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07.06.201212:46 Uhr
Auto-Boom in Südostasien

Auto-Boom in Südostasien

Im Schatten buddhistischer Tempel und Jadesäulen wächst fast unbemerkt ein neues Paradies für die Autobranche heran. Denn die als Pantherstaaten bekannten südostasiatischen Länder Indonesien, Thailand und Malaysia entpuppen sich für westliche Autobauer und ihre Zulieferer als attraktiver Zukunftsmarkt, nachdem in Europa auf absehbare Zeit kein Wachstum mehr zu erwarten ist und auch in China die einst sagenhaften Zuwachsraten verhaltener ausfallen.

"Das wirtschaftliche Potenzial und die schiere Menge an Bevölkerung in den Ländern Südostasiens ist sehr verlockend", beschreibt Christoph Stürmer von der Marktforschungsgesellschaft Global Insight die Reize der Region für europäische Autohersteller und ihre Lieferanten. Andere haben diese längst erkannt: Japanische Autobauer sind schon seit geraumer Zeit vor Ort, koreanische in Lauerstellung.

Vorreiter ist Toyota : Auf den Straßen von Bangkok, Jakarta und Kuala Lumpur dominieren Pick-ups, Kompaktautos und Kleinwagen der Japaner das Straßenbild. Fahrzeuge von VW, GM, BMW oder Daimler sind noch Mangelware. Das könnte sich bald ändern, denn VW hat inzwischen zur Aufholjagd geblasen. Nach mehreren vergeblichen Versuchen wollen die Wolfsburger endlich in Malaysia Fuß fassen. VW wittert ein Riesenpotenzial in Südostasien: "Neben China und Indien gewinnt die Asean-Region als wichtiger Zukunftsmarkt im Rahmen der Strategie 2018 für den Volkswagen Konzern immer mehr Bedeutung."

600 Millionen potenzielle Autokäufer

Knapp 600 Millionen Menschen leben in den zehn Ländern, die Mitglied in der "Association of Southeast Asian Nations" (Asean) sind - von Birma bis Indonesien. Deren Bevölkerung wächst rasant. Schon in vier Jahren soll die Einwohnerzahl auf 650 Millionen anschwellen - bei gleichzeitig wachsendem Wohlstand. Die aufstrebende Mittelschicht leistet sich zunehmend auch teure Konsumgüter wie Autos. "Wenn die Menschen dort immer stärker zu Geld kommen, lohnt es sich für die Hersteller, dort stärker präsent zu werden", sagt Stefan Bratzel vom Center of Automotive Management in Bergisch Gladbach. Das vertraute Straßenbild mit Tausenden Fahrrädern und Mopeds könnte dann Geschichte sein.

In den Metropolen drängen sich bereits jetzt Autos Stoßstange an Stoßstange, und die Zahl der Neuzulassungen steigt ständig. 2015 könnten bereits rund 40 Millionen Fahrzeuge auf den Straßen der Asean-Staaten unterwegs sein, kalkulieren Experten der Deutschen Bank und des deutschen Branchenverbands VDA. Zuletzt waren es 26 Millionen. Dies entspräche einem durchschnittlichen jährlichen Wachstum von gut zehn Prozent. Schon jetzt werden in der Region jedes Jahr drei Millionen Autos gebaut, bis 2020 soll sich die Produktion auf mehr als sechs Millionen verdoppeln. Fast die komplette Fertigung in der Region entfällt derzeit auf drei Länder: Thailand, Indonesien und Malaysia. Marktführer sind Toyota, Suzuki & Co mit einem Anteil von bis zu 80 Prozent, da sie von Handelsabkommen zwischen Japan und den Asean-Ländern profitieren.

Der Marktanteil deutscher Autohersteller am Absatz beträgt hingegen gerade mal ein Prozent. "Dies liegt auch an den hohen Importzöllen von bis zu 80 Prozent", urteilt die Deutsche Bank. "Der Ausbau eigener Fabriken vor Ort könnte eine Antwort sein", raten die Experten. Bisher sind die deutschen Autohersteller nur mit Montagewerken vertreten: VW liefert den Mittelklassewagen Passat als Bausatz an seinen malaysischen Partner HRB-Hicom, künftig sollen dort auch die Modelle Jetta und Polo für den malaysischen Markt montiert werden. Damit könnte ein Produktionszentrum für die gesamte Region entstehen. Auch Daimler montiert Mercedes-Benz-Modelle von der Mittel- bis zur Oberklasse in Thailand, Malaysia und Indonesien - aber ebenfalls nur aus importieren Bausätzen. Lokale Zulieferer kommen bisher kaum zum Zuge.

Toyota, Toyota, Toyota

Toyota ist da schon weiter und knüpft für seine Fabriken in den Asean-Ländern ein dichtes Netzwerk von Zulieferern, um künftig noch stärker von den geringen Lohnkosten zu profitieren und die Stärke des Yen abzumildern. "Asean ist das Osteuropa Japans", heißt es beim schwäbischen Zulieferer ElringKlinger, der künftig in Indonesien für Toyotas Lkw-Tochter Hino Dichtungen herstellen wird. 2,5 Millionen Euro kostet der Aufbau der Produktion. "Das ist ein kleiner Einstieg in einen wichtigen Markt", begründet ElringKlinger den Vorstoß in Südostasien. Mit Rückenwind durch weitere Lieferverträge mit japanischen Autobauern könnten die künftigen Geschäfte in der Region "durchaus die Dynamik von China entwickeln." Auch beim weltgrößten Zulieferer Bosch spielt die Region eine immer größerer Rolle: Im vergangenen Jahr beschäftigten die Stuttgarter in den Asean-Ländern 5100 Mitarbeiter, 900 mehr als ein Jahr zuvor. Der Umsatz sprang um mehr als zehn Prozent auf 540 Millionen Euro.

Für Toyota & Co bietet sich außer dem Export der kostengünstig in den Asean-Staaten produzierten Fahrzeuge zurück nach Japan ebenso die Ausfuhr nach Australien an. Daher werden die Japaner ihre unangefochtene Marktführerschaft gegen Konkurrenz aus Europa und den USA verteidigen. Bereits ein Jahr nach dem Erdbeben in Fukushima und der Flutkatastrophe in Thailand hat sich Toyota eindrucksvoll an der Weltmarktspitze zurückgemeldet.

Doch wie die Tigerstaaten Südkorea, Taiwan und Singapur wurden auch die Pantherstaaten bereits vor gut zwei Jahrzehnten einmal hoch gehandelt, bevor die asiatische Finanzkrise kurz vor der Jahrtausendwende mit dem Abzug internationaler Geldgeber das rasante Wachstum abbremste. Aus den Tigerstaaten seien "Bettvorleger" geworden, räumt Analyst Stürmer ein. In Asien jedoch allein auf China zu setzen, sei kein gangbarer Weg für die deutsche Autoindustrie, kontert Auto-Experte Bratzel. Die Hersteller müssten einen Ausgleich zwischen den globalen Absatzmärkten schaffen, um Abschwünge abfedern zu können. Wie Osteuropa und Russland verspreche Südostasien auf Jahre hinaus hohe Wachstumsraten, sind sich die Fachleute einig und erblicken am Horizont bereits schemenhaft das nächste Paradies für die Branche: "Ich kann mir vorstellen, dass Afrika im nächsten Jahrzehnt für die Automobilindustrie eine größere Rolle spielen wird", sagt Auto-Professor Bratzel.

 
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