Wirtschaft

Bernhard Ecker
06.07.201210:10 Uhr
ORF-Direktorin Kathrin Zechner: Das neue Programm

ORF-Direktorin Kathrin Zechner: Das neue Programm

  • ORF-Direktorin Kathrin Zechner präsentiert erste Teile ihrer groß angelegten TV-Programmreform. Sie soll dem ORF noch einmal so richtig Schwung verleihen.

Kathrin Zechner soll als ebenso routinierte wie mächtige ORF-Fernsehdirektorin dem öffentlich-rechtlichen Sender inhaltlich noch einmal so richtig Schwung verleihen. Ihre groß angelegte Programm-reform nimmt in den nächsten Wochen Gestalt an.

Beim Musical habe sie sich noch zurücklehnen können, scherzt Kathrin Zechner, die ehemalige Chefin der Vereinigten Bühnen Wiens (VBW), als sie vor dem trend-Fotografen auf dem ockerfarbenen Sofa in ihrem Büro Platz nimmt. Nach kurzem Innehalten schnellt sie nach vorne, der Linse entgegen: "Aber das geht jetzt nicht mehr.“

Jetzt sitzt sie im fünften Stock des ORF-Zentrums am Küniglberg. Zechner, 49 Jahre alt, ist seit Jahresbeginn die einflussreiche Fernsehdirektorin des öffentlich-rechtlichen Senders mit seinen Flaggschiffen ORF 1 und ORF 2 und den Spartensendern ORF 3 und ORF Sport plus. Sie hat keinen geringeren Job, als mit der Reform des Programms einen Teil der Seher zurückzuholen, die dem Sender in den vergangenen Jahren in Scharen untreu geworden sind - wegen der Explosion der Wahlmöglichkeiten in der digitalen Fernsehwelt, aber auch wegen missglückter Programm-Maßnahmen in der ersten Amtszeit von Generaldirektor Alexander Wrabetz.

Am 28. Juni wird der ORF-Stiftungsrat, also das Kontrollorgan des Unternehmens, über das ab 9. September geltende neue Programmschema befinden; nun sickern immer mehr Details über diesen ersten Schritt der mehrgliedrigen, auf fünf Jahre angelegten "Programmreformkette“, wie Zechner das nennt, an die Öffentlichkeit.

Eine Dreiviertelstunde mehr Informations-Programmoutput soll nach der täglichen "ZiB“ um 13 Uhr als Appetizer für den Vorabend fungieren. Weil die Privatkonkurrenz mehr für die Übertragung der Champions League geboten hat, ist der Mittwochabend neu zu bespielen - Zechner hat dafür etwa eine "versteckte Kamera“, eine Doku-Soap und ein Reportageformat parat. Am Donnerstag hingegen sitzt nun mit der frisch erworbenen Euro League vor allem männliches Publikum vor den Fernsehgeräten, das zusätzlich mit Action-Filmen in einer Art "Männerabend“ umgarnt werden könnte - die dort etablierte Comedy-Schiene (u. a. "Willkommen Österreich“) wird auf Dienstag verlegt. Und für Freitag und Samstag, die weiteren Baustellen im Wochenrhythmus, wird noch nach den richtigen Inhalten gefahndet. Sondierungsgespräche gibt es etwa mit dem Schweizer Fernsehen über eine Koproduktion von "The Voice“, dem internationalen Castingshow-Erfolgsformat.

Zupackend

Nach der Analyse der Schwachstellen geht es somit an die Umsetzung: Die Leitlinie soll laut Zechner "Unverwechselbarkeit“ in der "Qualität, im Hochglanz, in der Schnelligkeit, in der Glaubwürdigkeit“ sein, und das in jedem Genre, von der Informationssendung bis zum Spielfilm. Und bisher hat die beständig als Workaholic und Energiebündel Titulierte auch geschafft, was sie sich vorgenommen hat. "Die Kathi ist eine, die zupackt“, sagt Renate Brauner, Wiens Vizebürgermeisterin, zu der auch die VBW ressortieren. Ob als leidenschaftliche Programm-Managerin oder als Mutter zweier Söhne, sie sei "unglaublich kreativ, fleißig und mutig“. Vom neuen ORF erhofft sich die SPÖ-Politikerin auch, dass er "Teil der jungen innovativen Medienszene Wiens wird“ - ein mehr als deutlicher Fingerzeig darauf, dass sich die Stadt in der viel diskutierten Standortentscheidung eine Übersiedlung ins neue Medienviertel St. Marx wünscht.

Zechner selbst verdreht bei dem Thema nur die Augen, meint aber, dass das Argument eines effizienteren, multimedialen Workflows bei einer Übersiedlung nach St. Marx im dritten Wiener Gemeindebezirk "valide“ sei: "Und ich will unter den effizientesten Möglichkeiten produzieren.“ Ende der Durchsage. Alles andere ist höhere Politik, und aus der hält sie sich tunlichst heraus.

Top-Etage

Doch gerade weil sie es bisher geschafft hat, als parteiunabhängig zu gelten, und dennoch Fürsprecher in fast allen politischen Lagern ebenso wie in der mächtigen "Krone“ zu finden sind, wird sie dann und wann auch schon für noch höhere ORF-Weihen ins Spiel gebracht. Ist das ohne deklarierte Verankerung in einer politischen Partei überhaupt möglich? "Sie nennt die Dinge beim Namen, und das mit einer Leidenschaft, die nicht allen gefällt - das ist ziemlich unösterreichisch“, befindet jedenfalls der Wiener Grüne Christoph Chorherr, der sie seit Langem kennt. Zechner selbst sagt zu weiteren Karriereambitionen nur: "Was ist ganz oben? Für mich der möglichst große Gestaltungsradius, wie ich ihn in meiner derzeitigen Funktion habe.“ Ende der Durchsage.

Die Grazerin, die Jus, Theaterwissenschaften und Politologie studierte, begann 1986 für ihren alten, neuen Arbeitgeber zu arbeiten, werkte zwischendurch für den holländischen Entwickler Endemol in Deutschland und etablierte in der Zeiler-Ära ab 1994 mit "Taxi Orange“ oder "Die Barbara Karlich Show“ modernen Boulevard. Zeiler-Nachfolger Gerhard Weis übernahm sie gerne, danach war kein Platz mehr für sie am Küniglberg - die von der ÖVP-FPÖ-Regierung inthronisierte ORF-Generalin Monika Lindner wollte Zechner 2002 nach Graz wegloben. Ihre Bilanz als künstlerische Leiterin der VBW ab 2004 war mit Musical-Erfolgen wie "Rebecca“, aber auch mit Flops wie "Rudolf“ verbunden.

Die Fernsehwelt von heute ist eine völlig andere, sagt sie: "Der große Unterschied zu 1994, als ich Programmintendantin geworden bin, ist, dass es heute fast sekündlich neue Vertriebswege gibt. Heute muss man viel mehr Marken definieren und aufladen - rund um einzelne Sendungen und ganze Sender. Zugleich ist der Umgang mit Geld ungleich tougher geworden.“ Nachsatz: "Aber da bin ich kreative Pragmatikerin.“

Den Sommer über wird sie sich mit Volldampf den Piloten für die neuen Eigenproduktionen widmen, Kooperationen mit anderen Sendern ausloten, ihr Team zum großen Countdown einschwören. Wahrlich kein Job zum Zurücklehnen.

 
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