Internationale Wirtschaftsnachrichten

Reuters, rp
28.06.201214:41 Uhr
Schuldenkrise erdrosselt Europas Konjunktur

Schuldenkrise erdrosselt Europas Konjunktur

  • Rezession in der Eurozone laut Wirtschaftsforschern unausweichlich - Zinssenkung der EZB ebenso.

Wirtschaftsklima ist so schlecht wie 2009 - Auswirkungen auch auf Deutschland.

Die Schuldenkrise würgt die Konjunktur in der Euro-Zone immer stärker ab. Das Wirtschaftsklima ist inzwischen so schlecht wie seit der weltweiten Finanzkrise 2009 nicht mehr. Eine Rezession ist damit in diesem Jahr fast unausweichlich. Das Ifo-Institut befürchtet, dass die Wirtschaft auch im kommenden Jahr nicht wachsen wird.

Der Index für das Wirtschaftsklima fiel im Juni um 0,6 auf 89,9 Punkte, teilte die EU-Kommission am Donnerstag mit. Der dritte Rückgang in Folge drückte das Barometer auf den schlechtesten Wert seit Herbst 2009, als die Finanzkrise für eine schwere Rezession in der Währungsunion sorgte. Von der Nachrichtenagentur Reuters befragte Analysten hatten einen noch stärkeren Rückgang auf 89,5 Zähler erwartet. Besonders in der Industrie und bei den Dienstleistern schrumpfte die Zuversicht, ebenso bei den Verbrauchern. Dagegen hellte sich die Stimmung im Einzelhandel und in der Baubranche etwas auf.


"Rezession wird im Sommer andauern

Das Ifo-Institut hält eine Rezession für unausweichlich. Das Bruttoinlandsprodukt werde in diesem Jahr um 0,5 Prozent sinken und 2013 stagnieren. "So leiden insbesondere Irland und Spanien unter den Folgen geplatzter Immobilienblasen: die private Haushalte sind hoch verschuldet und die Banken vielfach schlecht kapitalisiert oder gar insolvent", warnen die Münchner Forscher. "Zudem weisen die meisten Krisenländer neben unsoliden Staatsfinanzen hohe Leistungsbilanzdefizite und eine erhebliche Nettoauslandsverschuldung auf."

Auch Bankenökonomen rechnen nicht mit einer raschen Trendwende. "Der ungebremste Rückgang der Stimmungsindikatoren deutet darauf hin, dass die Rezession im Euroraum wohl auch noch im Sommer andauern wird", sagte Commerzbank-Experte Christoph Weil. "Ob im Herbst das Schlimmste überstanden ist, hängt vom weiteren Verlauf der Staatsschuldenkrise ab." Die Staats- und Regierungschefs der 27 EU-Länder suchen noch bis Freitag beim Brüsseler Gipfel nach einem Ausweg aus der Krise.


Zinssenkung zu erwarten

Die Europäische Zentralbank (EZB) dürfte versuchen, der Wirtschaft mit billigem Geld unter die Arme zu greifen. 48 der 71 von Reuters befragten Ökonomen rechnen damit, dass die EZB ihren Leitzins am kommenden Donnerstag erstmals unter ein Prozent senkt. Deren Chefökonom Peter Praet deutete das bereits an. "Es gibt keine Doktrin, dass der Leitzins nicht unter einem Prozent liegen kann", sagte er der "Financial Times Deutschland".

Die Turbulenzen in der Euro-Zone gehen auch an deren größter Volkswirtschaft Deutschland nicht vorbei. Nach Prognose des gewerkschaftsnahen IMK-Instituts wird sie im kommenden Jahr kaum noch wachsen. Wegen der Schuldenkrise werde das Bruttoinlandsprodukt im kommenden Jahr nur um 0,3 Prozent zulegen. Das Institut für Makroökonomie und Konjunkturforschung (IMK) ist damit deutlich pessimistischer als die Bundesregierung und die meisten anderen Institute, die ein Wachstum von mehr als einem Prozent voraussagen. Für dieses Jahr erwartet das IMK ein Plus von 0,6 Prozent. "Die Rezession im Euroraum schädigt die deutsche Wirtschaft schwer", sagte IMK-Direktor Gustav Horn. "Der Versuch, sich durch einen harten Austeritätskurs das Vertrauen der Finanzmärkte auf Kosten der Konjunktur herbeizusparen, ist gescheitert."

 
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