Wohnen

Bloomberg/hahn
26.06.201212:06 Uhr
"Europa ist wie ein unvollendetes Bauwerk"

"Europa ist wie ein unvollendetes Bauwerk"

Der deutsche Immobilienmarkt - einer der großen Nutznießer der europäischen Schuldenkrise - hätte unter massiven Belastungen zu leiden, wenn es tatsächlich zu einem Zusammenbruch der Eurozone kommen würde. Das erklärte Nicolas Berggruen, der Milliardär und Investor, der die Karstadt Warenhaus GmbH erstanden hat, im Interview mit Bloomberg News.

“Deutschland ist ein sicherer Hafen, aber sollte sich der Euro auflösen, bekommt das Land Probleme”, sagte Berggruen, der in Berlin Immobilen im Volumen von etwa 300 Mill. Euro besitzt. Investoren sollten besser eine “sehr vorsichtige” Haltung einnehmen, fügte er hinzu.

Der 50-Jährige selbst lässt sich von solchen Aussichten allerdings nicht davon abschrecken, mehr Geld in Berlin zu investieren. Auch wenn er bereits 90 Gebäude in der Hauptstadt besitzt - darunter auch das Café Moskau in der Nähe des Alexanderplatzes. “Wir nehmen eine sehr langfristig orientierte Einstellung ein”, sagt er im Interview in seiner Suite im Hotel Regent Berlin. “Wir müssen keine schnellen Ergebnisse vorweisen.”

Im ersten Quartal steckten Investoren insgesamt 3,52 Mrd. Euro in Wohnimmobilien-Portfolios mit mindestens 50 Wohneinheiten, schätzt der Datenanbieter CBRE Group. Das ist gegenüber dem Vorjahreszeitraum eine Steigerung um 76 Prozent. Angelockt wurden sie nicht zuletzt dadurch, dass sich Deutschland trotz der Schuldenkrise in der Region so stabil hält, und durch die Aussicht auf steigende Mieteinnahmen.

Diese Widerstandskraft dürfte in den nächsten zwölf Monaten allerdings getestet werden. Spanien und Zypern beantragten am Montag die Rettung ihrer Banken und Italien ist ebenfalls angeschlagen. Das könnte mit der Zeit auch Deutschlands Kreditwürdigkeit untergraben, sagt Jamie Stuttard, Leiter internationales Bonds-Portfolio-Management bei Fidelity Investments in London. Die südeuropäischen Staaten kommen insgesamt auf Staatsschulden im Volumen von 2,8 Billionen Euro.

Der deutsche Markt für Wohnimmobilien hielt sich 2011 besser als die meisten Märkte von Euro-Ländern. Die Preise stiegen um 2,6 Prozent, nach einem Plus von 0,5 Prozent im Vorjahr, wie aus Daten der Europäischen Zentralbank (EZB) hervorgeht. Im restlichen Europa betrug das mittlere Wachstum 0,3 Prozent. In Südeuropa fielen die Preise allerdings, angeführt von Spanien mit 7,4 Prozent, schätzt die EZB.

Kaufchancen in Problemstaaten

Berggruen sieht Investment-Chancen in Barcelona, Madrid, Mailand und Turin. Allerdings nicht vor dem Ende der Schuldenkrise. “Jetzt ist es noch zu früh”, sagt er. “Warten wir, bis alles in sich zusammengefallen ist. Doch selbst wenn es sich stabilisiert, wird es Gelegenheiten geben.” Die langfristige Zukunft des Euro kann nach Ansicht von Berggruen nur durch engere fiskalische Integration erreicht werden. “Europa ist wie ein unvollendetes Bauwerk”, sagt er. “Bestimmte Teile, die notwendig sind, damit alles funktioniert, fehlen.”

Im Jahr 1985 gründete Berggruen ein Unternehmen zur Verwaltung seiner Investments und eine kleine Familien-Stiftung. Mittlerweile verfügt Berggruen Holdings über Büros in Berlin, Amsterdam, Istanbul, Mumbai, New York und Tel Aviv und besitzt Vermögenswerte im Volumen von mehr als 1,5 Mrd. Euro.

Im September 2010 wurde Karstadt, Deutschlands größte Warenhauskette erstanden, mehr als ein Jahr nach dem Insolvenzantrag des Einzelhändlers. Dazu zählen 119 Filialen, darunter das KaDeWe, Europas zweitgrößtes Warenhaus, wie aus Informationen von der Website von Berggruen Holdings hervorgeht. Das Unternehmen besitzt und verwaltet Privatimmobilien, Bürogebäude und Hotels.

Berggruens Vater Heinz war Kunsthändler, der nach dem Zweiten Weltkrieg eine der weltweit bedeutendsten Kunstsammlungen mit Werken von Paul Klee, Pablo Picasso, Alberto Giacometti und Henri Matisse zusammengestellt hatte. Das staatliche Museum Berggruen in Berlin Charlottenburg verfügt über mehr als 100 Gemälde von Picasso.

 
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