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23.5.2012 13:43

"Die Lage am Weizenmarkt ist besorgniserregend"

  • Eine Dürre in wichtigen Anbaugebieten der USA, Russlands und Australiens hat die Weizen-Preise nach oben schnellen lassen.

Allein in der vergangenen Woche sind die Kontraktpreise an der Börse in Chicago - dem größten Futures-Handelsplatz der Welt - um 17 Prozent gestiegen. Einen solchen Preissprung gab es seit 1996 nicht mehr. Und mehr als sieben Dollar je Scheffel (rund 35 Liter) Weizen wurden zuletzt im September 2011 gezahlt.

Wettervorhersagen, wonach in wichtigen Anbaugebieten Russlands und Australiens lang ersehnter Regen absehbar ist, haben die Preise inzwischen wieder etwas sinken lassen. Aktuell kostet ein Scheffel Weizen in den USA noch rund 6,70 Dollar. Am europäischen Handelsplatz in Paris wurde der richtungsweisende Weizenkontrakt am Mittwoch zu 210 Euro je Tonne gehandelt. Noch zu Wochenbeginn waren rund neun Euro mehr gezahlt worden; so viel wie seit Juni 2011 nicht mehr.

An der generell zugespitzten Situation werden ein paar Schauer aber nichts ändern, sind sich Experten einig. Zumal die nächsten Wetterkapriolen absehbar sind. So hält es der australische Wetterdienst für möglich, dass sich in der zweiten Jahreshälfte eine El-Nino-Situation herausbilden könnte; eine periodische Erwärmung des pazifischen Ozeans, die das Wetter in großen Teilen der Welt beeinflusst. Für Australien - aus dem etwa ein Sechstel des weltweit gehandelten Weizens kommt - könnte El Nino eine lange Dürreperiode mit sich bringen.

Für wichtige Anbaugebiete in den USA und der ehemaligen Sowjetunion sind die Perspektiven ähnlich trüb. Vor allem die Situation in Russland ist brenzlig, erst 2010 hatte eine extreme Dürre die Ernte so mager ausfallen lassen, dass das Land keinen Weizen mehr exportieren konnte. Bislang geht das US-Landwirtschaftsministerium davon aus, dass Russland bis Juni gut 20 Millionen Tonnen ausführen wird; das sind rund 14 Prozent des weltweiten Geschäfts. Analysten warnen allerdings, dass sich diese Menge um ein Drittel reduzieren könnte - sowohl wegen der nach wie vor angespannten Versorgungssituation im Land selbst als auch wegen des schlechten Wetters.

Entspannung ist noch möglich

Noch halten es Experten für möglich, dass sich die Lage auch entspannen könnte - sofern sich das Wetter nachhaltig bessert. "Es stimmt schon, es ist sehr trocken in Russland, und die Lage am Weizenmarkt ist besorgniserregend", sagt Analyst Gautier Le Molgat von Agritel. "Aber die letzten Monate vor der Ernte können noch einmal viel ändern." Die globalen Weizenvorräte werden nach Schätzung des amerikanischen Landwirtschaftsministeriums bis zum Sommer auf den tiefsten Stand seit 2009 schrumpfen. Sie reichten dann nur noch aus, um den Bedarf für 100 Tage zu decken. Allerdings ist das dann noch weit entfernt von dem Niveau, das 2007 eine Preisexplosion ausgelöst hatte. Damals genügten die globalen Weizenvorräte gerade noch für 72,5 Tage.

Wie schlimm es in diesem Jahr wird, hängt Experten zufolge vor allem vom Wetter in den Staaten der früheren Sowjetunion ab. "Es ist noch keine Krise, die an der Brot-Theke angekommen wäre", sagt Analyst Rich Feltes vom Handelshaus R.J. O'Brien. "Sollten sich die Wetterbedingungen auf dem Gebiet der ehemaligen Sowjetunion aber verschlechtern, dann haben wir durchaus ein Problem."

Reuters

23.5.2012 13:43
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