e!trend

Oliver Judex
26.06.201209:52 Uhr
Armin Wolf: "Ich bin nicht Lady Gaga"

Armin Wolf: "Ich bin nicht Lady Gaga"

  • trend-Interview. ORF-Journalist und "ZiB 2“-Moderator Armin Wolf hat die mit Abstand meisten Follower - zumindest in Österreich. Er kann sich seinen Arbeitsalltag ohne Twitter nicht mehr vorstellen.

trend: Können Sie mir in 140 Zeichen verraten, was Twitter für Sie bedeutet?

Wolf: Twitter ist für mich eine Nachrichtenagentur, ein Rechercheinstrument, ein Mittel zum Dialog und ein Marketingtool.

trend: Haben Sie diese Länge schon so gut verinnerlicht?

Wolf: Nein, gar nicht (lacht), aber ich hoffe, es waren unter 140 Zeichen (Es waren 115; Anm.).

trend: Textet man anders, wenn man weiß, dass es nur 140 Zeichen sein dürfen?

Wolf: Klar, die 140 Zeichen sind knallhart; 141 gehen nicht. Das schätze ich auch so bei Twitter, weil es mich zu einer wirklichen Prägnanz und zum konzisen Formulieren zwingt.

trend: Kommt es dadurch nie zu unzulässigen Verkürzungen oder Missverständnissen?

Wolf: Könnte schon sein, aber in Österreich sind ganz viele auf Twitter, die mit Sprache arbeiten. Schwierig ist nur Ironie: Wenn ich manchmal kein Smiley dazusetze, dann gibt es immer wieder Leute, die zurückschreiben, ob ich das ernst meine.

trend: Sie haben 50.000 Follower, viele Ihrer Tweets werden aber häufig retweeted, also weitergeleitet. Wie viele erreichen Sie wirklich?

Wolf: Ich habe keine Ahnung. Twitter ist in den vergangenen Monaten zwar stark gewachsen, das sehe ich an meinem eigenen Account, aber von den 50.000 lesen ja nicht alle meine Tweets regelmäßig, sondern vielleicht 2000 oder 3000 Leute. Bei Facebook erreiche ich laut deren Statistik bis zu 300.000 pro Woche, potenziell sind es samt Freunden meiner Freunde sogar zwei Millionen.

trend: Das ist ja mehr als viele Tageszeitungen in Österreich haben.

Wolf: Na ja, mehr als die "Wiener Zeitung“ schaffe ich.

trend: Und mehr Leserbriefe bekommen Sie auch …

Wolf: Das macht ja den großen Unterschied aus. Im Fernsehen sage ich etwas, aber es kann niemand zurückreden. Auf Twitter und Facebook bekomme ich hingegen wirklich viele Reaktionen - wobei ich ja der ganz große Twitter-Fan bin, zu Facebook habe ich mich eher nötigen lassen.

trend: Hat Martin Graf, der in Ihren Tweets zuletzt häufig vorkam, je direkt geantwortet?

Wolf: Martin Graf ist, soweit ich weiß, nicht auf Twitter, und seine Kameraden von Unzensuriert.at habe ich gesperrt. Den rassistischen Unsinn, der dort vertwittert wird, muss ich nicht in meiner Timeline sehen.

trend: Der "Kurier“ hat Ihnen einmal eine große "Meinungsmacht“ dank Twitter zugeschrieben. Sind Sie mächtig?

Wolf: Max Weber sagt, Macht ist die Fähigkeit, seinen Willen auch gegen Widerstand durchzusetzen. Da wüsste ich nicht, inwieweit ich mächtig sein soll.

trend: Sie sind sehr beliebt, haben mit Abstand die meisten Follower und können gleichzeitig via Twitter Ihre Meinung viel prononcierter und offener als in der "ZiB 2“ kundtun …

Wolf: Na ja, ich konnte aufgrund meiner TV-Bekanntheit auch schon manche mir wichtigen Dinge sagen, bevor es Twitter gab. Zum Beispiel 2006, als ich ganz Old-Media-mäßig eine Rede gehalten habe (über den Parteizugriff auf den ORF, Anm.): Das hat sich ja auch verbreitet. Und wenn ich heute unbedingt was sagen will, könnte ich wahrscheinlich die APA oder eine Zeitung anrufen und sagen, ich würde gerne ein Interview geben.

trend: … oder eben in der Causa Niko Pelinka "Warum nicht gleich Laura Rudas?“ twittern mit doch enormen Auswirkungen.

Wolf: Das ist schwer zu sagen. Das ist zwar ein paar Mal zitiert worden, aber ich habe diesen Tweet geschrieben und bin drei Minuten später in die Redaktionssitzung hinunter, in der wir eine Resolution beschlossen haben. Was die Debatte so angeheizt hat, war der Widerstand aus der gesamten Redaktion. Da hatte Twitter dann eine wichtige Rolle, weil Weihnachten bevorstand, wo keine Zeitungen erschienen sind. Auf diesem Weg konnten wir die Diskussion über die Feiertage am Leben erhalten. Ausschlaggebend im Stiftungsrat war aber schließlich das YouTube-Video, das 600.000 Leute gesehen haben.

trend: Okay, dann frage ich anders: Wirken Sie via Twitter meinungsbildend?

Wolf: Vielleicht ein bisschen in der politischen Twitter-Community, aber auch nicht viel mehr als andere. Das ist wie bei einem Stammtisch, da gibt es zehn bis 15 Leute, die sehr aktiv sind, und die sind in dieser Community relativ meinungsbildend - zumindest in dieser Info-Elite, die sich da tummelt, und das werden ein paar hundert Leute sein.

trend: … die nicht unbedeutende Multiplikatoren sind.

