Business

07.07.201211:23 Uhr
"Überzeugen, nicht überreden, und schon gar nicht anschaffen"

"Überzeugen, nicht überreden, und schon gar nicht anschaffen"

  • FORMAT-Interview. Walter Rothensteiner, der neue Raiffeisen-Generalanwalt vertritt 2,1 Millionen Mitglieder der 1.600 Genossenschaften. Der neue Mann an der Spitze im Gespräch über seine Rolle.

RZB-Generaldirektor Walter Rothensteiner ist neuer Raiffeisen-Generalanwalt. Im FORMAT-Interview skizziert der Nachfolger von Christian Konrad erstmals seine Pläne für dieses Amt.

FORMAT: Der Raiffeisen-Generalanwalt vertritt 2,1 Millionen Mitglieder der 1.600 Genossenschaften und 57.000 in der Raiffeisen-Organisation tätige Mitarbeiter. Das bedeutet eine gute Portion Macht und Einfluss im politischen und gesellschaftlichen Leben in Österreich. Werden Sie als neuer Generalanwalt diese Rolle nun neu definieren?

Walter Rothensteiner: Ich bin jetzt 37 Jahre bei Raiffeisen, 30 Jahre davon im täglichen Kontakt mit Christian Konrad. Wenn ich das Gefühl gehabt hätte, dass der Weg, den wir im Lande gehen, nicht der richtige ist, hätte ich lange genug Zeit gehabt, das zu artikulieren. Man darf sich also jetzt nicht von mir erwarten, dass ich ab September sage, dass die Welt ganz anders ist.

FORMAT: Es ist aber doch durchaus üblich, dass man bei der Übernahme einer neuen Position, noch dazu einer derart bedeutsamen, neue Akzente setzt. Wird das geschehen?

Rothensteiner: Es wird sicherlich Zeichen geben. Ich werde mit meinen Kollegen über den Sommer einiges diskutieren, ob und wo man den einen oder anderen Veränderungsschritt machen soll. Aber ich möchte das nicht so kurz nach der Wahl bekannt geben. Bei Raiffeisen wurden die Dinge immer gemeinsam über die Jahre hinweg entwickelt. Daraus hat sich eine starke Nachhaltigkeit entwickelt, die werden wir jetzt nicht durch Ho-ruck-Aktionen gefährden.

FORMAT: Ihr Vorgänger Christian Konrad hat die Interessen von Raiffeisen bei den Politikern durchaus sehr deutlich und auch nachhaltig vertreten. Wird es das in dieser Form durch den neuen Generalanwalt weiter geben?

Rothensteiner: Wir haben zwei Millionen Mitglieder. Die müssen von uns natürlich ordentlich betreut werden. Und dazu gehört auch, dass man politische Kontakte pflegt.

FORMAT: Wird die Aufgabe des Generalanwalts jetzt auch auf diplomatische Art und Weise durchgeführt werden?

Rothensteiner: Die Aufgabe des Generalanwalts ist eine sehr vielschichtige. Er muss Mediator sein, ein Brückenbauer, und er muss auch einmal sagen: "Jetzt hören wir auf zu diskutieren. So machen wir es.“ Also eine Mischung aus vielen Wegen gehen können. Das ist das Faszinierende an dieser Aufgabe. Es geht darum, 1.600 Genossenschaften, darunter die über 500 Raiffeisenbanken, zu unterstützen.

FORMAT: Wird es da jetzt eine intensive Kontaktaufnahme geben? Eine Tour des neuen Generalanwalts zu den einzelnen Genossenschaften?

Rothensteiner: Es ist ja nicht so, dass ich dort unbekannt bin. Der intensivere Kontakt wird sich ergeben, wenn man bei entsprechenden Veranstaltungen vor Ort auftritt.

FORMAT: Raiffeisen wurde früher oft als grüner Riese bezeichnet. Wie sieht das Image von Raiffeisen heute aus?

Rothensteiner: Die Öffentlichkeit sieht uns als eine nachhaltig agierende Gruppe, die ihren Teil dazu beiträgt, das Land lebenswert zu gestalten. Sei es durch Geschäfte, die wir machen, oder durch öffentliche Beiträge. Die Öffentlichkeit sieht nicht, dass das durch viele eigenständige Genossenschaften geschieht, die letztendlich selbständig entscheiden, was sie machen. Die Genossenschaften handeln selbständig, ohne dass man ihnen täglich sagt, was zu tun ist. Das würden sie auch nicht akzeptieren. Die große Aufgabe dabei ist: überzeugen, nicht überreden, und schon gar nicht anschaffen.

FORMAT: Wird es aber in Zukunft nicht doch zu einem stärkeren Zusammenrücken bei Raiffeisen kommen?

Rothensteiner: Das gibt es in Wahrheit schon seit hundert Jahren. Wir haben im Jahr 1900 etwa 2.000 Raiffeisengenossenschaften im Bankbereich gehabt. Es gab laufend Fusionen. Und jetzt haben wir 513 selbständige Raiffeisenbanken. Das heißt aber auch, es wird ständig nähergerückt, weil man sich an die jeweiligen Gegebenheiten anpassen muss. Das sind aber selbständige Entscheidungen, die mit einer Zweidrittelmehrheit bei einer Generalversammlung beschlossen werden.

FORMAT: Sie sind bekannt für Ihre starke Affinität zu EDV und Technik. Ihr Vorgänger Christian Konrad hat Sie einmal als "Nintendo-General“ bezeichnet. Werden Sie als neuer Generalanwalt Raiffeisen neu digitalisieren?

