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02.06.201220:54 Uhr
Die neuen Knizes

Die neuen Knizes

  • Massarbeit. Handgefertigte Anzüge sind in, das Schneiderhandwerk boomt wieder.

trend präsentiert die neue Generation der Maßschneider.

Eintauchen in die Welt von gestern, die gerade wieder modern wird: Die Kärntner Straße in Wien mit ihren schrillen Auslagen rechts ab, hinein in die ruhige Annagasse und in den Hof des barocken Gebäudes auf Nummer 5. Im dritten Stock befindet sich das Atelier von Herrenschneiderin Johanna Kastner. Wer eintritt, steht mitten in der Werkstatt. Stoffballen lehnen an der Wand, auf einem halb fertigen Jackett verwirren Markierungen mit Schneiderkreide den Unkundigen. Am Zuschneidetisch stapeln sich jene Stoffteile, aus denen Wochen später auf wundersame Weise ein Herrenanzug entsteht. Kastner gehört zu jener neuen Generation von Maßschneidern und -konfektionären, die auch heute noch das Handwerk und die individuell gefertigte Garderobe hochhalten. Und sie ist damit nicht alleine, wie Annemarie Mölzer, Bundesinnungsmeisterin für Mode und Bekleidungstechnik, bestätigt. Rund 2500 Maßkleidermacher gibt es hierzulande, Tendenz steigend. Allein Niederösterreich verzeichnete vergangenes Jahr einen Zuwachs von sieben Prozent. Und auch die Zahl derer, die sich mit Mode von der Stange nicht mehr zufriedengeben, wächst. Schuld daran ist - die Wirtschaftskrise. "Bei vielen lautet die Devise seitdem Klasse statt Masse. Anstatt in mehrere passable Anzüge wird nun lieber in einen perfekten investiert“, stellt Karin Agh vom Atelier Stoffwerk fest.

Einstiegsdroge

Kein Wunder, sitzt ein maßgefertigtes Kleidungsstück doch wie eine zweite Haut, kaschiert körperliche Mängel seines Trägers, und bei der Wahl von Schnitt und Stoff geht man keine Kompromisse ein. Dafür ist allerdings auch einiger Aufwand vonnöten. 50 bis 90 Arbeitsstunden dauert es, bis sich der Kunde ins edle Tuch hüllen kann. Während beim Maßschneider bis zu vier Anproben nötig sind, geht es bei Maßkonfektion schneller. Zuweilen wird dabei aber mit bereits vorgefertigten Schnitten gearbeitet, die individuell für den Kunden verändert und seinen Wünschen und Maßen angepasst werden.

Der Unterschied schlägt sich auch im Preis nieder: Maßkonfektion ist die mitunter erheblich günstigere Variante und gilt daher als "Einstiegsdroge“. Wer auf den Geschmack kommt, will irgendwann auch das Tragegefühl eines von Hand genähten Anzugs kennen lernen. Das Prozedere ist für den Kunden meist das gleiche. Zunächst sollte er sich darüber klar werden, zu welchem Zweck er den Anzug tragen will, schließlich ist das Voraussetzung für die Stoffauswahl. Schnitt, Knopfanzahl, Taschen und andere Merkmale sind Körperbau, Geschmack und Moden geschuldet. Nach einer oder mehreren Anproben ist es dann so weit: Das gute Stück kann endlich ausgeführt werden. Und in den meisten Fällen wurde die Liebe zu einem Kleidungsstück (und einem Handwerk) begründet, die mitunter Jahrzehnte dauern kann.

Ulrike Moser

 
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