Vorgaben beachten viele Einpersonenunternehmen schon bei der Gründung allzu oft nicht. Steuervorschreibungen, Zahlungsaufforderungen und Ähnliches landen nicht selten ungelesen in Pappschachteln. Administratives ist vielen Mikrounternehmern rasch ein Gräuel, daher scheitern viele von ihnen auch an einem unnötigen Informationsdefizit.

"Woher sollen sie die Informationen denn haben?“, fragt EPU-Beraterin Schubert: "Das sind ja alles Fachleute auf ihrem Gebiet und keine Buchhalter, Steuerberater oder Versicherungsexperten.“ Dass derartiges Know-how eben zur unternehmerischen Tätigkeit gehöre, wie die Kenntnis der Verkehrsregeln zum Autofahren, ist bei vielen Einpersonenunternehmen noch nicht angekommen.

Fakt ist: Die Informationen sind verfügbar und können leicht von jedermann abgerufen werden. Wirtschaftskammer und Sozialversicherung bieten über ihre Websites eine Fülle von Material an, Gründerzentren und -messen bieten jede Art von Beratung. Nach wie vor allerdings scheinen Einpersonenunternehmen dieses Angebot nicht konsumieren zu wollen - und scheitern dann eben oft an ihrer Unwissenheit.

Auch an mangelnder Kommunikationsfreude: Von den meisten, die in problematischen Zeiten diese Chance nützten, wird nämlich bestätigt, dass sowohl Finanzamt wie auch Sozialversicherung durchaus kulant agieren, sucht man das Gespräch. "Nur wenn man sich versteckt, sind die erbarmungslos und kennen kein Pardon“, sagt etwa der Grafiker Franz Lazarus.

Bis sich die Bedürfnisse der einen mit dem Angebot der anderen besser vertragen, dürfte es jedenfalls noch Jahre dauern. Aber man befindet sich zumindest auf dem Weg: Die drei stärksten Forderungen aus der Urbefragung aller Versicherten, welche die SVA gerade durchführt, werde man nach Möglichkeit beim Sozialminister durchsetzen, verspricht Obmann-Vize McDonald: "Das wird für uns ein Umsetzungsauftrag sein. Und wenn notwendig, stellen wir uns dann auch an die Spitze einer Reformbewegung.“

Auch Wirtschaftskammer-Boss Christoph Leitl sieht eine gute Zukunft: "EPUs sind wie Kinder. Man muss zunächst viel in sie investieren. Aber manche von ihnen sind die Arbeitgeber von morgen.“

 
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