News aus Wirtschaft und Finanzen

13.05.201217:36 Uhr

"Jede Bank in Europa ist darauf vorbereitet"

  • Austritt Griechenlands ist bei Banken und Euro-Politikern bereits eingeplant. 78 Prozent der Griechen wollen Euro aber behalten.

Die europäischen Banken sind auf einen möglichen Austritt Griechenlands aus dem Euroraum eingestellt, erklärte Christian Clausen, der Präsident des Bankenverbands European Banking Federation (EBF), im Interview mit Bloomberg News. EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso (Bild) findet klare Worte in Richtung Athen.

“Wir haben in Europa ein Niveau erreicht, wo so etwas stattfinden kann, ohne größere Auswirkungen auf das restliche Europa zu haben”, sagte Clausen in Kopenhagen. “Jede Bank in Europa ist darauf vorbereitet. Was aber nicht passieren wird, ist, dass sich das auf die europäische Wirtschaft und die Banken im Allgemeinen auswirken wird.”

Für Clausen besteht das wichtigste Szenario allerdings darin, dass Griechenland in der Währungsunion bleibt. “Ich glaube nicht, dass der Euro-Austritt für die Griechen eine Option ist, wenn sie sich durch das Thema durchgearbeitet haben”, sagte er. “Natürlich können sie das machen, aber ich glaube nicht, dass das eine echte Option ist.”

Ton wird rauer

EU-Kommissionspräsident Jose Manuel Barroso machte allerdings klar, dass Griechenland mit einer Abkehr vom Reformkurs seine Euro-Mitgliedschaft verspielen würde. "Wenn sich ein Mitglied in einem Club nicht an die Regeln hält, ist es besser, dass es den Verein verlässt", sagte er im italienischen Fernsehen. Deutschlands Finanzminister Wolfgang Schäuble zeigte sich zuversichtlich, dass die Euro-Zone den Verlust notfalls verschmerzen könne. "Europa geht so schnell nicht unter", sagte er der "Rheinischen Post".

Auch nach Auffassung der deutschen Privatbanken wäre der Austritt zu verkraften. Die deutschen Banken hätten ihre Forderungen an Griechenland im Zuge des jüngsten Schuldenschnitts und schon zuvor massiv abgeschrieben, sagte der Hauptgeschäftsführer des Bundesverbandes deutscher Banken (BdB), Michael Kemmer, im Deutschlandfunk.

Deutscher Anteil: 77 Milliarden Euro

Ein Austritt Griechenlands aus der Eurozone würde den deutschen Steuerzahler nach Berechnungen der "WirtschaftsWoche" geschätzte 77 Mrd. Euro kosten. Dabei wird angenommen, dass Griechenland in diesem Falle seine Schulden nicht mehr bedient.

Die Summe ergibt sich dem Magazin zufolge aus bilateralen Hilfskrediten und dem Anteil Deutschlands an Krediten des Euro-Rettungsfonds EFSF und des Internationalen Währungsfonds (IWF) sowie an Verlusten der Europäischen Zentralbank (EZB), die größter Gläubiger Griechenlands ist. Insgesamt ergebe sich für die Euroländer eine Summe von 276 Mrd. Euro. Österreich war per Jahresende 2011 wie berichtet mit 1,56 Mrd. Euro an Griechenland-Hilfen beteiligt.

Experten rechnen damit, dass ein Austritt Athens aus dem gemeinsamen Währungsraum auch eine Staatspleite zur Folge hätte. Allerdings müssten dann nicht alle Kredite verloren sein; es könnte auch ein neuer Schuldenschnitt ausgehandelt werden. Kaum abzuschätzen wären die Auswirkungen im Privatsektor, also auf griechische Unternehmen und Banken sowie ihre Kunden, Handelspartner und Kreditgeber im In- und Ausland.

Auch der deutsche Bundesbankpräsident Jens Weidmann warnte Griechenland davor, bestehende Verträge mit dem Internationalen Währungsfonds (IWF) und der EU nicht einzuhalten. "Wenn Athen nicht zu seinem Wort steht, dann ist das eine demokratische Entscheidung. Daraus folgt aber auch, dass die Grundlage für weitere Finanzhilfen entfällt", sagte er der "Süddeutschen Zeitung" laut Vorabbericht vom Freitagabend. "

Auch die Geberländer müssen sich gegenüber ihrer Bevölkerung rechtfertigen." Ein Austritt Griechenlands aus der Euro-Zone hätte für Griechenland gravierendere Folgen als für den Rest der Euro-Zone.

Fitch stellt Rute ins Fenster

Sollte Griechenland aus der Währungsunion aussteigen, werden die Bonitätswächter von Fitch wohl alle übrigen Staaten der Euro-Zone - und damit auch Österreich - auf eine Risikoliste für eine etwaige Herabstufung in naher Zukunft setzen. In einem solchen Fall seien Ratings von Ländern besonders gefährdet, die bereits mit einem negativen Ausblick versehen seien. Dies beträfe dann auch die Euro-Schwergewichte Frankreich, Italien und Spanien.

78 Prozent der Griechen wollen Euro behalten

Eine überwältigende Mehrheit der Griechen will um jeden Preis den Euro behalten - ungeachtet des Wahlerfolgs von Parteien, die das EU-verordnete Sparprogramm kippen wollen. In einer am Samstag veröffentlichten Umfrage der Zeitung "To Vima" gaben 78,1 Prozent der Befragten an, eine neue Regierung solle alles Notwendige dafür tun, das Land in der Euro-Zone zu halten.

Bei der Umfrage zeigte sich auch, dass der Vorsprung des radikalen Linksbündnisses SYRIZA möglicherweise nicht ganz so groß ist wie bisher gedacht. SYRIZA hatte zwar noch immer mit 20,5 Prozent die meisten Anhänger, aber die Konservativen von der Nea Dimokratia (ND) waren ihnen mit 18,1 Prozent dicht auf den Fersen. Die Sozialisten landeten bei 12,2 Prozent.

Hängepartie mit hoher Scheiterwahrscheinlichkeit

Die Hängepartie im krisengeschüttelten Griechenland dauerte auch am Sonntag an. Ein Treffen von Präsident Karolos Papoulias mit den drei stärksten politischen Parteien brachte das südosteuropäische Euro-Land einer stabilen Regierung nicht näher. Die aus der Wahl vor einer Woche als zweitstärkste Kraft hervorgegangene linksradikale Syriza-Partei lehnt wegen ihrer Opposition gegen das milliardenschwere Rettungspaket weiterhin den Beitritt zu einer Regierung der nationalen Einheit ab. Eine Neuwahl Mitte Juni wird deshalb immer wahrscheinlicher. Die Partner Griechenlands stellen sich mittlerweile aus dessen Austritt aus der Euro-Zone ein.

"Sie wollten keine Übereinkunft mit Syriza", sagte deren Chef Alexis Tsipras nach dem Treffen mit den Vorsitzenden der anderen großen Parteien beim Staatsoberhaupt. Syriza lasse sich nicht zum Komplizen der konservativen Neuen Demokratie und der sozialistischen Pasok machen, "die uns baten, Partner ihrer Verbrechen zu werden". Pasok-Chef Evangelos Venizelos, der sein Mandat zur Regierungsbildung am Samstag zurückgegeben hatte, sprach von einem Stillstand in den Bemühungen um eine neue Regierung. Er sei dennoch begrenzt zuversichtlich, dass eine stabile Koalition gebildet werden könne. "Die Stunde der Wahrheit ist gekommen. Entweder wir bilden eine Regierung oder wir gehen wählen", sagte Venizelos.

Agenturen/hahn

 
pixel