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Oliver Judex
26.06.201207:48 Uhr
Twitter: Die Klugheit des Schwarms

Twitter: Die Klugheit des Schwarms

  • Lesen Sie hier alles über #Twitter in Österreich und was der fleißigste Twitterer der Nation, Armin Wolf, dazu zu sagen hat.

Warum der Social-Media-Dienst Twitter immer beliebter wird und wieso „ZiB 2“-Moderator Armin Wolf darauf schwört.

Punkt neun Uhr abends: Maria Fekter läuft beim Editors-Dinner von trend und "Format“ Mitte Juni zur Hochform auf. "Ich bin doch der einzige Mann in dieser Regierung“, lautet ihre launige Diagnose.

21.03 Uhr. Ein Tweet mit dem Zitat der Finanzministerin verlässt den Herkulessaal des Wiener Palais Liechtenstein. Der Autor: Christoph Kotanko, "Format“-Kolumnist und Korrespondent der "Oberösterreichischen Nachrichten“. Er twittert noch vom Tisch des Dinners aus via Handy.

21.30 Uhr. Rund 50 Follower von Kotanko sind von Fekters Zitat begeistert und retweeten es an ihre eigene Gefolgschaft.

Am nächsten Tag. Der "Kurier“ übernimmt das Zitat, das via Twitter Politikchef Beppo Votzi erreicht hat, und bringt es auf der Titelseite.

"Das ist genau das, was Twitter sein soll“, freut sich Twitter-Fan Kotanko, "eine kurze, prägnante Information, die sich in Sekundenschnelle verbreitet.“

Zwitscherpost

Der Kurznachrichtendienst Twitter wird erwachsen - und erfährt derzeit in Österreich einen Boom mit Zuwachsraten von fünf Prozent pro Monat. "Twitter wächst seit einem halben Jahr ganz enorm“, diagnostiziert Judith Denkmayr, Geschäftsführerin der Social-Media-Agentur Digital Affairs, die in Österreich die Facebook-und Twitter-Szene auch statistisch verfolgt: "Die vermehrte Medienberichterstattung und die wachsende Smartphone-Dichte lassen die Anmeldungen in die Höhe schnellen.“ Spätestens im Herbst werden es 100.000 heimische Twitterer sein, die mit 140 Zeichen langen Textnachrichten, die an die jeweiligen Follower verschickt werden, ihr Leben kommentieren, Ereignisse beschreiben oder Meinungen kundtun.

Die Bezeichnung des 2006 in San Francisco gegründeten Social-Media-Diensts kommt vom Englischen "to twitter“ und heißt übersetzt "zwitschern“. Das Markenzeichen ist der blaue Vogel Larry. Über 140 Millionen aktive User nutzen Twitter inzwischen als persönliches Tagebuch, Marketingtool, politische Diskussionsplattform oder Tool zur Eigen-PR. Während Twitter in den USA durch die vielen Promis à la Lady Gaga, Ashton Kutcher oder Katy Perry mit einer Gefolgschaft von jeweils zig Millionen Fans einen wahren Boom erfährt, ist es in Österreich vor allem der politmediale Bereich, der sich des neuen Mediums bedient. "Bei uns ist vor allem die Info-Elite sehr stark in Twitter vertreten“, erklärt Denkmayr.

Allen voran ist "ZiB 2“-Moderator Armin Wolf, der mit sehr großem Abstand die meisten Follower, seit Kurzem über 50.000, vorweisen kann. Er hat bereits im Februar 2009 damit begonnen, täglich vor allem die innenpolitische Szene mit seinen Anmerkungen und Kommentaren zu begleiten. Spätestens seit dem Tweet "Warum nicht gleich Laura Rudas?“ nach der versuchten Bestellung von SPÖ-Stiftungsratsmitglied Niko Pelinka zum Büroleiter von ORF-Chef Alexander Wrabetz, mit der Wolf nicht unwesentlich zu einer breiten Meinungsfront gegen diese Vorgehensweise beigetragen hat, gilt Twitter auch in Österreich als ernst zu nehmendes Element der innenpolitischen Berichterstatttung. "Über Twitter konnten wir die Diskussion über die Weihnachtsfeiertage am Leben erhalten“, sagt Armin Wolf im Interview.

Schneller als die APA

Ob Armin Wolf, Florian Klenk ("Falter“), Autor Robert Misik oder Corinna Milborn ("Puls 4“-Anchorwoman): Für eine kleine, innovative Schar von Top-Journalisten zählt Twitter heute zum täglichen Handwerkszeug und wird als personalisierte Nachrichtenagentur und Diskussionsplattform verwendet. "Über Twitter bekommt man die meisten News schneller als über die APA“, sagt Wolf.

Der Trick dabei: Man muss nur als Follower den richtigen Nachrichtendiensten oder Leuten folgen. Sind diese selbst gut vernetzt und beobachten laufend viele verschiedene Medien, agieren sie wie Nachrichtenfilter, die die relevantesten Informationen an ihre jeweiligen Follower twittern. "Auf diese Weise kann man sich ein persönliches Netzwerk an Informationskanälen aufbauen, auf das man jederzeit auch als Recherchetool zugreifen kann“, erläutert der in der Szene anerkannte Blogger und Internet-Experte Helge Fahrnberger. "Es gab zwar immer schon informelle Netzwerke, doch durch Twitter werden diese transparent, persistent und unabhängig von der geografischen Komponente.“ Zu einer meinungsbildenden Größe sei Twitter in Österreich allerdings noch nicht geworden, aber, so ergänzt Kotanko, "der Einfluss der Journalisten ist durch Twitter sicherlich gestiegen - vor allem durch die Unmittelbarkeit. Außerdem erreicht man damit ein ganz neues Publikum und auch Menschen, die sich bereits von den traditionellen Medien verabschiedet haben.“

Auch Kotanko diagnostiziert, dass sich Twitter "in den letzten sechs Monaten qualitativ deutlich verbessert. Es ist nun ernsthafter, reine Nonsens-Tweets sind inzwischen die Ausnahme.“ Dass Twitter in Österreich dennoch erst ein Prozent der Internet-User nutzen, während dieser Wert etwa in den USA rund 20 Prozent beträgt, liegt vor allem daran, dass sich hierzulande kaum eine prominente Persönlichkeit auf Twitter präsentiert. "Aber auch die Info-Elite ist bei uns noch unterrepräsentiert“, analysiert Expertin Denkmayr. Während bei CNN, "New York Times“ oder "Washington Post“ praktisch jeder Reporter auf Twitter zu finden ist und Nachrichten - etwa über den Tod von Osama Bin Laden - mitunter schneller über den Kurznachrichtendienst als über klassische Agenturen die Runde machen, würden in Österreich exklusive News nach wie vor nahezu ausschließlich mittels APA-Aussendung verbreitet. Für Denkmayr herrscht hier ein klarer Mentalitätsunterschied: "Die Priorität der Journalisten liegt noch bei den alten Medien.“

Doch das werde sich immer mehr ändern, meint Denkmayr, nicht zuletzt durch die stark wachsende Durchdringung mit Smartphones. Denn damit steigt automatisch auch die Twitternutzung, und das Medium wird immer relevanter - nicht nur für Journalisten, sondern für die gesamte Gesellschaft und Wirtschaft. Denkmayr: "Wer in Österreich Interesse an seiner Selbstvermarktung hat, wird um Twitter nicht mehr herumkommen. Denn die interessantesten Neuigkeiten wird man künftig zu allererst auf Twitter suchen und finden.“








 
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