Body & Soul

02.06.201219:26 Uhr
Sex im Netz: Eine neue Studie erforscht unser Sexualverhalten am Bildschirm

Sex im Netz: Eine neue Studie erforscht unser Sexualverhalten am Bildschirm

  • Was die Suchmaschinen über unser Sex-Verhalten verraten.
  • Welche Konsequenzen Porno-Surfen im Büro haben kann.

30 Prozent des Datenverkehrs im Netz sind Pornos. Eine neue Studie analysiert, was die Suchmaschinen über unser Sexualverhalten aussagen. 70 Prozent der einschlägigen Seiten werden etwa werktags zwischen 9 und 17 Uhr abgerufen. Welche Konsequenzen Porno-Surfen im Büro haben kann.

Penislänge: 20,3 Zentimeter; durchschnittliche Dauer des Geschlechtsakts: 45 Minuten; Sexfrequenz: fünfmal wöchentlich; Masturbation: täglich, sonn- und feiertags gerne auch mehrmals. Der Boden, auf dem Sexualstudien aufbereitet sind, ist meist ein klitschiger.

Obgleich Erhebungen und Befragungen der Wissenschaft den Probanden absolute Vertraulichkeit und Anonymität garantieren, gibt man doch gerne "sicherheitshalber“ lieber eine sozial erwünschte Antwort oder mogelt, wenn es sich förmlich aufdrängt. Das verfälscht so manches Ergebnis. Ein Problem, das der Wissenschaft und Sexualforschung bekannt ist, mit dem man aber leben lernte und sich arrangierte. Macht man eben zu einem späteren Zeitpunkt wieder eine neue Studie, die endgültig klärt, ob Oralverkehr schon Sex ist oder doch nur als Küssen unter anderen Vorzeichen zu verstehen ist.

Nicht arrangieren wollten sich die beiden US-Wissenschaftler Sai Gaddam und Ogi Oggas. Die zwei promovierten Gehirn- und Nervenforscher, die das weite Feld der Sexualforschung bis dato nur aus der Ferne beobachtet haben, kamen auf die Idee, das Online-Verhalten der Menschen auf sexuelle Wünsche, Begierden und Vorlieben zu untersuchen. Denn weltweit hängen mehr als zwei Milliarden Menschen im Netz, in Industrienationen gar mehrere Stunden täglich - privat und beruflich.

Dabei werden digitale Fußabdrücke jeder Art hinterlassen. Weiß man zudem, dass Pornoseiten im Internet gut 30 Prozent des gesamten Datenverkehrs ausmachen, wundert es nicht, dass das Forscherduo Gaddam/Oggas genau diese Fußabdrücke näher betrachtete. Pikantes Detail am Rande: 70 Prozent des pornografischen Inhalts werden in der Zeit zwischen 9 und 17 Uhr abgerufen - also während der klassischen Bürokernzeiten.

Die Resultate und Erkenntnisse der beiden Wissenschaftler sind in dem Buch "Klick! Mich! An!“ (blanvalet) zusammengefasst. Über eine Milliarde Internet-Suchtexte und über eine halbe Million persönliche Suchhistorien wurden von ihnen ausgewertet, um ein Verständnis davon zu bekommen, was Männer und Frauen begehren. Was herauskam, ist ein detaillierter Blick in allzu Menschliches, aber auch ein wenig in Abgründiges. Denn die Suchmaschinen lügen niemanden an, wenn es um Sex geht. Die dritthäufigste Anfrage bei der Metasuchmaschine Dogpile, die besonders viele Treffer generiert, weil sie auch Resultate von Google, Yahoo! oder Ask.com indiziert, lautet etwa: "Wie man seinen Hund dazu bringt, einen zu besteigen.“ Man hatte also ein recht ansehnliches und vor allem repräsentatives Sample zur Verfügung.

Zum Vergleich: Alfred Kinsey etwa, der in den rigiden 40er-Jahren in den USA nachbohrte, befragte für seinen weltberühmt gewordenen Kinsey-Report "nur“ 18.000 Männer und Frauen, was sie in ihren Betten so treiben. Und was sagen nun die Suchmaschinen über unser Sexleben? Oben in der Hitliste rangieren Wörter wie "jung“ (1), "schwul“ (2), "Brüste“ (3), "Ehefrauen beim Seitensprung“ (4), "Vagina“ (5) und "Penis“ (6). Im guten Mittelfeld kommen dann "Hintern“(21), Gruppensex“ (24), "Fellatio“ (28) und "Spanking“ (32). Eher abgeschlagen sind "Hundestellung“ (84) "Grapschen (88) und "Cunnilingus“ (98).

Darauf aufbauend soll also nun beantwortet werden, was Männer und Frauen optisch und psychisch reizt, und gleichzeitig soll auch der Unterschied zwischen den Geschlechtern herausgearbeitet werden. Die Resultate sind dabei oft überraschend. Dass Männer einfacher gestrickt sind und oft einfach optische Stimuli ausreichen, um in Erregung zu kommen, ist ein Gemeinplatz, der einmal mehr bestätigt wird. Einschlägige Videoportale wie PornHub, YouPorn oder RedTube sind - was die Zugriffe betrifft - beinahe frauenfrei. Lediglich sechs Prozent der Frauen, die im Internet sexuelle Aktivitäten pflegen, sehen sich nämlich Bilder oder Videos an.

