Recht & Gesetz

02.06.201222:05 Uhr
Ärger im Urlaub?

Ärger im Urlaub?

  • FORMAT-Ratgeber. Rechtsschutzpolizzen helfen, zumindest den finanziellen Schaden einzudämmen.

Wenn der Traumurlaub zum Alptraum wird, hilft eine Rechtsschutzpolizze, zumindest den finanziellen Schaden einzudämmen. FORMAT zeigt, worauf im Schadensfall zu achten ist.

So war das nicht geplant. Algen übersäen den Strand, das Meer verwandelt sich in eine fischig stinkende Brühe. Im Zimmer klettern Kakerlaken, und am Klo liegt eine lose Klobrille. Nachhause zurückgekommen, ruft die Wienerin gleich bei der Arbeiterkammer an und erkundigt sich, ob zumindest eine finanzielle Entschädigung für das Ungemach zu erwarten ist. Die Rechtsexperten empfehlen ihr einen Blick in die "Wiener Liste“. Dort werden Dutzende einschlägige Gerichtsurteile samt den zugesprochenen Entschädigungen aufgelistet. Urlauber, die am verdreckten Strand baden mussten, bekamen zum Beispiel nachträglich bis zu 35 Prozent der Reisekosten rückerstattet, für die lose Klobrille gab es 15 Prozent, liest Frau Bauer und ist, zumindest was den finanziellen Schaden betrifft, schon etwas entspannter.

Doch nicht alles, was in der Liste steht, wird von den Reiseveranstaltern auch klaglos anerkannt. Nicht selten erleben Urlauber, dass sie für ihren Ärger billig abgespeist werden. Wer eine Rechtsschutzversicherung abgeschlossen hat, kann sich nicht nur kostenlos beim Anwalt beraten lassen, sondern setzt im Fall von Streitigkeiten auch Schadenersatzansprüche kostenschonend durch.

Rechte erkämpfen

Wie eine Statistik der Arbeiterkammer Wien belegt, zählen Mängel bei der Leistungserbringung noch immer zu den häufigsten Ärgernissen. Insgesamt haben sich im Jahr 2011 allein in Wien rund 17.800 Reisende über Probleme in ihrem Urlaub aufgeregt. Das sind um 1.000 Beschwerden mehr als noch im Vorjahr. Jutta Repl, Expertin der AK Wien: "Es haben vor allem Anfragen rund um sehr stark ermäßigte oder, Gratis‘-Reisen zugenommen. Hier gilt der Grundsatz: Weil eine Reise billig ist, darf sie trotzdem nicht schlecht sein und muss halten, was im Prospekt versprochen wird.“

Rund 30 Prozent aller Beschwerden betreffen Themen wie Fehler bei Umbuchungen, Lärmbelästigung oder einen verdreckten Strand. Danach folgen mit 22 Prozent Probleme bei der Beförderung. Als grobe Orientierung, wie viel Preisminderung gerechtfertigt ist, dient neben der "Wiener Liste“ auch die "Frankfurter Tabelle“ die deutsche Urteile enthält. Gewährleistungsansprüche, also Rechte auf Preisminderung, verjähren binnen zwei Jahren, Schadenersatzansprüche für entgangene Urlaubsfreuden gehen innerhalb von drei Jahren verloren.

Rechtsanwalt und Autor der "Wiener Liste“ Eike Lindinger: "Neben einer Preisreduktion können Urlauber auch die entgangene Urlaubsfreude einklagen. Das ist aber meistens nur möglich, wenn bereits wegen eines Mangels zumindest 30 Prozent des Urlaubspreises erlassen wurden.“ Ein klassischer Fall für entgangene Urlaubsfreude wäre etwa, wenn Speisen im Hotel verdorben sind und ein Kind deswegen so krank wird, dass die Eltern den ganzen Urlaub zur Pflege im Zimmer bleiben müssen. Geschädigte, die einen Anspruch auf Schadenersatz wegen entgangener Urlaubsfreude haben, bekommen in der Regel zwischen 20 und 50 Euro Taggeld zugesprochen. Rechtsanwalt Lindinger: "Angesichts des Kostenrisikos führen aber die meisten Geschädigten nur dann Prozesse, wenn sie rechtsschutzversichert sind.“

