Meinung

B. Heinzlmaier/Gastkommentar
08.06.201210:11 Uhr

Die Jugend: Eine verlorene Generation?

  • Trotz Krisenstimmung gibt es Hoffnung auf eine bessere Zukunft. Allerdings nur für die Elite.

Neue Jugendstudien zeigen, dass sich unsere Jugend nicht mehr so richtig wohlfühlt. Sie hat kein Vertrauen in Wirtschaft, Politik und Religionsgemeinschaften, vor allem aber ist sie davon überzeugt, dass es in der Gesellschaft nicht gerecht zugeht. Der Egoismus regiert, moralisches, am gemeinschaftlichen oder gesellschaftlichen Ganzen ausgerichtetes Handeln ist die Ausnahme anstatt die Regel.

Ein solcher Befund kann nur jene verwundern, die bisher der Auftragsforschung aus dem Umfeld von Politikberatungsfirmen Glauben schenkten. Dort erscheinen die Österreicher und Österreicherinnen ja immer als optimistisches Volk, das zuversichtlich die Aufgaben der Zukunft anpacken will.

Aber so ist es nicht. Vor allem die jungen Österreicher haben Angst vor der Zukunft. Sie kämpfen zwar um ihre persönlichen Chancen, aber die Konkurrenzgesellschaft, in der einzig ökonomische Bewertungskriterien das Maß aller Dinge sind, wird ihnen zusehends unheimlich.

"Die Ökonomisierung des Sozialen“ nennt die Wissenschaft den Vorgang, im Zuge dessen die Imperative des Marktes wie Effizienz, Nützlichkeit, Verwertbarkeit und Rentabilität die Herrschaft über alle Lebensbereiche übernehmen.

Unter dem ständig drohenden Schatten dieser kalten Wertmaßstäbe leben zu müssen kann nicht glücklich machen.

Zudem ist gegenwärtig deutlich zu sehen, dass das hoch gepriesene marktwirtschaftliche System überhaupt nicht funktioniert. Im europäischen Durchschnitt liegt die Jugendarbeitslosigkeit bei über 20 Prozent. Schon wird von der "verlorenen Generation“ gesprochen. Aber wie so häufig ist auch dieses Etikett nur eingeschränkt zutreffend für die Umstände, die es bezeichnen möchte. Denn natürlich sind nicht alle gleichermaßen verloren. Besonders verloren sind die Jugendlichen des unteren Viertels der Sozialstruktur. Über ihre Probleme und Sorgen wird kaum noch geredet.

Haben die Gesellschaft und ihre wenig empathischen Eliten sie vielleicht klammheimlich schon abgeschrieben?

Dass die unteren Mittelschichten und Unterschichten kaum noch Beachtung finden, außer wenn es um Ordnungs- und Sicherheitspolitik geht, zeigt nicht zuletzt die Bildungsdiskussion der letzten Monate. Hier wird Bildungspolitik aus der Perspektive der Mittelschichten diskutiert. Die Wörter "Berufsschule“, "Lehre“ und "duales System“ kommen in ihr kaum noch vor.

Vor allem im städtischen Raum verliert die Lehre zusehends die Anschlussfähigkeit an den Arbeitsmarkt. In sie strömen nun Schichten ein, die früher ungelernt arbeiten mussten, die Lehrlinge von gestern finden sich heute in den berufsbildenden höheren Schulen.

Allein dass die Klientel des dualen Systems schwieriger geworden ist, wäre schon Grund genug, um in Lehrberufe und Berufsschulen ordentlich Geld und Reformenergie zu investieren. Aber passiert das? Im Gegenteil, Geld und konzeptionelle Anstrengungen fließen mehr denn je in Richtung Spitzenforschung, Privatuniversitäten und Fachhochschulen. Und es ist auch klar, warum. Fachhochschulen sind im Zeitalter der Vergötzung akademischer Bildung ein Imagefaktor.

Im Gegensatz dazu gelten praktische Fertigkeiten - daran konnten auch die Imagekampagnen für eine "Karriere mit Lehre“ nichts ändern - als minderwertig.

Wer also hinauf will, der muss zumindest durch eine höher bildende Schule, ob er sich dort wohlfühlt oder nicht. Noch besser ist es, einen akademischen Titel zu erwerben. Und zu einem solchen können Mann und Frau heute auf zwei verschiedene Arten kommen.

Der schwierige Weg führt durch das Nadelöhr der staatlichen Universitäten. Dort werden die Zugangsschwellen immer höher, und das Studium selbst wird dem freien Geist durch zunehmende Reglementierung und Bürokratisierung vermiest.

Die bessere Möglichkeit bieten Privatuniversitäten, natürlich nur für die, die genügend Geld haben. Dort ist Raum, Technik und hoch qualifiziertes Personal im Überfluss vorhanden. Und während die staatlichen Universitäten Studierende loszuwerden versuchen, konkurrenzieren sich die Marketingabteilungen der Privatuniversitäten um die Bildungswilligen aus den betuchten Schichten.

Unter solchen Verhältnissen kann auch kein Vertrauen in die Politik entstehen. Junge Wähler und Wählerinnen setzen sich von den etablierten Parteien ab. Die bildungsfernen unter ihnen in Richtung Rechtspopulismus, die bildungsnahen zu den Piraten. Schon haben die Piraten bei den unter 30-Jährigen einen Anteil von 12 Prozent. Und die Piratenwähler wollen keine neuen Programme mehr, sie wollen eine Politik, die auch konsequent tut, was sie ankündigt, und sie wollen mitbestimmen - direkt und unbürokratisch.

Dementsprechend geht es ihnen mehr um das Formale der Politik als um Inhalte. Denn wer braucht schon neue Programme und Ankündigungen? Rhetorik gibt es schon mehr als genug - Politiker, die über vieles reden, aber wenig tun.

Die Jugend will eine Politik der klaren Sprache, getragen von authentischen, ehrlichen, integren Akteuren. Dass sie die bekommen wird, scheint aus heutiger Sicht eher unwahrscheinlich zu sein.

 
mstieger, 12. 06. '12 21:15
Die hier behauptete “bessere Möglichkeit” gibt es nicht wirklich.
Den 321.000 Studierenden an 22 öffentlichen Universitäten und 21 Fachhochschulen stehen gerade einmal 6.000 Studierende (jeder 55ste Student) an den Privatuniversitäten gegenüber.
Von den 13 Privatuniversitäten in Österreich haben die Hälfte (7) weniger als 500 Studierende, die kleinste kommt nicht einmal auf 50!
Lediglich die beiden größten Privatuniversitäten kommen auf etwa 1.000 Studierende.
An der Anton Bruckner Privatuniversität zahlen EU-Bürger EUR 100,-- im Semester, an der Katholisch Theologische Privatuniversität Linz EUR 363,70, am Konservatorium Wien Privatuniversität EUR 220,--.
Beachten wir die Musikuniversitäten und die der Katholischen Kirche nicht, studieren gerade einmal 3.500 Studierende mit nennenswerten Studiengebühren an den Privatuniversitäten Österreichs.
pixel