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Klaus Puchleitner
12.06.201216:38 Uhr
Standort-Ranking: Ein Vorsprung schaut anders aus

Standort-Ranking: Ein Vorsprung schaut anders aus

  • Das jüngste Abrutschen Österreichs auf Platz 21 im Ranking internationaler Wirtschaftsstandorte ist vor allem eine Ohrfeige für die Performance der Bundesregierung.

Österreichs Abstieg im internationalen Ranking der wettbewerbsfähigsten Wirtschaftsstandorte ist vor allem eine Ohrfeige für die aktuelle Regierung. Viele Probleme sind hausgemacht.

Reinhold Mitterlehner war voller Zuversicht. Mit einem engagierten Fünfpunkteprogramm, erklärte der Wirtschaftsminister im September 2011 bei einer eigens einberufenen Pressekonferenz, werde man dem Wirtschaftsstandort Österreich auf die Sprünge helfen. "Wir haben uns einen Vorsprung erarbeitet“, so der Minister, "trotzdem müssen wir unsere Wettbewerbsfähigkeit absichern.“

Nach Vorsprung sieht es in den neuesten Rankings zur Wettbewerbsfähigkeit allerdings nicht aus. Im Gegenteil: Der Abwärtstrend des Wirtschaftsstandorts Österreich im globalen Vergleich hat sich fortgesetzt.

Einmal im Jahr erhebt das renommierte Schweizer IMD-Institut die Wettbewerbsfähigkeit jener 59 Länder in der Welt, die als Industriestaaten gelten. Österreich landete heuer, wie vergangene Woche bekannt wurde, auf Platz 21 - nach dem 18. Rang im Vorjahr. Auch innerhalb der Zone Europa / Mittlerer Osten / Afrika, wo jene Länder beheimatet sind, die am ehesten mit Österreich um Betriebsansiedlungen buhlen, rutschte unser Land ab: von Platz 8 auf Rang 14. Abgefragt und bewertet werden vom IMD in der Untersuchung insgesamt 329 Kriterien, die zu 20 Kategorien (und diese wiederum zu vier Gruppen) zusammengefasst werden. Daraus resultiert die Gesamtreihung.

Während sich an der Spitze dieses Rankings seit Jahren die USA, Hongkong und die Schweiz die besten Plätze untereinander ausmachen, war Österreich im laufenden Jahrtausend noch nie schlechter positioniert als heuer. Seit dem 14. Rang im Jahr 2008 geht es fast nur bergab. Im deutschsprachigen Raum ist Österreich mittlerweile abgehängt: Auch Deutschland, in den vergangenen Jahren meist in unmittelbarer Nachbarschaft zur österreichischen Position im Ranking, liegt nun an neunter Stelle – und damit weit vor Österreich. Für die Wirtschaftskammer ein Anlass zu ernster Sorge. "Was Österreich seit einigen Jahren hinlegt, ist eine höchst gemischte Performance“, sagt Stephan Henseler, Volkswirtschaftsexperte in der Kammer.

Dabei fiele das Ranking an sich für Österreich gar nicht so desaströs aus. Zum Teil deutliche Verbesserungen gegenüber dem Vorjahr gibt es zum Beispiel bei wichtigen Faktoren wie Exportentwicklung, BIP-Wachstum, Fremdwährungsreserven oder Direktinvestitionen, von ausländischen Investoren in Österreich ebenso wie von heimischen Unternehmen im Ausland. In Bezug auf Lebensqualität, sozialen Frieden oder Gesundheits-Infrastruktur zählt Österreich ohnehin immer zur Weltspitze.

Auch bei der Performance der sogenannten KMUs, also der Klein- und Mittelständischen Unternehmen, ist Österreich spitze – und nimmt international den dritten Rang ein. Während insgesamt die Qualifikation der Arbeitskräfte und damit das staatliche Ausbildungssystem längst kein heimisches Asset mehr ist (nur mehr Platz 50), lobt das IMD-Ranking die betriebliche Weiterbildung in den Unternehmen ausdrücklich – hier liegt Österreich an dritter Stelle unter allen 59 gereihten Staaten. Nimmt man also die heimische Wirtschaft und ihre Performance als Maßstab, fällt das IMD-Ranking gar nicht so schlecht aus (Details siehe Tabelle Stärken und Schwächen Österreichs).