Wolf: Ja, vielleicht tu ich mich auch mit dem Wort "meinungsbildend“ unnötig schwer. Mir geht es als Journalist - auch wenn’s pathetisch klingt - um so was wie politische Aufklärung. Und wenn ich in den letzten Tagen etwas zu Martin Graf getwittert habe, dann, weil in der Sendung dafür kein Platz war. Die Meinung muss sich dann eh jeder selber bilden.

trend: Erleichtert Twitter Ihre Arbeit?

Wolf: Begonnen hab ich Twitter im Februar 2009 als Marketingtool: Ich wollte junge Leute dazu bringen, sich dafür zu interessieren, was wir in der "ZiB 2“ machen. Und das hat sich extrem bewährt. Es ist in den letzten drei Jahren keine Geschichte über Twitter erschienen, in der mein Account nicht vorkommt - und Sie beweisen es ja netterweise gerade wieder. Was ich zu Beginn überhaupt nicht abschätzen konnte, ist die Nützlichkeit, nämlich auf drei Ebenen: zum einen zum Dialog, weil ich eben ganz unmittelbare Reaktionen von Zusehern auf meine Arbeit bekomme bis hin zu so banalen Sachen wie, dass meine Krawatte schief sitzt …

trend: … Sie twittern sogar während der Sendung?

Wolf: Ab und zu, die Beiträge kenne ich ja schon. Während der Sendung kommen zwischen zehn und 80 Meldungen, wie unlängst beim Graf-Interview, daher.

trend: Haben Sie davon auch schon etwas in Sendungen eingebaut?

Wolf: Nur einmal, als ich eine falsche Jahreszahl genannt habe. Aber das führt auch schon zum zweiten Nutzen, der Recherche, wenn man zum Beispiel Betroffene für ein Thema sucht oder - wie ich - null Ahnung von Fußball hat und wieder einmal einen neuen Teamchef interviewen muss. Sowohl bei Didi Constantini als auch bei Marcel Koller habe ich meine Follower gebeten, mir doch Fragen zu tweeten, und es kamen Hunderte herein. Die Interviews konnte ich fast ausschließlich mit diesen Fragen bestreiten. Und das dritte und wichtigste ist die Funktion von Twitter als sensationelle personalisierte Nachrichtenagentur, über die man in der Regel die meisten News schneller als in der APA bekommt, sofern man sich die richtigen Leute aussucht, die ganz viele verschiedene Medien konsumieren und als Nachrichtenfilter arbeiten. Daneben folge ich noch Leuten aus verschiedenen Branchen, die Dutzende Fachzeitschriften lesen und die interessantesten Artikel verlinken. Großartig!

trend: Woran liegt es, dass dieses großartige Tool hierzulande nur in einer kleinen Info-Elite eingesetzt wird, in den USA hingegen der große Renner ist?

Wolf: Twitter ist in Amerika so populär, weil Lady Gaga, Justin Bieber und Asthon Kutcher drauf sind.

trend: Und Österreich hat Armin Wolf …

Wolf: Ja, aber ich bin nicht Lady Gaga (lacht). Und das ist der gigantische Unterschied. Twitter ist in Amerika ein Celebrity-Kommunikationstool. Österreich hat aber keine Celebrity-Industrie, auch keine Blockbuster- oder Musikindustrie. Österreich hat Skifahrer und Fußballer - und Menschen, die im Fernsehen arbeiten. Und von den paar Prominenten in dem Land ist niemand auf Twitter. Würden David Alaba, Marcel Hirscher, Niki Lauda und Michael Niavarani morgen mitmachen, würde Twitter binnen drei Wochen explodieren. Und jeder davon hätte mehr Follower als ich.

trend: Ist Twitter ein ideales Marketingtool für Firmen?

Wolf: Für Firmen ist die Verbreitung zu gering. Es ist bei uns eben noch ein sehr elitäres Medium und macht daher mehr Sinn für konkrete Personen, eventuell für einzelne Wirtschaftstreibende. Hubert Sickinger ist zum Beispiel einer der besten Politologen in Österreich, den bis vor zwei Jahren aber nur wenige kannten. Seit er sehr aktiv twittert, ist er binnen zwei Jahren zu einem der meistgefragten Politologen Österreichs geworden. Und das kann im Prinzip jeder Experte machen. Twitter ist das ideale Tool zur Selbstpromotion.

trend: Das gilt wohl auch für Politiker …

Wolf: Genau, weil Politiker sich dort auf eine Weise zeigen können, die in Massenmedien nicht funktioniert. Stefan Petzner vom BZÖ macht das zum Beispiel ziemlich gut und hat es geschafft, dass sich Meinungsführer, die seine Presseaussendungen selten lesen, nun via Twitter mit ihm auseinandersetzen. Das können aber auch Manager. Die ÖBB oder die Erste Bank hätten auf Twitter mit knapp 100.000 Usern nicht viel zu gewinnen, aber die beiden Chefs Christian Kern und Andreas Treichl könnten Twitter sicher als sehr effektives Kommunikationsmittel einsetzen. Der große Nachteil ist, dass es ziemlich zeitaufwändig ist. Wenn man das intensiv macht und auch mit den anderen in Dialog tritt, dann kostet das am Tag mindestens eine Stunde, tendenziell eher mehr. Das muss halt jeder Manager für sich entscheiden, ob es ihn das wert ist.

trend: Welcher gestresste Manager hat schon eine Stunde übrig?

Wolf: Ich hatte die Stunde leider vorher auch nicht übrig. Natürlich bringt das Medium Twitter zusätzlichen Stress, aber ich würde es nicht machen, wenn der Gewinn daraus nicht viel, viel größer wäre.


 
pixel