Börse International

Bloomberg/hahn
05.07.201216:45 Uhr
Die Libor-Bombe

Die Libor-Bombe

  • Großbanken zittern: Der Manipulationsskandal rund um den Interbankenzinssatz Libor wird noch weit höhere Wellen schlagen als gedacht. Und den Instituten viel Geld kosten.

Der Aktienkurs von Barclays verlor am vergangenen Donnerstag rund 16 Prozent. Am Tag zuvor war die britische Bank zu einer rekordhohen Strafe von 290 Mill. Pfund (363 Mill. Euro) verdonnert worden, die britische und US- Aufsichtsbehörden im Zusammenhang mit der Manipulation des Interbankenzinses Libor verhängt hatten. Investoren und Anteilseigner traf die Entwicklung aus heiterem Himmel. Der Branche droht damit neues Ungemach.

"Die automatische Reaktion der Investoren ist: 'Wer ist der nächste'", sagt Todd Hagerman, Analyst bei Sterne Agee & Leach in New York. Er mahnt Investoren in Bezug auf die größten US-Banken zur Vorsicht. “Es ist nur recht und billig anzunehmen, dass die Rücklagen für Anwaltsgebühren, Strafen und ähnliches hoch bleiben oder sogar noch erhöht werden.”

Barclays hatte - wie andere Banken - Investoren kaum Informationen zur Höhe möglicher finanzieller Lasten angesichts mutmaßlicher Marktbeeinflussung zukommen lassen. Mehr als ein Dutzend Banken, die an der Festlegung der London Interbank Offered Rate (Libor) beteiligt sind, sind Gegenstand von Ermittlungen von Aufsichtsbehörden aus den USA, Asien und Europa. Sie stehen unter Verdacht, sich in Bezug auf ihre Zinsangaben abgesprochen zu haben.

Die gegen Barclays ausgesprochene Strafe ist die erste in den seit zwei Jahren andauernden Ermittlungen bezüglich der Manipulation von Libor und seinem europäischen Gegenpart Euribor. Die beiden Richtwerte werden international zur Festlegung des Zinssatzes im Interbankengeschäft verwendet und haben damit Einfluss auf Wertpapiere im Umfang von 360 Billionen Dollar (290 Billionen Euro).

Zu den Banken, die sich an der Festlegung von Libor und Euribor beteiligen, gehören Bank of America, Citigroup, Royal Bank of Scotland und UBS. Gegen alle wurden Untersuchungen eingeleitet. Keine dieser Banken wollte Bloomberg gegenüber erklären, ob sie Rücklagen für die Deckung möglicher Belastungen gebildet hat. Bank of America hat mitgeteilt, per Ende März könnten Prozess- und anderen Kosten sich auf bis zu 4,2 Mrd. Dollar über die angesammelten Rückstellungen hinaus summieren. Das Unternehmen erklärte weiter, dass Rückstellungen gebildet würden, wenn Verluste “wahrscheinlich und abschätzbar” seien. Die Deutsche Bank gehört, genau wie Barclays oder die US- amerikanische Großbank JPMorgan, allen zehn Libor- Ausschüssen an.

“Ich glaube, dass Barclays ursprünglich nur etwa ein Drittel der Summe zurückgestellt hatte, die letztendlich als Bußgeld festgelegt wurde”, so Charles Peabody, Bankenanalyst bei Portales Partners in New York, in einer E-Mail. Die Reserven anderer Banken “werden sich vermutlich als ungenügend erweisen.”

“Die seit zwei Jahren laufenden Ermittlungen gegen Libor manipulierende Banken, die ihren Tribut von Barclays gefordert haben, haben das Potenzial, Citigroup, JP Morgen und Bank of America zu schaden”, schreibt CLSA-Analyst Mike Mayo in einer Studie vom 2. Juli im Hinblick auf die drei größten US- amerikanischen Banken. Mayo zufolge besteht ein Risiko für Strafen, Klagen, negative Berichterstattung und neue Auflagen.

