Meinung

Helmut A. Gansterer
27.06.201216:39 Uhr
Die Kräfte des Südens

Die Kräfte des Südens

  • Helmut A. Gansterer über einen gefährdeten Aspekt der persönlichen Energie.

Ich erlaube mir, dieses Thema erstens deduktiv zu erschließen, vom Ganzen ins Einzelne gehend. Das ist wissenschaftlich korrekt. Eher unkorrekt ist, dass ich es zweitens mit größter Subjektivität abhandle. Aber hier geht es nicht um eine Habilitationsschrift, sondern um einen Essay (frz. "essai“ = Versuch), zu dem die persönliche Sicht so natürlich gehört wie das waghalsige Kunstwerk zum Zimmer des Versicherungsvorstandsvorsitzenden.

Speziell für die vielen jungen LeserInnen, die monatlich die trend-Familie vergrößern, erkläre ich kurz, was langjährige LeserInnen schon wissen: Warum ich die PE (personal energy) für einen bedeutenden Erfolgsfaktor halte, keineswegs für eine primitive Randgröße, wie viele Herrschaften glauben, die immer noch und ausschließlich an geistige Faktoren denken, wenn es um die Frage geht, ob man siegt oder verliert, ob man Befehlsempfänger im fünften Glied oder CEO oder erfolgreicher Unternehmer wird.

Die enge Konzentration auf Intelligenz, Wissen und angelernte Führungstechniken hielt sich verblüffend lang. In tiefen Tälern hielt man vom Ende des Zweiten Weltkriegs bis zum Millennium daran fest. Dann begriff man allmählich auch dort den Wert der schieren, primitiven Energie. Die unfreundliche Begrüßung, die das neue Jahrhundert mit Wenden und Krisen bot, beschleunigte den Erkenntnisprozess. Denn jede Sorge auch jenseits von Familie und Beruf nagt am Kraftvorrat des Einzelnen. Reichte früher noch die Kraft eines Fohlens, brauchte man nun das "stamina“, die Wurzelkraft eines Ochsen, um den zusätzlichen Kummer über die Moral und den Zustand der Welt zu bewältigen. Und nichts zehrt inniger als der Verlust der Zuversicht.

Bald nach dem Jahrhundertwechsel, stark ansteigend in den Finanzkrisenjahren 2007 ff., warnten Ärzte vor einer echten Burn-out-Seuche. Das Ausgebranntsein galt nicht länger als Lamento arbeitsmüder Simulanten oder Koketterie von 16-Stunden-pro-Tag-ManagerInnen. Es wurde in einer beschleunigt wachsenden Vielzahl von Fällen medizinisch manifest, oft in schrecklicher Union mit Geistesdefekten wie Schwermut.

Asiaten sind darin besser gerüstet. Seit jeher. Ich erfuhr dies früh, mit mehr Glück als Verstand. Als trend-Reporter durfte ich auf vielen Weltreisen von berühmten Unternehmerpersönlichkeiten lernen. Es waren hauptsächlich Japaner, die heute Legenden sind, wie Ryuzaburo Kaku (Canon), Masatoshi Kishimoto (Olympus), Akio Morita (Sony) und Kenichi Yamamoto (Mazda), auch Chinesen wie Stan Shih (Acer). Sie lachten nicht über uns. Sie belächelten uns, was schlimmer war. Sie hielten jede europäische Führungskraft, die wie eine Kerze an beiden Enden brannte, für einen Selbstverstümmler. Sie sprachen von Pause, Ruhe, Stille, Einkehr und Versenkung als hochverzinste Energiequellen, per saldo auch als Zeitgewinn, nicht Zeitverlust.

Von Körperertüchtigung war eher sparsam die Rede. Ein wenig Tai-Chi vielleicht, diese als Gymnastik camouflierten Zweikampfmuster, die, schnell ausgeführt, tödlich sind. Oder maßvoller Geschlechtsverkehr, wie mir jener Präsident zuzwinkerte, der mich in ein tiefklassisches Teehaus lud. Man sagte mir alles über Energie und Erfolg. Aber nicht, weil ich als Rundauge und Langnase asiatisch-höflich war. Das auch. Aber Austria war noch für Japaner der achtziger Jahre nur klassische Musik, kein Wirtschaftswunderland. Wem sollten die freimütigen Erfolgstipps helfen? Den Philharmonikern? Gern geschehen. Die wurden wie Karajan vergöttert. Und sind, leise in die Stille gesprochen, auch die besten Händler ihrer selbst geworden.

In einer gewiss sympathischen Eigenwerbung weise ich darauf hin, dass ich manche der ewig gültigen, asiatischen Energie-Tipps in einem kleinen Werk versammelte1). Einige blieben in Reserve für eine Neuauflage. Und ein Thema erkenne ich überhaupt erst jetzt: Welche Bedeutung der Süden für uns Mitteleuropäer als Energie-Quell hat. Goethes "Italienische Reise“ stand unter dem Motto "Auch ich in Arkadien.“ Also im Paradies. Auch heute noch, zweihundert Jahre danach, saugen wir einmal pro Jahr wie an den Nippeln einer arkadischen Mutter an unseren südlichen Meeren und unserer südlichen Sonne. Florida und Kuba sind kein Ersatz. Es geht ja nicht um Hitze und beliebige Salzwässer, sondern um ideal temperierte Wurzeln, die nach Thymian und Rosmarin und Mittelmeermuscheln duften.

Was, wenn wir diese Energie-Steckdose verlieren, ohnehin erkältet in den Schatten des neuen Jahrtausends? Wenn wir die salzige Ursuppe nicht mehr spüren, aus der wir kamen?

Eltern meiden schon Nordafrika, selbst Tunesien, besorgt um die Kinder. Sie wissen, dass gewonnene Revolutionen zunächst höhere Unsicherheit verheißen, verglichen mit den vorherigen, profitkundigen Diktaturen. Was, wenn eine fühlbare Distanz, wenn nicht Abneigung, gegenüber den so genannten Tüchtigkeitsländern, zu denen Österreich so gut wie Deutschland zählt, von Griechenland auf Spanien und Italien und deren Inseln überspringt? Sehen wir einander, bedürftig nach Mittelmeer, Mittelmeersonne und Gastfreundschaft, dann alle in Nizza, in Geiselhaft der dann endgültig hoffärtigen Kellnerlehrlinge des Hotels Negresco?

Sensibilisiert durch das Thema, das jäh sein Haupt erhob, entdeckte ich ein wunderbares Suhrkamp-Büchlein, schon vor neun Jahren vom Kulturchef des Schweizer Fernsehens, Iso Camartin, geschrieben: "Jeder braucht seinen Süden“. Handwerklich liebevoll in Leinen gebunden, haptisch fühlbar appliziert ein klasses Zitronen-Foto, gibt es keinerlei weitere Versprechungen zum Thema Süden ab, löst dann aber auf 145 Seiten alle ein.

1) Anm.: Das erwähnte kleine Werk unseres Essayisten und Ex-Langzeitherausgebers ist der Nr.-1-Bestseller "Endlich alle Erfolgsgeheimnisse“ (Ecowin, 231 Seiten, 19,95 Euro). Das Buch trug Helmut A. Gansterer den vierten "Buchliebling“ ein, den Oscar der österreichischen LeserInnen.

pixel