Kultur & Style

02.06.201219:01 Uhr
Francesca Habsburg zeigt neue Schau im Wiener Augarten

Francesca Habsburg zeigt neue Schau im Wiener Augarten

  • Die Kunstmäzenin und TBA21-Gründerin im Gespräch über ihren neuen Ausstellungsraum im Augarten Atelier.

Kunstmäzenin Francesca Habsburg hat mit ihrer Stiftung TBA21 das Atelier Augarten vom Belvedere gemietet und will den Ausstellungsraum zum Hotspot zeitgenössischer Kultur machen. FORMAT traf sie zu einer ersten Begehung.

Die großen Glasfenster des Wiener Atelier Augarten im hinteren Teil der weitläufigen Parkanlage spiegeln in der Sonne. Gewohnt beschauliche Idylle in der Dependance des Wiener Belvedere, mag man denken. Doch bei näherem Blick bemerkt man das geschäftige Treiben. Vor dem Eingang werden Mappen mit Infomaterial geschlichtet, innen der Boden ein weiteres Mal poliert, die Pressedame ist nervös. Gleich soll es die erste Begehung des von Francesca Habsburg und ihrer Stiftung Thyssen-Bornemisza Art Contemporary (TBA21) übernommenen Ausstellungsraumes geben. Die Chefin wird erwartet. Ein Taxi fährt vor - lädt aber "nur“ einen neugierigen internationalen Kunstkritiker aus.

Francesca Habsburg biegt indes zu Fuß ums Eck und erkundigt sich sofort, warum kein Außenplot oder Logo der Stiftung das Areal kennzeichnet: "Im Marketing sind wir sichtlich noch nicht wirklich gut, wenn wir es nicht einmal schaffen, ein Roll-up vor dem Museum zu platzieren“, sagt sie mit einem Seitenblick auf ihre Assistentin. Diese greift sofort zum Handy.

Sosehr sich die Tochter von Baron Hans Heinrich Thyssen-Bornemisza und Gattin von Karl Habsburg-Lothringen gerne "very down to earth“ gibt - was die zeitgenössische Kunst betrifft, versteht Francesca Habsburg keinen Spaß. Dass sie anders ist, als man sich gemeinhin Mitglieder des europäischen Hochadels vorstellt, hat sie in jungen Jahren schon als frühes It-Girl bewiesen. Mit ihrer 2002 ins Leben gerufenen Stiftung fördert die 53-jährige Erzherzogin nun weltweit multimediale Projekte an der Schnittstelle von Kunst und Wissenschaft und unterstützt zahlreiche Künstler bei ihren ersten Schritten.

"Nein!“ Das könne so sicher noch nicht fotografiert werden, scheucht sie ein Kamerateam und Fotografen weg von der Installation "Venus Mirrors“ des britischen Turner-Preisträgers Simon Starling, dem sie die erste Ausstellung widmet. Die Arbeit sei noch nicht komplett aufgebaut, erläutert sie dann. Ein Parabolspiegel müsse noch installiert werden. Zur Eröffnung am 29. Mai wird alles perfekt sein. Dafür rotiert das Team.

Mit einem ambitionierten Programm feiert TBA21 dann sowohl das zehnjährige Bestehen als auch die Eröffnung der neuen Ausstellungsräume im Augarten. Francesca Habsburg hat das ursprünglich als Atelier und Wohnraum des burgenländischen Bildhauers Gustinus Ambrosi in den 1950er-Jahren errichtete Areal vom Belvedere übernommen. Vorerst für vier Jahre, mit Option auf Verlängerung. "Die schnellste Entscheidung, die je in der österreichischen Kunstwelt gefällt wurde“, setzt sie lachend hinzu. In nur fünf Wochen sei alles mit Belvedere-Chefin Agnes Husslein und Kulturministerin Claudia Schmied "abgedealt“ gewesen.

Win-win-Situation

"Wir übernehmen die Miete, die laufenden Kosten und finanzieren die Ausstellungen selber, ohne Subvention! Wir ersparen also dem Belvedere eine Menge Geld“, wehrt sich die obsessive Sammlerin gegen Vorwürfe, ihre adelige Freundin Husslein hätte ihr zu einem Museum der Republik verholfen. - Es sei vielmehr eine Win-win-Situation für alle.

"Man hat hierzulande diesbezüglich eine ängstliche emotionale Blockade und sollte endlich auch kulturpolitisch eine Brücke zwischen öffentlichen und privaten Institutionen schlagen. In Amerika ist das gang und gäbe. Wir kämpfen doch alle für dasselbe und lieben Kunst.“ Habsburg will jedenfalls durch die Kunst das Areal im Augarten für die Öffentlichkeit reaktivieren und Kontakt zu den umliegenden Communities herstellen. Eine Chance für den Bezirksteil rund um die Norwestbahnstraße und eine Herausforderung für die engagierte Erzherzogin.

