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30.5.2012 09:42

"Es ist töricht anzunehmen, dass ein Griechenland-Austritt zu handhaben ist"

  • Die Welt ist noch nicht bereit für einen Euro-Exit Griechenlands. Die Kosten sind höher als gedacht, die Folgen dramatisch.
"Es ist töricht anzunehmen, dass ein Griechenland-Austritt zu handhaben ist"

Griechenland ist lediglich für 0,4 Prozent der weltweiten Wirtschaftsleistung verantwortlich. Sollte das Land jedoch aus der Eurozone austreten, könnte das Schockwellen auslösen, die von Berlin über Zürich und Moskau bis hin nach Peking zu spüren wären. Experten rechnen mit Kosten von mehr als einer Billion Euro.

Der Austritt des Landes aus der Währungsunion würde zu “Kollateralschäden” führen, sagen Richard Clarida von Pacific Investment Management Co. (PIMCO) und Volkswirte von Bank of America Merrill Lynch und JPMorgan Chase & Co. Im schlimmsten Fall kann es zu Staatsbankrotten in Europa, Stürmen auf die Banken, Kreditklemmen und Rezessionen kommen, die weitere Euro- Austritte mit sich bringen könnten.

Die weltweiten Handels- und Finanzbeziehungen haben zur Folge, dass nicht nur die Eurozone betroffen wäre. JPMorgan schätzt, dass ein BIP-Rückgang der Euro-Länder um ein Prozent das Wachstum anderswo um 0,7 Prozentpunkte reduzieren würde.

Exportnationen von Großbritannien bis China würden das zu spüren bekommen und der Rohstoffproduzent Russland würde unter dem fallenden Ölpreis leiden. Die USA dürften zwar besser abschneiden, aber dennoch wären die Folgen den Auswirkungen der Insolvenz der Investmentbank Lehman Brothers Holdings.
vergleichbar.

“Wenn zu wenig getan, wird, um die Ansteckungsgefahr innerhalb Europas zu begrenzen, wird die Hölle losbrechen”, sagt Barry Eichengreen, Professor an der University of California in Berkeley, im Telefoninterview. “Es ist vorstellbar, dass es so weit kommt.”

GrEXIT bereits "Basisszenario"

Die Volkswirte von Citigroup. sehen ein Euro-Aus der Griechen zum 1. Jänner 2013 mittlerweile als ihr “Basisszenario”. In der Eurozone würde das Bruttoinlandsprodukt (BIP) in einem solchen Fall um mindestens vier Prozent schrumpfen, schätzen die Strategen von BofA Merrill Lynch. Der Euro würde dabei unter 1,20 Dollar zurückfallen und der Bankenindex im Stoxx 600 würde von 123 Punkten Ende vergangener Woche unter 110 abrutschen.

Andere angeschlagene Länder wie Portugal und Spanien würden unter höheren Kreditkosten ächzen. Dagegen könnte in Deutschland die Rendite zehnjähriger Staatsanleihen auf ein Prozent sinken, da Europas größte Volkswirtschaft als sicherer Hafen angesehen wird.

“Wenn man Griechenland gehen lässt, wird dadurch klar gemacht, dass die Mitgliedschaft in der Eurozone nicht unbedingt permanent ist - für einige Länder könnte das zu einer Katastrophe führen”, erklärte Laurence Boone, Chef-Volkswirtin Europa bei BofA Merrill Lynch in London.

Die Kreditwürdigkeit von Staat und Banken in Italien und Spanien - den dritt- und viertgrößten Volkswirtschaften der Eurozone - würde wieder stärker angezweifelt werden, warnt Yiannis Koutelidakis, Volkswirt bei Fathom Financial Consulting in London. Bei einem Euro-Austritt der Griechen steige die Wahrscheinlichkeit, dass Portugal folgt, wodurch wiederum eine Kettenreaktion ausgelöst würde, die auch ein komplettes Ende der Währungsunion bedeuten könnte, sagt Koutelidakis. "Es ist töricht anzunehmen, dass ein Griechenland-Austritt zu handhaben ist."

Bereits jetzt steigt die Besorgnis der Investoren: Der Euro hat in den vergangenen vier Wochen gegenüber dem Dollar etwa fünf Prozent an Wert verloren. Die Kosten für eine Kreditausfallversicherung für Spanien und spanische Banken sind im Mai auf einen neuen Rekord geklettert. Europas Banken halten Bonds aus Spanien, Portugal, Italien und Irland im Volumen von 1,2 Billionen Dollar (962 Mrd. Euro), wie aus Daten der Bank für Internationalen Zahlungsausgleich (BIZ) hervorgeht.

Kosten weit höher als gedacht

Eine weitere finanzielle Bedrohung für die Länder außerhalb des Euroraums besteht darin, dass die europäischen Banken im Fall einer Krise einen Teil ihrer insgesamt 5 Billionen Euro, die sie im Ausland halten, zurückholen könnten, warnt Volkswirt Joseph Lupton von JPMorgan Chase in New York.

Charles Dallara, Managing Director des internationalen Bankenverbands Institute of International Finance (IIF), erklärte am 25. Mai im Interview mit Bloomberg News, dass die Kosten für einen Euro-Austritt Griechenlands voraussichtlich oberhalb seiner vorherigen Prognose von einer Billion Euro liegen dürften. In der Schätzung enthalten sind direkte Verluste aus griechischen Staatsanleihen sowie die Kosten für den Schutz von Portugal, Irland, Spanien und Italien und die Mittel, die für eine Stärkung der Banken notwendig wären.

Die weltweiten Kosten zu beziffern fällt jedoch nicht leicht. Chinas Wachstum dürfte sich durch einen Griechen- Austritt von 9,2 Prozent 2011 auf 6,4 Prozent im laufenden Jahr reduzieren, sagen die Volkswirte von China International Capital voraus. Und auch in Hongkong, Singapur, Malaysia, Taiwan und Südkorea würde eine Krise in der Eurozone “sehr wahrscheinlich zu einer erneuten tiefen Rezession führen”, sagt Robert Prior-Wandesforde, der bei Credit Suisse Group in Singapur für die Asien-Volkswirtschaft zuständig ist.

In Russland würde die Wirtschaft um 2,1 Prozent schrumpfen, schätzt OAO Sberbank, die größte Bank des Landes. Im schlimmsten Fall würden die Banken des Landes demnach 95 Mrd. Dollar an Kapital verlieren. Noch schlimmer ergehen würde es allerdings - abgesehen von der Eurozone - wohl Ländern wie Rumänien und Bulgarien, die als “erste in der Schusslinie” stehen, sagt Neil Shearing, Chef-Volkswirt für Schwellenmärkte bei Capital Economics in London.

Nach Ansicht von Clarida von PIMCOwerden es die Entscheidungsträger allerdings voraussichtlich nicht so weit kommen lassen. Es seien aus dem Lehman-Bankrott und seinen Folgen Lehren gezogen worden, sagt er. “Ins kalte Wasser zu springen und sehen, was daraus wird, hassen die Märkte mehr als alles andere - aber genau so einen Fall hätten wir bei einem Austritt Griechenlands aus der Eurozone.”

Bloomberg/hahn

30.5.2012 09:42
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