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23.05.201214:39 Uhr

Deutschland zahlt keine Zinsen mehr

  • Die guten Seiten der Schuldenkrise: Der deutsche Staat muss erstmals in der Geschichte für eine Anleihe keine Zinsen zahlen.

So billig wie Wolfgang Schäuble (Bild) hat bislang noch kein deutscher Bundesfinanzminister neue Schulden gemacht: Erstmals in der Geschichte lieh sich der deutsche Staat Milliarden von Anlegern, ohne dafür auch nur einen Cent an Zinsen zahlen zu müssen. Trotzdem rissen sich die Anleger um die deutschen Bundesschatzanweisungen mit zweijähriger Laufzeit.

Die Versteigerung der mit einem Zinskupon von null Prozent ausgestatteten Bundesschatzanweisungen spülte am Mittwoch knapp 4,6 Milliarden Euro in die Staatskassen, wie die für das Schuldenmanagement zuständige Finanzagentur mitteilte. Die Nachfrage nach den Papieren war robust: Sie übertraf das Angebot um das 1,7-Fache. Das Ergebnis sei für den Bund als "wirtschaftlich sehr gut zu bewerten", sagte ein Sprecher der Finanzagentur. "Die Suche nach Qualität wird eindrucksvoll unterstrichen." Weitere 1,3 Milliarden Euro nahm der Bund mit einer bis 2023 laufenden Anleihe ein, bei der er das Inflationsrisiko übernimmt und die mit einem Zinskupon von 0,1 Prozent ausgestattet ist.

Anleger suchen puren Kapitalerhalt

Grund für das große Interesse der Anleger an den unverzinsten Bundeswertpapieren ist deren Status als sicherer Hafen. "Wer einen Parkplatz für sein Geld sucht, der kommt um deutsche Papiere nicht herum", sagte Commerzbank-Analyst David Schnautz. "Für die Anleger geht es um den puren Kapitalerhalt. Bei deutschen Papieren können sie sicher sein, das eingesetzte Geld in voller Höhe zurückzubekommen." Das sieht Zinsstratege Richard McGuire von der Rabobank in London genauso: "Den inzwischen krisenerfahrenen Investoren ist Kapitalerhalt wichtiger ist als die Rendite."

Für die Geldgeber besteht sogar noch die Chance, die Anleihen an den Märkten mit Gewinn zu verkaufen. "Sollte die Schuldenkrise weiter eskalieren, treibt das die Anleger noch mehr in deutsche Papiere", sagte Schnautz. "Deren Kurse können durch die starke Nachfrage steigen, so dass am Ende doch noch eine gute Rendite stehen könnte."

Der Bund muss sich in diesem Jahr 252 Milliarden Euro bei Investoren leihen, um Altschulden zu tilgen und neue Schulden zu finanzieren. Während Deutschlands Finanzminister Schäuble Milliarden an Kosten spart, stellt das niedrige Zinsniveau für Lebensversicherer und Pensionsfonds ein großes Problem dar. Sie sind aufsichtsrechtlich verpflichtet, einen Großteil ihres Geldes in möglichst ausfallsichere Staatsanleihen zu stecken. Da die Inflationsrate in Deutschland derzeit bei gut zwei Prozent liegt, liegen die Realzinsen im negativen Bereich. Für Lebensversicherer ist es damit schwierig, hohe Renditeversprechen einzuhalten.

Die Finanzagentur hat sich bei ihrer Entscheidung für einen Zinskupon von null Prozent am Markt orientiert. Dort liegt der Zins derzeit bei 0,04 Prozent. "Der Bund beabsichtigt nicht, Bundeswertpapiere mit negativen Kupons zu begeben", sagte der Sprecher der Finanzagentur. "Ein Kupon von null Prozent stellt insoweit eine Untergrenze dar."

Vom Status des Bundes als sicherer Hafen profitiert auch die Staatsbank KfW : Sie sammelte fünf Milliarden Euro bei Investoren ein. Der Zins für die Bonds mit drei Jahren Laufzeit lag mit 0,625 Prozent so niedrig wie nie zuvor. Insgesamt hat die KfW in diesem Jahr bereits 47 Milliarden Euro eingesammelt, am Ende des Jahres sollen es wie 2011 rund 80 Milliarden Euro sein.

Einmaliges Kunststück

Im Januar war dem Staat sogar das bis dahin einmalige Kunststück gelungen, mit Schulden Geld zu verdienen. Beim Verkauf von Geldmarktpapieren mit einer Laufzeit von sechs Monaten nahm der Bund 3,9 Milliarden Euro ein - bei einem durchschnittlichen von minus 0,0122 Prozent. Nach Reuters-Berechnungen streicht der Staat damit eine Prämie von rund 242.000 Euro ein.

Ganz anders ist die Lage in den krisengeschüttelten Staaten Italien und Spanien. Dort stiegen die Marktzinsen für zehnjährige Staatsanleihen weiter und liegen nun jeweils bei rund sechs Prozent. Zum Vergleich: Für deutsche Papiere werden nur 1,4 Prozent verlangt. Auch wegen dieser enormen Differenz fordern viele Euro-Länder vor dem am Abend beginnenden EU-Sondergipfel die Ausgabe gemeinsamer Anleihen - gegen den erbitterten Widerstand der Bundesregierung. In einem solchen Fall würden sich die Zinskosten dank der deutschen Vertrauenswürdigkeit für die Krisenstaaten verringern und deren Kampf um eine Sanierung der öffentlichen Haushalte erleichtern, Deutschland käme am Markt dann aber nicht mehr so billig davon wie derzeit. Die größte Volkswirtschaft der Euro-Zone würde damit zudem gleichzeitig Risiken der Schuldenländer übernehmen.

Reuters

 
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