Bloß ziehen jene Kriterien das Land stark nach unten, in denen politische Entscheidungen direkt eine Rolle spielen. Anders gesagt: Das IMD-Ranking ist eine Ohrfeige für die Regierung und ihre Leistung.

Sorgenkind "Regierungseffizienz“

Bei der "Regierungseffizienz“, einer der vier Hauptgruppen im Ranking, liegt Österreich unter allen 59 vom IMD als Industriestaaten eingestuften Ländern nur noch an 33. Stelle. Abgehängt zum Beispiel von Kasachstan, Chile, den Philippinen, Indonesien und Peru. Beim dazu zählenden Unterkriterium "Fiskalpolitik“ sind überhaupt nur drei Staaten schlechter klassiert als Österreich. "Zu dieser Wertung tragen die hohen Lohnnebenkosten in Österreich, die Sozialversicherungsabgaben, die hohe Einkommenssteuerbelastung und auch die Begünstigung des frühen Ausscheidens aus dem Erwerbsleben bei“, erklärt Anne-France Borgeaud vom IMD. Klingt wie eine Aufzählung exakt jener Problemzonen, an denen heimische Regierungen seit Jahren erfolglos herumdoktern.

Gerade dort, wo Wirtschaftsminister Mitterlehner im September 2011 eigentlich ansetzen wollte, zeichnen sich darüber hinaus weitere Stolpersteine für die kommenden Jahre ab: bei der Qualifikation der Arbeitskräfte sowie bei Forschung und Entwicklung. Die Studie verweist auf die Möglichkeit, dass F&E-Einrichtungen schon bald aus Österreich abgezogen werden könnten; nur in neun anderen Ländern ist diese Gefahr laut IMD derzeit noch größer. Auch die Arbeitskräfte-Qualifizierung werde sinken, fürchtet man. Und das wenig nachhaltige Förderungswesen zeitigt ebenfalls Folgen: Bei der Effizienz der "Regierungsförderungen“ liegt Österreich nur noch auf Platz 50.

Nur für eine Problemzone kann die Politik wenig: Die Schwierigkeiten vieler Austro-Banken in Osteuropa haben auch zur Herabstufung der Wettbewerbsfähigkeit beigetragen.

Selbst die Stärken Österreichs sind zu relativieren. Weltweit konkurrenzlos scheint unser Land bei den sogenannten „redundancy costs“, also den Abfertigungskosten, dazustehen. Allerdings: Österreich hat hier im Ranking seit Einführung der Abfertigungsvorsorge bloß einen formalen Sprung nach vorne gemacht, weil nun keine unmittelbaren Abfertigungskosten mehr anfallen. Diese sind in den monatlichen Lohnnebenkosten erfasst, bei denen Österreich nach wie vor sehr schlecht abschneidet.

Auch der zweite von den beiden Siegen Österreichs in einer der 329 Einzelkategorien des IMD-Rankings ist fällt ein wenig unter die Rubrik „Titel ohne Mittel“: Zwar wird nirgendwo auf der Welt weniger gestreikt als in Österreich, aber der sozialpartnerschaftliche Frieden fließt anderswo wiederum als politischer Stillstand in diverse Kategorien-Wertungen ein.

Die „Mobilität internationaler Studenten“ - Österreich liegt hier weltweit an dritter Stelle – wiederum ist nicht viel mehr als eine Folge der vielen deutschen Studierenden, die wegen der geringen oder überhaupt fehlenden Studiengebühren und wegen des Numerus Clausus bei ihnen zuhause nach Österreich drängen. Die nackten Zahlen des Rankings geben hier einfach nicht das komplette Bild wieder.

Nur ein Ranking?

"Das ist nur ein Ranking von vielen“, beruhigt René Siegl, Chef der Austrian Business Agency (ABA). "Man muss es zwar ernst nehmen, aber wir werden eben noch mehr auf unsere Stärken hinweisen, die zweifelsfrei vorhanden sind.“ Was Siegl nicht sagt: Gerade die ABA wirbt auf ihrer Website derzeit mit Österreichs bisherigen guten Platzierungen in solchen Wertungen. Nun könnten dem ins Wirtschaftsministerium ressortierenden Betriebsansiedler langsam die Argumente ausgehen.

