Geld & Service

17.05.201207:22 Uhr

"Halte Inflation von neun Prozent für realistisch"

  • FORMAT-Interview. Dirk Müller, alias Mr. DAX, über die Staatsschuldenkrise, Griechenland und ideale Anlagestrategien.

FORMAT: Die internationale Schuldenkrise spitzt sich zu. Die gesunden Staaten versuchen die neuerlich drohende Krise mit frischem Geld zu entschärfen. Führt das nicht letztlich zu hoher Inflation?

Dirk Müller: Da bin ich mir ziemlich sicher. Über kurz oder lang halte ich eine Inflation von neun Prozent für realistisch. Das passiert indem man immer mehr neues Geld schafft. Die Politik versucht über Inflation die Schulden in den Griff zu bekommen. Das ist allerdings auch die einzige Möglichkeit, um sich möglichst schonend zu entschulden.

In den USA liegt die Inflationsrate bei 2,7 Prozent. Das hört sich nicht dramatisch an. Sind diese Zahlen falsch?

Ja, mit offiziellen Inflationszahlen wird getrickst und getäuscht. Da wird den Leuten ein völlig falscher Wert vorgegaukelt. Die tatsächliche Inflation ist etwa doppelt so hoch wie die Angaben.

Wovon hängt es ab, ob es die Staaten wirklich schaffen, eine Inflation zu inszenieren? Im Moment scheint ja das gedruckte Geld nicht in der Realwirtschaft anzukommen.

Das hängt davon ab, ob es gelingt, das Geld an die Ladentheke zu schieben. Es müssten entweder mehr Produkte verkauft werden – was ich derzeit für unrealistisch halte – oder die Produkte müssen teurer werden. Bleibt das gedruckte Geld im Finanzsektor hängen, bilden sich Blasen an Aktienmärkten, bei Rohstoffen und Immobilien.

Warum geben Banken das Geld der Notenbanken nicht weiter?

Im Momentan hält jeder sein Kapital zusammen. Das führt dazu, dass Märkte unter Druck kommen. Wenn etwa Abschreibungen auf griechische oder spanische Staatsanleihen erforderlich sind, werden Aktien oder Rohstoffe verkauft, um die Löcher zu stopfen. Das kann zu deutlich niedrigeren Kursen führen. Ein Crash wie 2009 könnte sich durchaus wiederholen. Die Konsequenz ist dass es durchaus noch einmal zu einer schweren internationalen Rezession kommen könnte.

Halten Sie den Goldkurs für überteuert?

Ich bin ein großer Freund von Gold und Silber, aber die Kurse können sehr schnell drehen. Man darf nie vergessen, dass die großen Player Gold und Silber nicht als Inflationsschutz wie das der kleine Mann tut halten, sondern die Edelmetalle als ganz normalen Rohstoff, als Anlageklasse kaufen und dann verkaufen sobald sie Geld brauchen. Wenn ein Rohstofffonds Geldabflüsse hat, muss er verkaufen. Dann wird im großen Stil Gold und Silber auf den Markt geworfen. Wenn der Goldkurs die wichtige Unterstützungslinie von 1.520 Punkten nicht halten kann – wonach es derzeit aussieht – würde mich ein Absturz auf 1.000 Dollar je Feinunze nicht überraschen.

Wie sind Sie derzeit investiert?

Ich konzentriere mich auf Aktien und Edelmetalle wobei mein Schwerpunkt auf Aktien liegt. Zu meinen Favoriten zählen Unternehmen die hohe Dividenden ausschütten, Preismacht haben und durchaus in der Lage sind, Inflation und Preissteigerungen an ihre Kunden weiterzugeben.

Verraten Sie uns ihre Lieblings-Aktien?

