Recht & Gesetz

Judith Hecht
09.07.201208:12 Uhr
Rechtsfall Burnout: Was tun als Chef?

Rechtsfall Burnout: Was tun als Chef?

  • Wie Chefs und Unternehmen mit dem sich immer weiter verbreitenden Phänomen Burnout umgehen.

Die Diagnose Burnout stellt zuallererst die Betroffenen, aber auch deren Arbeitgeber vor eine Reihe von Problemen. Sich in dieser Situation als Boss richtig zu verhalten ist meist eine sehr schwierige Gratwanderung.

Mit dem Thema Burnout bin ich als Arbeitsrechtler immer häufiger konfrontiert“, sagt Stephan Nitzl, Rechtsanwalt in der Wirtschaftskanzlei DLA Piper. "Unternehmen zu beraten, wie sie sich am besten verhalten, wenn Mitarbeiter darunter leiden oder - und auch das kommt vor - nur so tun, als hätten sie diese psychische Erkrankung, gehört zu meiner täglichen Arbeit“, berichtet der Arbeitsrechtler.

Manchmal hat er so seine Zweifel, ob es sich bei jedem Fall auch tatsächlich um diese chronische Form der Erschöpfung handelt. "Welche Symptome man vorschützen muss, um ein Burnout zu simulieren, können Sie heute im Internet nachlesen. Wenn jemand etwa behauptet, er könne sich nicht konzentrieren, leide oft unter Kopfschmerzen, fühle sich antriebslos und sehe in allem wenig Sinn, wird ihn nahezu jeder Arzt wegen eines Burnouts krankschreiben“, so der Anwalt.

Dabei ist Nitzl davon überzeugt, dass jene, die tatsächlich unter dieser Erkrankung leiden, jede Unterstützung - auch des Arbeitgebers - bekommen sollten. "Trotzdem lohnt es sich zu fragen, ob es sich nicht auch ein wenig um eine Modeerkrankung handelt.“ Tatsächlich haben psychische Erkrankungen bei Arbeitnehmern in den letzten 15 Jahren drastisch zugenommen.

Der volkswirtschaftliche Schaden, den chronifizierte psychische Erkrankungen, allen voran Burnout, verursachen, sei enorm, konstatiert Dietmar Schuster, Jurist in der Abteilung Sozialpolitik und Gesundheit der WKO. Über ein Drittel aller Neuzugänge bei der Invaliditätspension von Arbeitern und Angestellten ist auf Krankheiten der Psyche zurückzuführen. Sie stehen als Ursache für Erwerbsunfähigkeit damit schon an erster Stelle, und zwar noch vor allen Erkrankungen des Stütz- und Bewegungsapparates. Menschen, die psychisch erkranken, fallen auch deutlich länger aus (im Schnitt 40 Arbeitstage) als jene, die aufgrund körperlicher Ursachen der Arbeit fernbleiben müssen.

Signale erkennen und vorbeugen

"Arbeitgeber tun jedenfalls gut daran, derartigen Erschöpfungszuständen unter ihren Mitarbeitern vorzubeugen. Betroffen sind nämlich in erster Linie sehr gute, ambitionierte Arbeitnehmer, die in ihrem Eifer ihre eigenen Grenzen nicht beachten. Eine solche Arbeitskraft einfach fallen zu lassen, weil sie in eine Krise gerät, ist in österreichischen Betrieben nicht Usus. "Ganz im Gegenteil“, betont Schuster, "wir sehen, dass sich die ganz überwiegende Anzahl der Unternehmer darüber Gedanken macht, was sie präventiv gegen Burnout tun können. Es passiert eine ganze Menge in der betrieblichen Gesundheitsvorsorge.“

So etwa auch bei dem Hightech-Unternehmen Frequentis, das alleine in Österreich 780 Mitarbeiter beschäftigt. In Vorträgen und Seminaren werden vor allem Führungskräfte für das Thema sensibilisiert. Sie sollen möglichst früh erkennen lernen, wann ein Teammitglied die ersten Erschöpfungssignale aussendet: Wenn etwa ein sonst ausgeglichener Kollege lustlos und müde wirkt oder kaum mehr lacht. "Das kann natürlich viele Gründe haben und muss auch nicht unbedingt mit der Arbeit an sich zu tun haben. Trotzdem ist es wichtig, dass der Vorgesetzte die Veränderung bemerkt, seinen Mitarbeiter darauf anspricht und ihm seine Hilfe anbietet“, sagt Sylvia Bardach, die als Vorstandsmitglied für den gesamten HR-Bereich bei Frequentis verantwortlich ist.