Paar- und Sexualtherapeutin Claudia Wille dazu: "Männer- und Frauengehirne funktionieren grundsätzlich unterschiedlich. Eine Frau braucht verschiedene Reize, um in Stimmung zu kommen. Seien es Worte, Musik, Düfte, Klänge oder Berührungen. Selbst pornografische Videos, die speziell für Frauen gemacht sind, werden letztlich als langweilig empfunden.“ Das spiegelt sich nicht zuletzt auch im Web-Angebot wider. Einer Unzahl von einschlägigen und erfolgreichen Videoportalen für Männer stehen nur zwei erfolgreiche Porno-Portale für Frauen gegenüber.

Ist der Mann im Netz sexuell aktiv, sieht er sich mit einer Wahrscheinlichkeit von 37 Prozent gerade ein Bild oder Video an. Interessant dabei ist, was sich der Mann dabei zu Gemüte führt. Frauen im Alter zwischen 35 und 50, im Fachvokabular auch unter dem Akronym MILFs (Mom I’d Like to Fuck) bekannt, stehen weit vorn in der Gunst heterosexueller Männer. Drei Prozent aller Suchanfragen auf Dogpile listen diesen spezifischen Altershinweis auf. Im Vergleich: 7,8 Prozent suchen nach "Teenies“ und "jung“.

Auch nicht uninteressant: Mager und dürr ist nicht gefragt im Cyberspace. Auf eine Suchanfrage nach "dünn“ kommen drei Anfragen nach "mollig“. Zudem sind Männer sehr penisfixiert, ständig am Vergleichen und klicken deshalb mit Vorliebe auf Gruppensexvideos, in denen sich ein Rudel Herren eine Frau "teilt“. Psychologisch erklärt man sich das mit dem "Reizmechanismus der Spermienkonkurrenz“.

Der Büro-Klick

Dass das weibliche Gehirn anders funktioniert, wenn es um Erotik geht, wurde bereits erwähnt. Das zeigt sich auch in den Websites, die von den Damen so aufgerufen werden. Sie suchen im Netz nämlich gezielt nach Geschichten. Dementsprechend hoch im Kurs bei der Weiblichkeit stehen Seiten wie FanFiction.net, eHarlequin oder AdultFanFiction, eine Seite für erotische Kurzgeschichten. Man hat im Rahmen dieser Online-Sex-Studie diesbezüglich auch ein wenig Inhaltsanalyse betrieben. Resultat: Frauen stehen auf große Männer mit festen Hintern und haben einen Hang zum klassischen Alpha-Tier, das sich, ganz getreu dem Klischee, als Arzt, Adeliger, leitender Manager oder - etwas handfester - Bodyguard manifestiert. Hausmeister, Schweißer oder Installateure fehlen in diesen Geschichten.

Diese Fixierung auf die Schrift hat - wenn man so will - vor allem im Büroalltag seine Vorteile. Denn XXX-Content wird, wie bereits erwähnt, hauptsächlich zwischen 9 und 17 Uhr aufgerufen. Irene Holzbauer, Juristin bei der Arbeiterkammer, findet dazu deutliche Worte. "Pornos im Büro zu schauen geht absolut gar nicht. Wer das macht, riskiert seinen Job. Aber es gehört prinzipiell vorab mit dem Arbeitnehmer ausgemacht, wie das Internet während der Arbeitszeit zu nutzen ist.“ Es gilt aber: Während der Arbeitszeit muss Arbeitsleistung erbracht werden. Das Lesen erotischer Geschichten hindert daran ebenso wie Klicks auf YouTube, Urlaubsbuchungen oder die Sichtung einschlägiger Filmchen. Weicht man auf Smartphone oder Tablet aus, ist dies nicht unbedingt ein gewiefter Schachzug, weil ja die Arbeitsleistung darunter ebenfalls leiden könnte.

Es gibt in Österreich zwar keinen Fall, bei dem jemand ausschließlich wegen Pornosurfen am Arbeitsplatz seine Anstellung verloren hat, Abmahnungen kommen aber immer wieder vor. "Ein großes Unternehmen hat mit Betriebsratszustimmung die Internet-Daten von Mitarbeitern systematisch erhoben: Alle, die gegen das Pornografieverbot am Arbeitsplatz verstoßen haben, wurden offiziell ermahnt und bekamen einen Eintrag in die Personalakte“, erzählt Holzbauer von einem Fall aus der Praxis. Abgesehen davon zählt das Aufrufen einschlägiger Seiten bereits als sexuelle Belästigung, sobald sich Kollegen daran stoßen. Die AK rät in solchen Fällen, das Gespräch mit dem Surfer zu suchen und - sollte dies nichts bringen - sukzessive die Instanzen vom Betriebsrat aufwärts einzuschalten.

- Manfred Gram

 
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