Bereits 2005 hat sie, in Nachbarschaft zu ihrem damaligen Wohnsitz in der Himmelpfortgasse, einen "Space in Progress“ gegründet. Aus dem sei man aber buchstäblich rausgewachsen. "Die meisten Menschen hierzulande wissen nicht, dass der größte und beste Teil meiner Sammlung Rieseninstallationen sind. Ich kann sie eigentlich selbst nie richtig sehen. Eine Tragödie! Jetzt kann ich sie der Öffentlichkeit zeigen und auch selbst genießen.“ Auch mit ihrer Privatwohnung hat Francesca Habsburg den ersten Bezirk, den sie als "zu statisch und unbelebt“ empfindet, verlassen und ist in die Gumpendorfer Straße gezogen, wo die dreifache Mutter (18, 14, 12) nun unweit von ihrem Büro am Wiener Naschmarkt residiert.

Vieles ermöglichen

Mit rund zehn Mitarbeitern und ihrer Kuratorin Daniela Zyman arbeitet sie daran, Projekte zu ermöglichen, und hat ihre Tätigkeit auch auf Koproduktionen zwischen bildender Kunst und der Theaterszene ausgeweitet. Ihre Puppen-Rock-Oper "Don’t Trust Anyone Over Thirty“, die sie mit Tony Oursler und Dan & Rodney Graham realisierte, war u. a. bei den Wiener Festwochen 2005 zu Gast. Aktuell arbeitet der deutsche Künstler Carsten Nicolai an einem Oskar-Schlemmer-Projekt, das vielleicht schon kommendes Jahr auf eine heimische Bühne kommt.

"Nur von Kunstmesse zu Kunstmesse zu jetten oder bei Auktionen einzukaufen wäre keine Herausforderung, betont Habsburg. Als solche entpuppte sich allerdings der Kauf der von Adolf Krischanitz für Berlin errichteten Kunsthalle. Die Konstruktion wird derzeit in Berlin gelagert, denn die Pläne, die Halle neben dem 21er Haus aufzustellen, fielen den heimischen Bauauflagen zum Opfer. "Die Halle wurde von den Wiener Statikern als im Erdbebenfall zu riskant eingestuft. Für die entsprechenden baulichen Adaptionen habe ich kein Geld. Meine Stiftung konzentriert sich auf Sammeln und Ermöglichen.“ Habsburg sucht nun Abnehmer: "Vielleicht im Kosovo oder in Sarajevo, wo immer es andere klimatische Bedingungen gibt.“

Im Augarten setzt die Mäzenin auf Soloshows von Künstlern der Sammlung. Die Eröffnungsschau gestaltet Simon Starling in Zusammenarbeit mit der dänischen Künstlerformation Superflex. Der 43-jährige Brite beschäftigt sich in seinem Œuvre mit speziell wissenschaftsgeschichtlichen Fragestellungen. Mit dem Instinkt eines Forschers rekonstruiert Starling Zusammenhänge zwischen Orten, kulturellen Praktiken und historischen Umständen. Das Resultat sind vielteilige Installationen, die technologische Apparaturen, Film, Fotografie, Objekte und Performance mit einbeziehen. Die im Rahmen der Ausstellung präsentierten Werke verstehen sich als Re-Prototypen - also als neu erschaffene und aktivierte Muster vergangener Erfindungen wie etwa die Einbeziehung des Daches von Jean Prouvé. Ab Oktober präsentiert dann Marina Abramovic ihre Arbeit "The Abramovic Method“ im weitläufigen Atelier.

Dunkle Vergangenheit

Nur einen Steinwurf entfernt davon steht das Ambrosi-Museum, das erst nach dem Tod des Bildhauers 1975 installiert wurde. Für Habsburg ein zweifelhaftes Monument für einen Künstler mit dunkler Vergangenheit, der sich während des Nationalsozialismus sehr flexibel in seiner Haltung erwies. "Ich fühle mich nicht wohl, das Museum so nahe zu haben, aber wir arbeiten damit und informieren die Künstler von seiner Geschichte. Einige zukünftige Projekte“, so Habsburg, "sind so angelegt, dass sie spezifisch auf den Ort und seinen ehemaligen Bewohner eingehen und ihn kritisch beleuchten.“

So wird unweit des Hauses bald eine echte Kuh grasen, die von Kitzbühel nach Wien transferiert wird. Sie ist Teil einer Performance von Superflex zu Gustinus Ambrosis Œuvre. Ab 1. Juni soll dann die Performance-Reihe "Ephemeropterae“, benannt nach den Eintagsfliegen, den gesamten Sommer über jeden Freitag den Augarten zu einer Bühne für Kunst und Gastfreundschaft machen und eine aktive Beziehung zum Publikum herstellen. Denn das, so Francesca Habsburg, sei durchaus Teil ihres Mission-Statements. "Die Kunst kann Leute bereichern, man darf sie nicht aussperren. Das Augarten-Atelier ist ein super Ambiente für solch eine Auseinandersetzung. Ich zeige ja keine Schau mit 200 Werken, sondern immer nur einige Arbeiten. Man braucht keine Angst vor der zeitgenössischen Kunst haben. Man muss auch nicht immer gleich alles verstehen, die Leute haben bloß verlernt zu fragen.“ Genau das sollte hinkünftig im Augarten möglich sein.

- Michaela Knapp

 


pixel