Gesundheit

Jochen Hahn
03.06.201212:36 Uhr

Euro: Der Abgesang wird lauter – und prominenter

  • Die schon jahrelange Beschwichtigungsmasche und Salamitaktik europäischer Politiker und Notenbanker erfährt ihre bittere Entlarvung.

Sie sind ständige Begleiter – die Crashpropheten, Wirtschafts-Apokalyptiker und Systembasher. So richtig ernst genommen hat sie bis zur Finanzkrise niemand. Von Politikern, Bankern und Medien wurden sie meist nur belächelt und für verrückt erklärt, wenn nicht überhaupt völlig ignoriert. Seit dem Ausbruch der Finanzkrise begann sich das Blatt aber langsam zu wenden.

Die Medien berichten öfter über systemkritische Stimmen und Journalisten sind bereit, einst absurde Thesen zu hinterfragen. Und plötzlich hält ein Mainstream Einzug, den vor der jüngsten Verschärfung der Euro-Schuldenkrise kaum jemand für möglich gehalten hat. Denn täglich wird die Schar jener größer und lauter, die den Euro für gescheitert und das System kurz vor dem Kollaps sehen.

Das beängstigende daran ist allerdings, dass die neuesten Proponenten einst „skurriler“ Thesen nicht Hinz und Kunz sind, sondern richtig prominent. Kurz vor dem vergangenen Wochenende outet sich Alessandro Profumo, der ehemalige Chef der größten Bank Italiens Unicredit, als neuester Euro-Skeptiker. „Wir stehen kurz vor dem Abgrund“, warnte er. Wochen davor stimmte sich schon die gesamte Führungsmannschaft der im Besitz der Allianz befindlichen Fondsgesellschaft Pimco gegen den Euro ein. Noch viel drastischere Töne klingen aus den Finanztürmen von London und von US-Wirtschafts-Nobelpreisträgern. Kaum noch einer glaubt an einen Verbleib der Griechen in der Eurozone und viele bezweifeln die Zukunftsfähigkeit der Gemeinschaftswährung. George Soros, US-Starinvestor und bekennender Europa-Freund, gibt Deutschland nur noch drei Monate zur Lösungsfindung Zeit. Scheitert der Versuch, ist seiner Meinung nach der Euro Geschichte.

Da wundert es wenig, dass auch der Wind bei Politikern zu drehen beginnt. Italiens Ex-Premier Silvio Berlusconi fordert die EZB zum Gelddrucken auf, ansonsten müsse Italien aus der Eurozone ausscheiden. Wenige Tage davor hat IWF-Chefin Christine Lagarde scharfe Worte Richtung Athen geschickt, die noch vor wenigen Wochen unmöglich schienen. Und selbst in der EZB ist ein „GrEXIT“ alles andere als ein Tabuthema.

Dazu gesellt sich ein – besonders in Deutschland – täglich lauter werdender Pressechor gegen die „faulen und korrupten“ Griechen. Widerspruch ist faktisch nicht mehr vorhanden. Die Nachrichtenagenturen sind derart voll mit Abgesangs- und Horrormeldungen zur Eurozone, dass es einem Medium schwer fällt, diese offenbar schauerliche Wirklichkeit zu ignorieren bzw. nicht zu publizieren. Die wirklichen Bad News sind salonfähig geworden.

Genau in dieser Entwicklung liegen aber Problem und Gefahr. Denn die nun schon jahrelange Beschwichtigungsmasche und Salamitaktik europäischer Politiker und Notenbanker erfährt gerade jetzt ihre bittere Entlarvung. Kaum ein Wort entsprach der Realität und nirgends kam die Wahrheit auf den Tisch. Die Folge sind Wutbürger, ein erodiertes Vertrauen in die Politik und eine wirtschaftliche Hoffnungslosigkeit, die sich von Südeuropa immer weiter Richtung Norden ausbreitet.

Und die Crashpropheten von einst? Die werden plötzlich zu Verkündern der bitteren Realität.

Dem Autor auf Twitter folgen:


 
·Ambulante Neuro-Rehab
·Gruppenordination Medico Chirurgicum
·Intoleranzen
pixel