Während Barclays-Aktionäre wenig Informationen über die Rückstellungen der Bank für Strafen und Gerichtskosten erhielten, wurden sie zumindest über die Libor-Untersuchung informiert. Die Geschäftsausgaben für die Barclays- Investmentbank sind im ersten Quartal um vier Prozent auf 2,14 Mrd. Pfund gestiegen. Dies spiegelt einen Anstieg der Rückstellungen für Prozesskosten und Aufwendungen in Zusammenhang mit der Finanzaufsicht um 115 Mio. Pfund wider, teilte die Bank in einer Mitteilung an die Börsenaufsicht im April mit. Nicht erwähnt wurde, ob ein Teil des Anstiegs mit dem Libor-Verfahren zu tun habe.

Die bisherige Strafe ist nur der Auftakt für das Londoner Kreditinstitut, das in etwa 24 Libor-bezogenen Anklagen, die beim Manhattan Federal Court eingereicht wurden, als Beschuldigter genannt wird. “Die globale Gesamtsumme der Forderungen an Barclays, die aus der Manipulation von Libor erwachsen, könnten sich von Hunderten Millionen bis zu Milliarden erstrecken”, sagt Robert Hickmott, Anwalt bei Quinn Emanuel Urquhart & Sullivan in Los Angeles.

US-Strafen dürften höher ausfallen

In den USA verhängte Strafzahlungen könnten höher ausfallen, weil es Klägern in den USA gestattet ist, Strafen zu fordern, die bestrafenden Charakter haben für Fehlverhalten, während den Klägern nach britischen Recht lediglich Kompensation für Schäden zustehen, sagte Hickmott.

Neben Zivilklagen und Bußgeldprozessen drohen Barclay Strafverfahren. Die britische Antikorruptionsbehörde (Serious Fraud Office, SFO), erklärte am 2. Juli, die Entscheidung, ob strafrechtliche Ermittlungen wegen der Libor-Absprachen aufgenommen würden, würde innerhalb eines Monats fallen. Das US- Justizministerium hat bereits eine derartige Untersuchung eingeleitet. Barclays hat sich in einer Absprache mit den US- Behörden bereit erklärt, mit den Ermittlern zusammenzuarbeiten, im Gegenzug für die Zusicherung, dass zwei Jahre keine Strafanklage erhoben werde.

Experten zufolge sind weitere zivilrechtliche Prozesse jedoch nicht ausgeschlossen. Klagen könnten “von jedem, der sich auf der falschen Seite dieser Geschäfte wiederfindet” eingereicht werden, sagt Anwalt Anthony Maton von Hausfeld LLP mit Sitz in Washington. “Große Gebietskörperschaften, andere Banken und Finanzinstitute, die bei einem Handel auf der falschen Seite standen, Rentenfonds, eine große Menge verschiedener Personengruppen, die davon beeinflusst wurden.” Die Kanzlei repräsentiert Geschädigte im New Yorker Prozess und strebt im Jahresverlauf einen Prozess in Großbritannien an.

Die Höhe des konkret entstandenen Schadens nachzuweisen könnte Investoren jedoch Schwierigkeiten bereiten, erklärt Brad Hintz, Analyst bei Sanford C. Bernstein & Co. “Die hohe Strafe wurde für den Versuch, den Markt zu beeinflussen, verhängt, nicht für die Beeinflussung des Marktes. In Zivilprozessen wird der Beweis zu erbringen sein, dass der Markt in diesen Fällen bewegt worden ist”, so Hintz weiter. Kläger könnten bei der Beweissuche auf Studien verweisen, deren “Ergebnisse darauf hindeuten, dass die Manipulation durch Barclays wahrscheinlich erfolgreich waren und zudem nahelegen, dass mehr als eine Bank an den Absprachen beteiligt war”, erklärten Bernstein-Analysten unter der Leitung von Hintz in einem Bericht vom 29. Juni.

“Dies ist für die Libor Banken eine wichtige aufsichtsrechtlich relevante Frage, die vermutlich über die nächsten vier oder fünf Jahre zu bedeutenden zivilrechtlichen Forderungen führen wird”, so die Bernstein-Analysten. “Investoren sollten die Bedeutung dieser Angelegenheit nicht unterschätzen.”

 
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