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02.06.201221:00 Uhr
Stil kann mann kaufen

Stil kann mann kaufen

  • Modefibel. Der Dresscode-Experte Bernhard Roetzel bringt ein neues Buch heraus.

Bernhard Roetzel beantwortet die meistgestellten Fragen modeinteressierter Männer.

Man glaubt es kaum. Nach bald vier Jahrzehnten modischer Dos-and-Don’ts-Listen, drei Jahrzehnten regelmäßig ausgerufener Klassik-Revivals und zwei Jahrzehnten offen zur Schau getragener Metrosexualität beschäftigen immer noch drei Fragen den stilistisch interessierten Mann: 1. Welche Hosenlänge ist korrekt? 2. Welche gemusterte Krawatte passt zu welchem gemusterten Hemd? Und 3. Wie knöpfe ich das einreihige, dreiknöpfige Sakko richtig zu?

Klingt komisch, ist es aber nicht. Im Gegenteil: Ernsthafter kann in Modeangelegenheiten kaum ermittelt werden. Schließlich handelt es sich um die drei Punkte, auf die der Stilexperte Bernhard Roetzel am häufigsten angesprochen wird, wenn er an rund 100 Tagen im Jahr durch Deutschland und Österreich tourt und vor Tausenden Menschen über das referiert, was modische Klasse, Tradition und Souveränität ausmacht. Seine Vorträge werden vor allem von jungen männlichen Fashionistas, Studenten, Geschäftsleuten, die ihr Auftreten verbessern wollen, und Brancheninsidern besucht. Jetzt hat der Autor der meistverkauften Modefibel der Welt - sein 1999 publiziertes Buch "Der Gentleman“ wurde in 18 Sprachen übersetzt - wieder einen "Mode Guide für Männer“ verfasst.

Was den nun vorliegenden Titel vom Standardwerk unterscheidet, ist dessen ausgeprägte Praxisnähe. Roetzel schlägt Kombinationsmöglichkeiten (Farben, Muster, Stoffe) vor, erklärt die Vorzüge von Maßarbeit, korrigiert die häufigsten Modesünden.

Womit an dieser Stelle die Beantwortung der eingangs zitierten Fragen einzulösen wäre.

1. Die perfekte Hosenlänge hängt von der Weite der Hosen ab. Weite Hosen bedecken zwei Drittel des Schuhs, dürfen auf dem Spann einmal einknicken und an der Rückseite maximal bis zum Ansatz des Absatzes reichen. Schmale Hosenbeine knicken auf dem Spann einmal leicht ein und reichen an der Rückseite bis zur Mitte der Fersenkappe.

2. Die Frage der gemusterten Krawatten wird auf der nächsten Seite samt Bildbeispielen erläutert.

3. Das einreihige, dreiknöpfige Sakko wird in der Mitte zugemacht.

Erstaunlich findet Roetzel, dass selbst ältere Herren, die so tun, als ob sie alles wissen würden, sich an diesen drei Punkten spießen. Schuld daran sei das Ausbildungssystem im Modefachhandel, das "mehr Wert auf den kaufmännischen Erfolg als auf Stilfragen“ lege. Ein typisches Beispiel: "Wenn der Kunde die Ärmellänge seines Sakkos bis zu den Daumenwurzeln haben möchte, wird der Verkäufer es ihm so richten, selbst wenn es falsch ist.“ Richtig wäre, so Roetzel, das Hemd zwischen einem halben und mehreren Zentimetern hervorblitzen zu lassen. "Aber erstens wissen das sechs von zehn Verkäufern nicht. Und zweitens halten die vier verbliebenen lieber den Mund, als sich ein Geschäft entgehen zu lassen.“

Interessant in diesem Zusammenhang ist, dass selbst das Gros der europäischen Politiker, die heutzutage für fast jede Gesichtsregung einen Berater konsultieren, in Modefragen völlig auslässt. Dies allerdings hält Roetzel für Strategie: "Es gilt immer noch der Stehsatz, Wer äußerlich zu gut aussieht, muss innerlich umso verkommener sein.‘ Deshalb versuchen sich die meisten Politiker an ihre Klientel anzupassen und modisch nicht allzu sehr aufzufallen.“

Der gefallene deutsche Verteidigungsminister Karl-Theodor zu Guttenberg stellte eine Ausnahme dar. "Er sieht gut aus, hat Geld, legt Wert auf feine Kleidung. Normalerweise werden solche Menschen mit Neid überzogen, er aber schaffte es kurzfristig bis zur Ikone“, analysiert Roetzel. Modische Kultfiguren kommen in dem neuen Buch so gut wie keine vor. Konnte man sich im "Gentleman“ noch an legendären Beispielen wie Edward VIII., Duke of Windsor, Winston Churchill, Gianni Agnelli oder sogar Andy Warhol orientieren, scheint die Zeit neuer Vorbilder noch nicht gekommen. "Derzeit gibt es eben keine Modeikonen“, stellt Roetzel fest, "wenn Prince Harry, der Sohn von Prince Charles, knallblaue Clarks zu seinen Chinos trägt, dann setzt er ein Statement, aber keinen Trend. Der italienische Designer und Enkel von Gianni Agnelli, Lapo Elkann, geht eventuell als moderne Stilikone durch, weil er auf eine sehr spezielle Art klassische Elemente mit Streetwear kombiniert.“ Die Bemühungen um einen eigenen Stil seien durch die Vielzahl der Möglichkeiten nicht eben leichter geworden, ein Zuviel des Guten schnell erreicht. Roetzel gnadenlos: "Ein blondiertes Strähnchen, ein ausrasierter Bart und schon bekommt der beste Look Schrammen ab. Man wird zwar bei jeder Tür hereingelassen, aber wirklich ernst genommen wird man nicht.“

Gibt es wie bei Frauen auch bei Männern altersbedingte Modesünden? Da lacht Bernhard Roetzel kurz auf: "Reifere Herren nehmen für sich gern in Anspruch, dass ihre Beine, Arme und ihr Hals vom Altersprozess verschont bleiben. In Wirklichkeit geht es ihnen nicht anders als den Frauen, die allerdings meistens viel selbstkritischer und strenger mit sich umgehen. Ältere Herren sollten also auch im Sommer keine kurzen Hosen anziehen und keinesfalls ihr Hemd zu weit geöffnet tragen. Selbst wenn man das Glück hat, wie Herbert von Karajan oder Udo Jürgens schlank zu bleiben und genügend Haare am Kopf zu behalten, sieht man an heißen Tagen in weißen Leinenhosen und weißen Leinenhemden am besten aus.“

Michaela Ernst

 
xiaobeijingren, 29. 08. '12 04:34
Super Tipp!
Ich denke auch das Leinensachen immernoch am besten bei aelteren Leuten sind..
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