Meinung

Robert Prazak
27.06.201216:37 Uhr
Achtung, die Transparenz ist da!

Achtung, die Transparenz ist da!

Für Privatpersonen und Unternehmen gleichermaßen unverzichtbar: Transparenz ist das neue Zauberwort. Das hat Folgen.

Ein neues Zauberwort für Österreich: Transparenz. Plötzlich ist alles transparent: Der Fisch im Tiefkühlregal (Iglo zeigt mit Codes an, wo dieser seine letzten Atemzüge machte). Das verdächtige Inserat in der Tageszeitung (künftig soll klar ersichtlich sein, was eine Annonce eines Ministeriums ist und was ein Artikel sein sollte). Die Stromrechnung (die soll ab Jänner endlich verständlich werden). Die Spritpreise ( dank Wirtschaftsminister Mitterlehner). Und natürlich Journalisten ( wie die Kolleginnen und Kollegen vom Trend eindrucksvoll beweisen, indem sie offenlegten, welche Aktien sie besitzen). Am meisten transparent sind aber natürlich die Politiker (das Transparenzpaket bringt ja nicht nur mehr Parteienförderung, sondern macht unter anderem die Parteikassen „gläsern“, wie Bundeskanzler Werner Faymann nicht müde wird zu betonen).

Wer also heute etwas erreichen will, muss transparent sein – zum Beispiel über die modernen Formen der Kommunikation: Auf Facebook muss in der Timeline ersichtlich sein, was seit wann wie mit wem wie lange gemacht wurde. Auf Twitter muss nachvollziehbar sein, welche Meldung wann wie schnell an wieviele Follower herausgeschossen wurde. Über GPS muss ersichtlich sein, wo wer was bevorzugt.

Natürlich ist diese andauernde Selbstdarstellung zwischen Neuigkeitswert und pathologischem Mitteilungsbedürfnis einigermaßen anstrengend, auch für Menschen, die nicht in staatlichen Rundfunkanstalten arbeiten. Es fällt zunehmend schwer, einmal ganz bei sich selbst zu sein, wenn ständig jemand zusieht und zuhört und mitliest.

Die Welle kommt

Aber nicht nur Privat- oder Halbprivatpersonen müssen noch transparenter werden, auch Unternehmen: Eine Welle an Transparentisierungen (das Hauptwort wird garantiert in Kürze erfunden) wird nun in Presseaussendungen, Geschäftsberichten, Strategieworkshops und Personalberatungsprozessen über uns hereinbrechen. Wer da nicht untergehen will, muss schon mehr bieten als vage Angaben über die Gehälter des Vorstands oder eine Erklärung, woher eigentlich das grausliche Zeugs in der Kantine kommt (Biobauer oder Restlverwertung). Das GANZE Unternehmen muss transparent sein - das erwarten die Kunden, pardon User, in Zeiten von Social Media. Twitter-Accounts mit sekündlichen Tweets zu allen möglichen und unmöglichen Firmeninterna („@HerrBauer hat jetzt eine #Excel-Schulung“), Webcams, Facebook-Fanpages, Google+-Profile – es gibt ja so viel zu tun in Sachen Transparenz.

Die Werbung macht es schon vor, zum Beispiel zeigen ja Bankinstitute, wie ihre Mitarbeiter in echt aussehen und wie diese sogar mit den unbedeutendsten Kunden mitfiebern:



Bravo, so muss Transparenz aussehen!

Wobei: Wetten, dass wir uns in spätestens ein, zwei Jahren nach etwas weniger Transparenz sehnen werden und eine Art Biedermeier 2.0 einleiten werden? Dann werden wir unsere Facebook-Accounts abdrehen (falls das bis dahin möglich sein wird), diverse Twitter-Stars ent-folgen und die Webcam abmontieren. Dann werden wir nicht wissen wollen, wer wen wohin eingeladen hat, wer mit wem wann jagen war und wieso wer wieviel verdient. Wir werden daheim Hausmusik machen und es wird uns völlig egal sein, ob der Fisch aus der Nordsee oder einem kasachischen Stausee kommt. Und ob Werner Faymann noch immer oder schon wieder twittert, ist uns jetzt auch schon egal.

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