Rothensteiner: Es wird bei Raiffeisen eine vollkommen neue gesamte IT-Lösung geben. Aus der Selbständigkeit der einzelnen Bereiche heraus hat sich auch eine Eigenständigkeit bei den IT-Lösungen ergeben. Es wird jetzt ein großes Projekt zur Installierung einer einheitlichen IT-Plattform gestartet. Das ist ein zukunftsweisendes Projekt, dessen Kosten sich in einem hohen zweistelligen Millionenbereich bewegen.

FORMAT: Neben den Genossenschaften hält Raiffeisen ja auch ein bedeutendes Portfolio an Beteiligungen. Welche machen Ihnen mehr, welche weniger Freude?

Rothensteiner: Da muss man sehr unterscheiden. Das sind Beteiligungen von verschiedenen Raiffeisen-Unternehmen. Von der Raiffeisen-Holding Niederösterreich-Wien, von der RZB, von Raiffeisen Oberösterreich oder Raiffeisen Steiermark. Die einzelnen Beteiligungen werden von diesen Unternehmen gesteuert. Da hat der Raiffeisenverband oder der Generalanwalt relativ wenig Einfluss.

FORMAT: Raiffeisen hat auch bedeutende Medienbeteiligungen, zu denen auch die Verlagsgruppe NEWS zählt. Wird es da Veränderungen geben?

Rothensteiner: Uns wurde oft vorgeworfen, dass wir an Medien Beteiligungen halten, um Einfluss zu nehmen. Aber wir haben damit über Jahre hindurch nachhaltig Gewinne erzielt. Wir reagieren auf solche Unterstellungen nicht einmal. Das wird stabil weiterlaufen. Außerdem wird Christian Konrad seine Funktionen dort weiter innehaben.

FORMAT: Bei der Uniqa sind Sie Aufsichtsratsvorsitzender. Macht Ihnen die Uniqa Sorgen?

Rothensteiner: Die Uniqa hat mir vielleicht im Vorjahr ein wenig Sorgen gemacht, aber jetzt sicher nicht mehr. Wenn man bei einem Veranlagungsvolumen von über 24 Milliarden Euro 500 Millionen in griechische Staatsanleihen investiert hat, dann hätte das früher auch niemanden gestört. Da war das ganz selbstverständlich, weil das ja ein minimaler Prozentsatz am Gesamtvolumen ist. Dass dieser Betrag zu einem Großteil abzuschreiben ist, war nicht vorherzusehen. Den Verlust hat es nur aus diesem Bereich gegeben. Die Versicherung läuft heuer sogar noch besser. Sie hat ein ordentliches Restrukturierungsprogramm vorgelegt. Eine Kapitalerhöhung ist im Laufen. Und sie hat ein neues Führungsteam. Die Uniqa läuft klaglos.

FORMAT: Durch die Krise in Europa gibt es Bestrebungen, die Einlagensicherung der Banken zu verändern, die Raiffeisen unmittelbar betreffen würden. Was sagt der neue Generalanwalt dazu?

Rothensteiner: Da bin ich ganz klar dagegen. Die Einlagensicherung ist so aufgebaut, dass jeder Sektor zuerst seine Probleme lösen muss. Erst wenn er das nicht schafft, müssen die anderen Sektoren mitzahlen. Da gilt das Motto: Wo der Verursacher ist, dort muss angesetzt werden. Das führt dazu, dass jeder in seinem Bereich bemüht ist, Probleme zu lösen. Ich halte nichts von einem großen europäischen Topf, in den alle einzahlen.

FORMAT: Aber es wird mehr Gemeinsamkeit in Europa geben müssen. Schließlich ist ja schon von den "Vereinigten Staaten von Europa“ die Rede.

Rothensteiner: Das ist zwar ein schönes Schlagwort, aber es gibt 27 selbständige Regierungen. Da kann man nicht von einem Tag auf den anderen eine Union à la Amerika aufbauen. Natürlich haben wir einen Weg der Konvergenz vor uns. Aber wir sollten uns in kleinen Schritten annähern, nicht mit Brachialgewalt. Wenn die Gesinnung einmal da ist, wird es auch ein gemeinsames Europa geben.

FORMAT: Und wie könnte man die Stimmung für Europa wieder verbessern?

Rothensteiner: Vor der EU-Abstimmung haben wir in Österreich eine Zustimmung von zwei Dritteln gehabt. Da hat es davor auch ordentliche Informationskampagnen gegeben. Und dann war nichts mehr. Jetzt lesen wir nur Negatives, wie zum Beispiel, dass EU-Beamte bis zu 85 Tage Urlaub haben. Es müsste wieder eine breite Informationskampagne geben. Die müsste von der EU und von den Staaten getragen werden. Bei so einer breit angelegten Informationskampagne für Europa würden natürlich auch die Wirtschaftsunternehmen sinnvollerweise dazu beitragen.

FORMAT: Eine Frage zu einem anderen Thema. Raiffeisen hat eine besondere Verbindung zur katholischen Kirche. Wie sehen Sie dort die Reformbestrebungen?

Rothensteiner: Es wird keine Aussage von Raiffeisen geben, was der Kardinal jetzt machen soll oder nicht. Unsere Mitarbeiter haben eine eigene Meinung, und die werden sie artikulieren.

Zur Person: Walter Rothensteiner, 59, begann seine berufliche Karriere nach dem Studium der Handelswissenschaften 1975 in der Raiffeisenlandesbank Niederösterreich-Wien. 1991 wurde er Vorstand in der Agrana Beteiligungs AG und wechselte 1995 in die RZB, deren Vorstandsvorsitzender er noch im selben Jahr wurde. Die RZB wuchs unter seiner Leitung beträchtlich. Rothensteiner gilt als großer Opernfreund und Technikfreak.

GRAFIK: Die Struktur der Raiffeisengruppe

 
pixel