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12.05.201213:32 Uhr

"Griechenland hat einige gute Karten in der Hand"

  • Griechenland hält bei möglichen Neuverhandlungen mit der EU eine Trumpfkarte im Wert von über 400 Mrd. Euro in der Hand.

Das südeuropäische Land schuldet privaten
Anleihegläubigern, öffentlichen Institutionen wie dem Internationalen Währungsfonds und der Europäischen Zentralbank sowie anderen Gläubigern etwa 400 Mrd. Euro. Etwa 252 Mrd. Euro davon entfallen auf Organisationen, die ihren supranationalen Status nutzten, um die Verluste zu vermeiden, die gewöhnliche Bondinvestoren beim griechischen Schuldenschnitt vor zwei Monaten erlitten.

Griechische Wähler erwarten von ihrer politischen Führung, dass sie die Rettungspakete, die dem Land seit 2010 ein beispielloses Sparprogramm auferlegt haben, neu verhandelt. Ein Kandidat für das Amt des Ministerpräsidenten, der Parteichef der Syriza, Alexis Tsipras, hat versprochen, die unter EU-Führung erreichte Rettungsvereinbarung aufzukündigen. Da Griechenland eine Summe schuldet, die ungefähr dem Bruttoinlandsprodukt der Schweiz entspricht, könnten die Auswirkungen für den Steuerzahler verhängnisvoll sein, sollte das Land die Absprachen aufkündigen.

“Griechenland hat einige gute Karten in der Hand, um sie zu überzeugen, ihr Spardiktat zu lockern”, sagt John Whittaker, Ökonom bei Lancaster University Management School in England. “Alle fürchten ein Ausscheren Griechenlands aus dem Euroraum, weil sie dann Geld und politisches Kapital verlieren.” Die Euroraum-Regierungen haben seit dem ersten Hilfspaket im April 2010 Geld in Griechenland gesteckt, um das Land im Euroraum zu halten und zu demonstrieren, dass die Währungsunion nicht rückgängig zu machen ist. Nach Erhalt der März-Tranche von 7,5 Mrd. Euro schuldet Griechenland den anderen Euroraum-Ländern über 80 Mrd. Euro an Stützungsgeldern.

EZB unter Druck

Die EZB hat ebenfalls viel zu verlieren, sollte Griechenland seinen Verpflichtungen nicht nachkommen. Die Notenbank hat für etwa 50 Mrd. Euro Staatsanleihen gekauft, um die Renditen zu drücken und dem Land zu helfen, wieder Zugang zum Kapitalmarkt zu bekommen. Außerdem ist den Daten aus dem EZB-Zahlungsverkehrssystem Target2 - das Ungleichgewichte im Zahlungsverkehr zwischen den 17 nationalen Zentralbanken der Währungsunion ausweist - zu entnehmen, dass die griechische Notenbank den anderen Zentralbanken 104 Mrd. Euro schuldet, so Whittaker.

Die griechische Zentralbank habe außerdem für 18 Mrd. Euro mehr Banknoten ausgegeben, als ihre Wirtschaftskraft gebietet, da die Griechen die Banknoten unter die Matratze legen oder außer Landes bringen, erläutert Whittaker. Das würde die gesamten Verbindlichkeiten Griechenlands gegenüber der EZB auf 172 Mrd. Euro bringen.

Die EZB “müsste Kapital bei den anderen Mitgliedern einfordern, wenn es einen Zahlungsausfall gäbe”, sagt Darren Williams, Chef-Europa-Ökonom bei AllianceBernstein in London. “Das wäre ein erheblicher Schlag. Daher haben die Griechen ein gewisses Verhandlungspotenzial.”

Europäische Politiker diskutieren öffentlich die Möglichkeit, dass Griechenland aus dem Euroraum austritt, nachdem die Wähler bei den Parlamentswahlen am 6. Mai für die Gegner des Sparkurses stimmten. Fünf der sieben Parteien im Parlament lehnen die Absprachen ab. Uneinig sind sich die Parteien jedoch, welche Konditionen der Hilfsvereinbarung neu verhandelt werden sollen. Die Neue Demokratie und die Pasok, die sich seit 1974 an der Macht abgewechselt und das Hilfspaket in diesem Jahr ausgehandelt haben, wollen Lockerungen bei den internationalen Hilfsverpflichtungen. Die Partei Syriza von Tsipras möchte sich von allen Hilfsvereinbarungen Griechenlands lossagen. Da die Bildung der nächsten Regierung alles andere als gewiss ist, könnten im nächsten Monat Neuwahlen notwendig werden.
“Aus politischer Sicht besteht ein erhebliches Risiko, dass bei der nächsten Wahl eine Koalition linker Fraktionen gebildet wird mit einem expliziteren Mandat zur Ablehnung der EU/IWF-Programme”, schrieben Ökonomen der Credit Suisse um Yiagos Alexopolous.

Griechenland hat außerdem Bloomberg-Daten zufolge 143 Mrd. Euro an Schatzwechseln und Anleihen in Umlauf, so dass die gesamten Verbindlichkeiten sich auf 395 Mrd. Euro belaufen. Darin enthalten sind jedoch nicht Gelder, die von privaten Gläubigern, beispielsweise Banken, geschuldet werden. Griechische Banken, die sich an den Kapitalmärkten kein Geld beschaffen können, haben im Januar 73,4 Mrd. Euro von der EZB ausgeliehen, um ihre Geschäftsaktivitäten zu finanzieren, teilte die griechische Notenbank am 3. Mai mit. Banken nutzen in der Regel Staatsanleihen und Schatzwechsel als Sicherheiten, wenn sie bei Zentralbanken Geld ausleihen.

Bloomberg/hahn

 
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