Der Vertragsrechtsschutz, der auch im Fall von Frau Bauer und dem veralgten Strand schlagend wird, ist schon in Standard-Tarifen einer Rechtsschutzpolizze inkludiert. Ludwig Strobl, Vertriebsdirektor von Roland Österreich: "Unsere Basispolizze deckt vertragliche Streitigkeiten bis zu 130.000 Euro je Schadensfall ab.“ Die Prämien für diesen Grundschutz variieren je nach Anbieter zwischen 100 und 200 Euro pro Jahr.

In Österreich sind neben den herkömmlichen Assekuranzen die Rechtsschutzspezialisten Roland, DAS und Arag tätig. Achtung: Alte Verträge beinhalten oft nur Streitigkeiten in Österreich. Bei der Polizze von Roland ist dagegen eine weltweite Deckung inkludiert. Allerdings ist die Schadenssumme außerhalb von Europa auf 20.000 Euro pro Vorfall gedeckelt, und Reisen außerhalb dieser Zone dürfen nicht länger als sechs Wochen am Stück dauern. AK-Expertin Repl: "Üblicherweise werden Prozesse zwar in Österreich abgewickelt, bei Individualreisen kann es aber vorkommen, dass auch ausländisches Recht zur Anwendung kommt.“

Versicherungsmakler Franz Starritz von Nanke & Partner empfiehlt deshalb, bereits laufende Rechtsschutzverträge alle drei Jahre zu prüfen, um gegebenenfalls die Polizze zu aktualisieren: "Wer eine Rechtsschutzversicherung abschließt, sollte den Geltungsbereich kennen.“ Anwalt Lindinger: "Oft kommt es auch vor, dass die Assekuranz zwar automatisch die Kosten für den Ehegatten übernimmt, nicht aber für den Partner einer Lebensgemeinschaft.“ Übrigens gibt es nach Abschluss der Polizze eine dreimonatige Wartefrist. Das bedeutet, dass Versicherungsleistungen frühestens drei Monate nach Abschluss in Anspruch genommen werden können.

Blitzen, was die Technik hergibt

Frau Bauer, die soeben aus dem Urlaub zurückkam, ist jedenfalls bei ihrem Mann mitversichert. Clever, wie sie ist, machte sie nicht nur Fotos vom Algenstrand, sondern drehte auch gleich ein Video mit dem iPhone als Beweismittel. Ingo Kaufmann, Vorstand der DAS: "Probleme sollen dokumentiert und sofort vor Ort bei der Kontaktperson des Reiseveranstalters gemeldet werden. Es kann auch hilfreich sein, Kontakte mit anderen Urlaubern auszutauschen, die später als Zeugen fungieren.“ Außerdem ist rasches Handeln zu empfehlen. Lindinger: "Wenn man sich zu viel Zeit lässt, hilft das oft dem Veranstalter, weil er dann mit dem Argument kommt, dass die Mängel wohl nicht so schlimm gewesen sein können.“

Wichtig ist, dass der Prospekt, mit dem die Reise gebucht wurde, aufbewahrt wird, um Abweichungen anzuzeigen. Lindinger: "Damit der Katalog auch als Buchungsgrundlage anerkannt wird, muss es der vom Reiseveranstalter sein und nicht ein Ausdruck aus einer Hotelsuchmaschine im Internet.“

Wie viel letztlich zu holen ist, hängt auch davon ab, wie rasch das Ungemach wieder behoben wurde. Zu einer 100-prozentigen Rückerstattung der Buchungskosten kommt es allerdings selbst bei Dauerschäden so gut wie nie. Die verärgerte Wienerin bekam letztlich insgesamt 280 Euro des Buchungspreises zurückerstattet.

Weiterführende Links:

Wiener Liste
Frankfurter Tabelle
flugverspaetung.at

- Carolina Burger

 
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