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02.06.201220:45 Uhr
Leben aus dem Koffer

Leben aus dem Koffer

  • Vielflieger erzählen, wie sie mit der Last des Reisens zurechtkommen.

Geschäftsreisen. Wenig Gepäck, eingespielte Rituale und eine strenge Disziplin: Vielflieger erzählen, wie sie mit der Last des Reisens zurechtkommen.

Er ist eben mit der Morgenmaschine aus Frankfurt angekommen und betritt nun gut gelaunt die Lobby im Hotel Sacher. Mit seinem Trolley, einem Kleidersack und seiner Aktentasche. Tags davor ist Gerhard Novak noch in Dubai aufgewacht. Sobald er seinen Gesprächstermin hier im Sacher zu Ende gebracht hat, fährt er, es ist Freitagvormittag, nein, nicht etwa zu seiner Familie nach Hause, sondern wieder in Richtung Schwechat. Denn am Nachmittag wird er in London erwartet. Samstagmittag kehrt er wieder nach Wien zurück. Dann beginnt auch für ihn das Wochenende.

Gerhard Novak ist Head of Strategic Business Unit Eyewear bei Rodenstock, weltweit größter Hersteller von Brillengläsern und -fassungen. Der gebürtige Österreicher mit Hauptarbeitssitz in München ist mehr als 180 Tage im Jahr unterwegs, besucht regelmäßig die Fabriken in Japan und Italien sowie die knapp 100 Distributionspartner in allen Teilen der Welt. Sein Leben spielt sich zwischen Flughäfen, Hotellobbys, Konferenzräumen ab. Und alles, was für den reibungslosen Verlauf verantwortlich ist, findet in einem Wochenendgepäcksstück auf zwei Rädern Platz. Man kann sich fast nicht vorstellen, wie das funktioniert.

Dabei ist Novak gar kein Ausnahmefall, sondern durchaus repräsentativ für jene Klasse von Geschäftsleuten, die sich auf internationalem Parkett bewegen. Auch Andrea Gaal, Global Head of Retail & Distribution Channels bei Sony Mobile Communications, findet nichts dabei, ein Büro in Wien und eines in London gleichermaßen zu bespielen und darüber hinaus regelmäßig nach Brasilien, Russland, Indien und China zu reisen: "Wer am Ball bleiben will, weiß, dass die Musik da draußen spielt. Der Face-to-face-Kontakt bleibt nach wie vor das Wichtigste.“

Der Weg als Teil des Ziels

Das Leben aus dem Koffer verlangt allerdings nach Disziplin. Nach einer Ordnung, die (fast) so strikt ist wie die Gliederung der Fächer in einem Trolley. Gerhard Novak hat sich zum Beispiel folgendes Reisekorsett auferlegt: "Bei einem zirka zehnstündigen Flug arbeite ich die ersten zwei Stunden, dann gönne ich mir eine Stunde Entertainment. Ich lese ein Buch oder schaue einen Film an. Danach schlafe ich drei bis vier Stunden. Und anschließend arbeite ich nochmals zwei Stunden. Alkohol ist tabu.“

Ebenso wichtig wie die Vorbereitung auf den Geschäftstermin ist für Andrea Gaal die Beschäftigung mit der Kultur, der Geschichte, der Wirtschaftslage des Landes, in das sie reist: "Die Auseinandersetzung mit anderen Biz-Kulturen erweitert das Bewusstsein, schärft die Beobachtungsgabe und Empathie. An der japanischen Mentalität zum Beispiel gefällt mit diese Affinität zur Kunst im Alltäglichen, die Liebe fürs Detail sowie die Wertschätzung von aufgebauten Beziehungen über die Jahre. Wenn Sie in einem Kaufhaus einen grünen Tee kaufen, wird der verpackt, als ob es sich um ein extrem wertvolles Geschenk handelte. Wenn man von einem Geschäftspartner Visitenkarten erhält, betrachtet man diese mit Aufmerksamkeit und legt sie nicht einfach oberflächlich zur Seite, wie das bei uns in Europa gang und gäbe ist.“

Auch Andreas Gerstenmayer, Vorstandsvorsitzender des Leiterplatten-Giganten AT&S und 150 Tage im Jahr unterwegs, widmet einen Teil der Anreise, um sich in die unterschiedlichen Kommunikationsformen hineinzudenken: "In Indien ist es zum Beispiel unüblich, dass man einander die Hand gibt. Man faltet seine Hände und verneigt sich kurz voreinander. In China wiederum ist es unhöflich, Dinge direkt anzusprechen. Ein klares Nein würde dort als Affront gewertet.“

Wer schon den Weg als Teil des Ziels betrachtet, tut sich auch leichter mit dem Länder-Zapping, dem Switchen durch Zeitzonen. Und auch mit der Orientierung ganz allgemein, wenn man zum Beispiel am vierten Reisetag den Fuß ins mittlerweile fünfte Hotel setzt.