Dafür zu sorgen, dass die eigenen Leute ihre Überlastung ansprechen können, ohne deshalb mit irgendwelchen negativen Konsequenzen rechnen zu müssen, hält sie für die Pflicht jedes Arbeitgebers: "Das ist eine Frage der Unternehmenskultur. Meine Erfahrung ist: Sobald die Betroffenen mit uns offen über ihre Situation gesprochen haben und realisieren, es besteht überhaupt kein Grund, deshalb um den Job fürchten zu müssen, ist ein Großteil ihres Problems schon gelöst.“

Wann immer sie oder andere Verantwortliche daher bemerken, dass sich die Lage bei einem Kollegen kritisch zuspitzen könnte, wird dem Burnout-Kandidaten sofort eine Auszeit angeboten. PC und Diensthandy sollten währenddessen im Büro zurückgelassen werden, damit endlich Ruhe einkehren kann. Was einfach klingt, kann praktisch ganz schön schwierig sein. Bardach dazu: "Es ist gar nicht so leicht, einen Perfektionisten vor sich selbst zu schützen. Es handelt sich doch um Menschen, die sich ganz der Arbeit verschrieben haben und nicht so leicht loslassen können. Es kann sein, dass sie gekränkt reagieren, wenn man ihnen Arbeit abnimmt, selbst wenn man sie damit nur entlasten will.“

Perfektionistenfalle

Dieses Problem kennt auch Sibylle Würthner, Head of CEE Human Resources der Siemens AG Österreich. Natürlich sei es Aufgabe jeder Führungskraft, Arbeitspakete zu schnüren, die auch bewältigbar sind. Wenn ein Angestellter häufig nach acht noch hinter dem Schreibtisch zu finden sei, sollte das auffallen.

Immer wieder hat sie aber auch erlebt, dass übereifrige Kollegen nicht davon abgehalten werden konnten, sich restlos auszupowern. "In manchen Konstellationen sind dem Arbeitgeber - trotz intensivster Bemühungen - einfach die Hände gebunden, weil Mitarbeiter ihre Arbeitsweise wider besseres Wissen nicht umstellen. Ein Zusammenbruch ist nicht zu verhindern“, so die Personalexpertin. Das hat dann weitreichende Folgen. Mit ein paar Tagen Urlaub ist da nichts kuriert, Wege aus dem Burnout sind langwierig und die Therapieformen höchst unterschiedlich.

Genesung auf Fotosafari?

Aus arbeitsrechtlicher Sicht ist es jedenfalls die Pflicht jedes ausgebrannten Arbeitnehmers, sich seiner baldigen Genesung zuträglich zu verhalten. Wie die Erholung konkret vonstattengehen soll, entscheiden aber letztlich die behandelnden Ärzte. "Ruhe, viel Bewegung, sogar ausgedehnte Reisen, alles könnte gut gegen Burnout sein“, weiß Anwalt Nitzl aus Erfahrung.

Ein Mitarbeiter eines Klienten flog als Therapie gegen seine Erschöpfung auf Fotosafari nach Kenia und teilte dies auch seinem Chef mit. Der machte den Fehler und wünschte ihm per Mail noch einen schönen Urlaub. Die Folgen waren fatal: Nach einigen Wochen bekam Nitzls Klient ein Schreiben des Anwalts des Mitarbeiters. Sein Mandant sei von der Safari in gutem Zustand zurückgekehrt, bis er die Mail mit den Urlaubswünschen vorgefunden habe. Deren Inhalt habe ihn völlig aus der Bahn geworfen. Denn der Arbeitgeber habe darin gezeigt, dass er sein Burnout nicht ernst nehme, da er die Fotosafari als bloßen Urlaub bezeichnet und nicht als Therapie anerkannt habe. "Der dünnhäutige Mitarbeiter musste nach diesem ‚Schock‘ seinen Krankenstand weiter fortsetzen, nicht aber das Arbeitsverhältnis. Mein Klient hielt eine Trennung in diesem Fall für die sinnvollste Lösung und sprach eine Kündigung aus“, berichtet Nitzl vom Ausgang des skurrilen Falles.

So etwas bleibt eine krasse Ausnahme. Dass eine Rückkehr zum Arbeitsplatz mit Veränderungen einhergehe, sei aber die Regel und durchaus im Sinne des Arbeitnehmers, meint Bardach: "Niemand sollte so weitermachen wie vor dem Burnout, sonst könnte ja der nächste Zusammenbruch drohen. Manche wollen weniger Stunden arbeiten, keine Dienstreisen mehr absolvieren oder überhaupt eine andere Aufgabe übernehmen. Als großes Unternehmen haben wir den Vorteil, gemeinsam gute Lösungen finden zu können.“

Auch bei Siemens ist man für die Neugestaltung der Zusammenarbeit offen. Noch nie habe man sich wegen eines Burnouts von einem Mitarbeiter getrennt, sagt HR-Chefin Würthner. Dass sich Mitarbeiter nach der Rückkehr zum Abgang entschlossen, sei aber durchaus vorgekommen. So kam ein geschätzter Kollege nach einigen Wochen Krankenstand an seinen Arbeitsplatz bei Siemens zurück und musste feststellen: "Hier bin ich falsch. Ich will noch mal auf die Uni zurück und studieren.“ Würthner: "Seine Entscheidung haben wir bedauert, aber selbstverständlich akzeptiert. Alles ist doch besser, als wieder in dasselbe Hamsterrad zurückzukehren. Jede Veränderung, die das verhindern kann, ist für beide Seiten eine gute Lösung!“

 
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