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10.05.201214:47 Uhr

"Bloomberg Global Poll": 57 Prozent erwarten Euro-Aus für Griechenland

  • Eurozone steht laut Bloomberg-Umfrage unter 1253 Analysten und Investoren, kurz davor, eines seiner 17 Mitglieder zu verlieren.

Über 50 Prozent der Befragten rechnen mit einem Abgang noch in diesem Jahr, nachdem die Krise angesichts des griechischen Wahlausgangs eine neue Dimension zu erreichen droht.

Nachdem Griechenland vor einer politischen Lähmung steht und die Wähler gegen die Sparpolitik votiert haben, sagten 57 Prozent der Befragten im Bloomberg Global Poll, dass bis Jahresende mindestens ein Land den Euro abschaffen wird. Weitere Belastungen für die Euroraum-Bondmärkte erwarten 80 Prozent der 1.253 befragten Investoren, Analysten und Händler.

Die Mehrheit der Befragten sieht eine Verschlimmerung der Krise als die größte Gefahr für die Weltwirtschaft. Auch sind Teilnehmer aus der Umfrage vom 8. Mai zunehmend besorgt wegen eines potenziellen Zahlungsausfalls Spaniens und nach dem Wahlsieg von Francois Hollande weniger bereit, französische Staatsanleihen zu kaufen.

Die ergebnislosen Wahlen in Griechenland schüren neue Besorgnis, dass das Land die Bedingungen seiner internationalen Rettungsaktion möglicherweise nicht erfüllen wird und eine Lösung außerhalb des Euros anstrebt. “Unter finanziellen Gesichtspunkten kann sich die Krise nur verschärfen”, sagt Michael Derks, Umfrageteilnehmer und Chefstratege bei FXPro Financial Services Ltd in London. “Wir werden wohl weitere Umschuldungen bekommen und es wäre bemerkenswert, wenn Griechenland den Euro nicht innerhalb eines Jahres verlässt.”

Ausfallsrisiken steigen

Die Aktienkurse in Europa sind in dieser Woche abgerutscht und das Ausfallrisiko auf spanische Staatsanleihen kletterte auf ein Rekordhoch, nachdem Griechenland Probleme hat, eine Regierung zu bilden. Frankreich wählte den ersten sozialistischen Staatspräsidenten seit 1981 und votierte damit auch gegen die Haushaltskürzungen, die die Regierung Sarkozy als bestes Mittel gegen die Schuldenmisere angepriesen hatte. “Ein erneutes Aufflackern der Krise ist wahrscheinlich”, sagte Alessandro Mercuri, Zinsstratege bei Lloyds Banking in London.

Die Anzahl der Umfrageteilnehmer, die einen geschrumpften Euroraum innerhalb eines Jahres erwarten, schwoll von 11 Prozent im Januar 2011 auf 57 Prozent an. Achtzig Prozent sagen, dass die Anzeichen für eine Stabilisierung nur vorübergehend seien und dass die Märkte wieder unter Druck geraten werden. Anfang dieses Jahres waren nur etwa zwei Drittel dieser Meinung.

Mit 55 Prozent war der Anteil derjenigen, die in einer Verschlimmerung der Lage in Europa ein großes Risiko für die Weltwirtschaft sehen, mehr als doppelt so hoch wie die Anzahl der Befragten, die große Risiken in einer harten Landung der chinesischen Wirtschaft oder einem politischen Stillstand in den USA sehen.

Selbst Politiker fangen an zu zweifeln, ob Griechenland im Euroraum bleiben kann. Damit starten sie eine bisher als tabu geltende Debatte, ob die Gemeinschaftswährung für ewig ist und bringen das Thema Wahlen als Referendums zum Verbleib im Euroraum auf das Tapet. Wenn Griechenland entscheide, nicht in der Euro-Zone zu bleiben, dann werden wir Griechenland nicht zwingen können, sagte Deutschalnds Bundesfinanzminister Wolfgang Schäuble am Mittwoch. “Griechenland entscheidet selbst, ob es in der Euro-Zone bleibt oder nicht.”

Eine Verschlechterung der Konjunkturlage im Euroraum erwarten 84 Prozent. Der gleiche Prozentsatz rechnet mit sozialen Unruhen. Diese Besorgnis hat seit September, als sie bei 56 Prozent lag, kontinuierlich zugenommen.

Griechenland bleibt im Zentrum der Krise

Die Aktienkurse sind in dieser Woche auf den tiefsten Stand seit etwa zwei Jahrzehnten gesunken. 94 Prozent der Befragten rechnen mit einem Zahlungsausfall, das ist der höchste Wert seit Beginn der Umfrage. Das Land hat seine Verbindlichkeiten gegenüber privaten Gläubigern bereits umgeschuldet.

Die Ansteckungseffekte dürften dazu führen, dass auch Spanien seinen Verbindlichkeiten nicht nachkommen kann, prognostizieren 47 Prozent. Das ist der höchste Anteil seit Beginn dieser Frage im Juni 2012 und fast doppelt so hoch wie vor vier Monaten. 63 Prozent gehen davon aus, dass Portugal seine Papiere nicht bedienen kann, während nur ein Viertel das gleiche Schicksal für Italien und Irland erwartet. Nur ein Prozent rechnet mit einem Zahlungsausfall Deutschlands.

Zwar erwarten 90 Prozent, dass Frankreich seinen Verpflichtungen nachkommen wird, jedoch wurde der Sieg von Hollande mit Enttäuschung aufgenommen. 71 Prozent erklärten, sie seien weniger bereit, französische Anleihen zu kaufen.

Uneinig waren sich die Investoren über die größte Gefahr für den Euroraum. Den Mangel an politischer Kooperation unter den EU-Regierungschefs nannten 35 Prozent der Befragten, 30 Prozent verwiesen auf das kraftlose Wirtschaftswachstum und 28 Prozent führten die zu hohe Verschuldung an.

Aber es gibt auch einige tröstende Einschätzungen. 83 Prozent sagten, der Euroraum werde dieses Jahr nicht auseinanderfallen, 66 Prozent rechnen nicht mit einer finanziellen Kernschmelze im Bankensektor. 80 Prozent erwarten, dass die Probleme Europas keinen weltweiten Konjunktureinbruch in diesem Jahr auslösen werden.

Zwei Drittel äußerten sich positiv zu EZB-Präsident Mario Draghi und 60 Prozent erklärten, sie hätten eine positive Meinung von IWF-Chefin Christine Lagarde. 56 Prozent waren optimistisch bezüglich der Politik von Angela Merkel, das ist der höchste Wert seit Januar 2011.

Bloomberg/hahn

 
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