So pflegt der Investmentbanker und Gründer der Vienna Capital Partners (VCP), Heinrich Pecina, der 100 Tage im Jahr auf Reisen ist, ein fest strukturiertes Ankommensritual bei seinen Auslandsterminen. Die Zeit im Flugzeug widmet er ausschließlich der Geschäftsvorbereitung sowie der Beantwortung von Mails. Dafür führt ihn sein erster Weg direkt ins Hotel: "Ich schaue mir mein Zimmer an, richte alles so her, wie ich es brauche, packe den Koffer aus. So gewinne ich die Zeit, die man braucht, um sich mit einem Ort geistig zu vernetzen. Außerdem merkt man sich leichter die Zimmernummer, als wenn man spät und müde vom Tag zum ersten Mal ins Hotel kommt.“

Es muss nicht immer Kaviar sein

Bei der Wahl ihrer Bleiben sind die meisten Manager deutlich weniger penibel als viele Urlaubsreisende - was möglicherweise daran liegt, dass das wichtigste Kriterium bei der Wahl des Hotels die Lage ist. Wer viel im Flugzeug sitzt, will nicht auch noch im Auto wertvolle Zeit vertun. "Ich brauche keinen Schnörkel, denn im Prinzip hält man sich ja nur zum Schlafen im Zimmer auf“, verrät AT&S-Vorstand Gerstenmayer, "ich fahre dorthin, wo es notwendig ist. Und wenn es einmal nicht so sauber ist, wie man es sich wünscht - selbst in Spitzenhotels ist das nicht immer selbstverständlich -, heißt es Augen zu und durch. Meist ist man am nächsten Tag ohnedies schon wieder fort.“ Auch Gerhard Novak von Rodenstock legt Wert auf "kurze Wege“ und die Verfügbarkeit von Meeting Rooms: "Ein WLAN-Zugang wäre auch wünschenswert, und das ist oft gar nicht so einfach. In Dubai zum Beispiel ist die Freischaltung ins System extrem kompliziert.“ Andrea Gaal schätzt ebenso wie Heinrich Pecina einen 24-Stunden-Service, "weil man ja oft zu den unmöglichsten Zeiten ankommt oder abreisen muss“. Während für Pecina "die Ausstattung Nebensache“ ist, achtet Gaal darauf, dass frisches Wasser und Obst im Raum stehen, Fitnessraum oder Schwimmbad vorhanden sind, "weil man sich generell zu wenig bewegt, wenn man viel reist“.

Die Last des Fliegens

Was die beruflichen Vielflieger am meisten stört, ist das Fliegen selbst. "Die meisten chinesischen Flughäfen haben mittlerweile eine bessere Infrastruktur als Schwechat“, bemerkt etwa Novak, der es außerdem bedenklich findet, dass die Austrian kaum noch Direktflüge anbietet: "Die Folgen für den Wirtschaftsstandort Österreich machen sich jetzt schon bemerkbar. Für internationale Unternehmen ist gute Erreichbarkeit eines der wichtigsten Argumente. Wenn man aber umsteigen muss, um nach Wien zu kommen, dann bedeutet das einen Qualitätsverlust.“ Auch Heinrich Pecina findet, dass sich der Sparkurs "zumindest bei den Langstreckenflügen bemerkbar macht“. Und: "Fliegen ist kein Spaß mehr. Man muss genau überlegen, was man an Bord mitnehmen darf und was nicht. Es vergeht immer mehr Zeit mit Kontrollen, Einchecken und der Erfüllung von immer neuen Regelungen.“ Andrea Gaal meint, dass es "generell viel Spielraum für Verbesserung auf europäischen Flughäfen gäbe. In Asien und in Kanada gibt es Wellness-Zonen, die leicht zugänglich und leistbar sind. Auch die Biz-Lounges haben optimalere Öffnungszeiten.“

Für Menschen, die aus dem Koffer leben, zählen aber selten Reisewidrigkeiten zu den Herausforderungen, Flexibilität ist auch nicht ihr Problem. Der sensibelste Punkt ist das Pflegen und Aufrechterhalten ihrer privaten Beziehungen. Gerhard Novak telefoniert zweimal täglich mit seiner Familie - ganz egal, auf welchem Erdteil er sich gerade aufhält. Schreibt bei jeder SMS, jedem Mail dazu, wo er gerade ist. Und verreist grundsätzlich immer mit seinem "kleinen Hochzeitsalbum“. Andrea Gaal, die kürzlich Mutter geworden ist, setzt auf die vererbte Reiselust ihrer Tochter: "Mein Kind ist schon vor seiner Geburt so viel herumgekommen und hat sich nie beschwert!“ Außerdem schickt sie ihrem Mann Handy-Fotos von unterwegs, notiert "große Ideen“ in ihrem "kleinen Buch“, die sie dann mit nach Hause bringt. Heinrich Pecina bleibt nirgendwo länger als notwendig, denn "man ist froh zurückzukommen, weil man die Gegend liebt, die einem vertraut ist“.

Michael Ernst

 
xiaobeijingren, 27. 08. '12 04:04
Beeindruckend
Beeindruckend irgendwie..man muss aber verdammt diszipliniert sein.
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