Dazu zählen Telekommunikationsunternehmen oder auch Energieversorger. Interessant ist, dass diese Konzerne sogar eine relativ hohe Schuldenquote haben. Die steigende Inflation spielt ihnen in die Hände, weil sie Preise erhöhen und gleichzeitig Schulden abbauen können. Zu meinen Lieblingstiteln zählen Deutsche Telekom, RWE und Verizon. Meine Strategie ist nicht Aktien kaufen und zuschauen ob sie steigen oder fallen, sondern ich sichere alle Titel mit Optionsscheinen ab. Verkaufsoptionsscheine sind kein Hexenwerk, sondern die Sinnvollste und beste Strategie um sich gegen fallende Kurse zu versichern.

Wie wahrscheinlich ist es, dass die USA ihre Geldschleusen erneut öffnen?

Da bin ich ganz sicher. Die Amerikaner werden die Geldschleusen noch ein drittes, viertes und fünftes Mal öffnen und die Schulden anschließend weginflationieren. Die haben kein Problem, auch die Südstaaten wie Griechenland, Spanien und Portugal praktizieren das Gleiche seit Jahrzehnten. Mit drei bis vier Prozent Inflation bei niedrigen Zinsen bekommt man das Problem gut in Griff.

Sind Sie verärgert, dass man den Griechen noch immer Geld gibt?

Ja, bin ich. Aber nicht wegen den Griechen. Ich verstehe einfach nicht, was die Politik da macht. Die Griechen hätten schon vor zwei Jahren aus dem Euro aussteigen müssen. Jedes Land braucht die Währung die zur eigenen Leistungsfähigkeit passt. Wenn die Währung zu hoch ist, dann wird man nichts exportieren, weil man einfach zu teuer ist. Dieses Problem hat Griechenland jetzt seit zehn Jahren. Würden sie wieder die Drachme einführen, würde die Währung um die Hälfte abwerten. Das heißt der Euro ist für Griechenland um 100 Prozent zu hoch. Mit dieser Bürde lebt Griechenland seit zehn Jahren, die können gar kein Geschäftsmodell entwickeln. Solange sie die falsche Währung haben, werden sie auch in 30 Jahren kein Geschäftsmodell entwickeln, das aus der Patsche hilft. Griechenland hätte aus eigenem Interesse schon längst aus dem Euro raus müssen. Die Politik hat den Griechen Milliarden in den Rachen geworfen und uns ständig erklärt, dass ein Austritt der Untergang wäre. Jetzt sagen genau die gleichen Politiker, dass wir über einen Austritt nachdenken sollten.

Wie hoch schätzen Sie die Chancen ein, dass Griechenland die Eurozone verlassen wird?

Das Griechenland in den nächsten sechs Monaten aus dem Euro ausscheidet, ist für mich zu 90 Prozent fix. Das weitere Problemstaaten folgen, halte ich mit 60 bis 70 Prozent für wahrscheinlich. Ich würde mir wünschen dass ein Kern Euro übrigbleibt: mit Deutschland, Österreich und Holland. Das hätte Sinn.

Was müssten die Politiker besser machen?

Es gibt zwei Varianten. Eine Sinnvolle wäre einzusehen, dass man nicht über unterschiedliche Wirtschaftssysteme eine Einheitswährung stülpen darf. Die meisten leiden darunter, nur wenige wie Österreich, Deutschland und Holland profitieren beim Export davon weil die Währung für sie etwas zu schwach ist. Seit zehn Jahren sehen wir das die Binnennachfrage in vielen Euro-Staaten nicht aus den Staatlöchern kommen. Entweder wir gehen auf die einzelnen Währungen zurück oder wir machen eine Liebeshochzeit und eine Art vereinigtes Europa mit einem einheitlichen Wirtschaftssystem. Diese Variante würde ich bevorzugen. Die dümmste Variante ist die, die wir gerade probieren: Die vereinigten Schulden von Europa zu gründen. Das heißt wir haften für einander dürfen aber beim anderen nicht mitreden und jeder kann so weiter machen wie bisher.

Das Interview führte Carolina Burger

Zur Person: Dirk Müller alias Mr. DAX ist deutscher Börsemakler und betreibt das Anlegerportal www.cashkurs.de. Anerkennung heimste Mr. Dax auch mit seinem Buch: Cashkurs – So machen Sie das Beste aus Ihrem Geld ein.

 
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