Versuche, das neue IMD-Ranking als wenig aussagefähig abzutun, scheinen jedenfalls sinnlos. Denn die Schweizer sind mit ihrem "World Competitiveness Yearbook“, dessen Basis das Ranking darstellt, die weltweit angesehenste Agentur auf diesem Gebiet. Viele große internationale Wirtschaftsberater orientieren sich an dem, was dort veröffentlicht wird. Basis für alle IMD-Einschätzungen sind Daten aus Institutionen wie UNO, Weltbank, IWF oder Eurostat. Aus Österreich fließen Wifo-Daten in das Ranking ein.

In den Arbeitsgruppen von Vizekanzler Michael Spindeleggers Projekt "Österreich 2025“ (Topmanager erarbeiten Wirtschaftsperspektiven für das Land) wird bereits heftig über die neuerliche Herabstufung Österreichs diskutiert: „Man macht sich schon Sorgen, wenn solche Rankings veröffentlich werden“, sagt etwa Franz Geiger, Vorstand der Donau Chemie und mit ABA-Chef Siegl in einer der Arbeitsgruppen. „Wir hatten eine eigene Sitzung zu diesem Thema, die Politik müsste sich auf einige wesentliche Punkte fokussieren.“ Vor allem im Ausland schade das neu veröffentlichte IMD-Ranking dem Ansehen Österreichs, fürchtet Geiger: „Wenn ein Manager im Ausland eine Zeitung in die Hand nimmt und das liest, wird er den Kopf schütteln.“

Die Politik scheint allerdings noch tunlichst wegzuschauen. Außer Wirtschaftsminister Mitterlehner (siehe Interview) fand sich bisher kein Regierungsmitglied, das Österreichs Abschneiden kommentieren wollte. "Da sehen wir das Wirtschaftsministerium in der Verantwortung“, lässt etwa Finanzministerin Maria Fekter über ihren Sprecher lapidar ausrichten. Bundeskanzler und Vizekanzler hüllen sich überhaupt in Schweigen.

Für den Politologen Peter Filzmaier ist diese Realitätsflucht der Politik durchaus verständlich: „Nichts zu sagen ist für Politiker die einzige Möglichkeit, wenn man es nicht schafft, konzertiert aufzutreten“. Und konzertierte Auftritte sind offensichtlich derzeit Sache der österreichischen Bundesregierung nicht. Genauso, wie Finanzministerin Fekter auf die Verantwortlichkeit des Wirtschaftsministeriums verweist, sähe man es in Mitterlehners Ressort lieber, würde die Finanzministerin zum schlechten Abschneiden Österreichs befragt . Selbst wenn Mitterlehner doch Auskunft zum IMD-Ranking gibt und dieses relativiert (siehe Interview), betont er doch: Bei jenen Kriterien, die in die Zuständigkeit seines Ministeriums fallen, schneide Österreich gut ab, das Finanzressort sei hingegen stärker negativ betroffen. Fekter sieht die Sache umgekehrt.

Aber vermutlich weiß die Politik, dass mit dem sperrigen Thema „Standortpolitik“ im breiten Wahlvolk ohnehin kein Staat zu machen ist – und auch wenig zu verlieren: „Um das Thema zu verstehen wäre ein sehr hoher Abstraktionsgrad notwendig, den man in der Bevölkerung flächendeckend in dieser Form vermutlich nicht findet“, weiß Politik-Experte Filzmaier. „Wenn es um Wiederwahl geht, hat dieses Thema vermutlich kaum negative Auswirkungen auf die betroffenen Politiker“, sagt er.

Das könnte sich vielleicht schon demnächst ändern: Denn schon bald könnte noch einiges an Hiobsbotschaften folgen: Wenn im Mai 2013 das nächste Ranking veröffentlicht wird, steht es um Österreichs Chancen zur Verbesserung nicht allzu rosig: Die verschobene Zentralmatura (zählt zur Kategorie "Infrastruktur“) und steuerliche Verschlechterungen aus dem Stabilitätspakt sind im aktuellen Klassement noch gar nicht berücksichtigt. Die Probleme könnten also zunehmen, auch wenn Siegel von der ABA zum aktuellen Ranking sagt: „Drei, vier verlorene Plätze bringen uns nicht gleich in Argumentationsnotstand.“ Das wird Wirtschaftsminister Mitterlehner wohl Grund geben, trotz des schlechten österreichischen Abschneidens weiter zuversichtlich zu bleiben.

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