Meinung

03.05.201210:17 Uhr

A. Weber in 'formatiert': Diktatoren und Kinderglück

  • Großveranstaltungen wie Fußball-EM haben in autoritären Regimen nichts verloren.

Kinderglück sieht so aus: 100 dieser bunten Sticker auf dem Tisch, ein Jauchzen, schon klebt ein Lieblingsspieler im Sammelalbum für die „UEFA EURO 2012 Poland-Ukraine“. Auch „soccer moms“ sind vom Virus infiziert. „Wieder im Paninirausch“, posten die auf Facebook. Daumen nach oben. Seit dieser Woche sind sie wieder zu haben, die Panini-Sticker, alle zwei Jahre Vorbote einer Europa- oder Weltmeisterschaft.

Heuer kommt zur Vorfreude auf vier coole Fußballwochen eine Dimension dazu: die politische. Eine Generation Jugendlicher wird erstmals mit der schmutzigen Seite des Fußballs konfrontiert. Ein 14-Jähriger – das Fußballfieber erfasst die Kleinen meist im Alter zwischen vier und sechs – hat bisher nur „politisch korrekte“ Turniere erlebt. Portugal, Deutschland, Österreich/ Schweiz, Südafrika – alles Sportfeste ohne Schatten.

Jährlich steigen dank geölter Marketingmaschinen in Verbänden und Vereinen die Fan-Zahlen. Die UEFA Champions League ist ein Multi-Milliarden-Ding mit Abermillionen Zusehern auch außerhalb Europas. In den letzten 40 Jahren ist Fußball vom, wie man hierzulande sagt, Proletenspiel zum Lieblingssport der breiten Mittelschichten geworden. Jetzt ist es die größte Show der Welt.

Nun die Diskussion um die EM im Diktatorenstaat: boykottieren, verlegen, verschieben? Fünf Wochen vor Anpfiff? Er sei in „großer Sorge um die Entwicklung in der Ukraine“, tönt Außenminister Michael Spindelegger. Die Regierung boykottiert geschlossen die EM. Krawuzikapuzi, jetzt kommen die drauf. Der Fairness halber sei hinzugefügt: wie viele andere EU-Politiker auch.

Ex-Premierministerin Julia Timoschenko sitzt seit vergangenem Sommer in Haft. An der Rechtmäßigkeit des Prozesses darf gezweifelt werden. Dass sie jetzt die Weltöffentlichkeit benützt, um das Regime von Intimfeind Viktor Janukowitsch unter Druck zu setzen, ist legitim. Wenn der EU-Boykott ihrer Lage hilft, ist das ein Erfolg. Aber dass Janukowitsch mit korrupten Oligarchen regiert, ist allen EU-Politikern seit Jahren bekannt. Insofern ist der späte Protest scheinheilig wie vieles, wenn es um Machtpolitik geht. 80 Prozent des russischen Gases, das nach Europa kommt, fließt durch die Ukraine.

Dass Julia Timoschenko zu jenen Oligarchen gehört, die sich nach erreichter Unabhängigkeit von der Sowjetunion den Staatsbesitz untereinander aufgeteilt haben, geht derzeit ebenfalls unter. Auch während ihrer Regentschaft gab es Menschenrechtsverletzungen. Um nicht missverstanden zu werden: Das rechtfertigt nicht Misshandlungen und Folter.

Im Grunde geht es auch um die hohe politische Verantwortung der UEFA und die Vergabe von Europameisterschaften an Staaten mit labiler politischer Kultur. Alle Fußballinsider waren 2007 erstaunt, dass nicht Italien den Zuschlag für die EURO 2012 erhielt. Die Entwicklung in der Ukraine stand schon damals an der Kippe. Kritik der UEFA gab es seither immer nur an organisatorischen Defiziten, nie an den politischen Verhältnissen. Bestechungs- und Schmiergeldgerüchte zur Vergabe wurden zwar nie bewiesen, wollen aber nicht verstummen. Dasselbe gilt für die Vergabe der WM 2022 durch den Weltverband FIFA an das kleine Scheichtum Katar. Auch hier soll nicht alles mit rechten Dingen zugegangen sein.

Womit wir beim Kern der Sache sind: Die UEFA und mehr noch die FIFA gehören zu den mächtigsten Verbänden der Welt. Politiker und global agierende Konzerne buckeln vor ihnen. Die einen, um ein Großereignis ins Land zu holen, die anderen, um an Werbeverträge heranzukommen. Geführt werden beide Fußballbetriebe mit harter Hand, von einem Klüngel Eingeweihter. Zugespitzt formuliert: ziemlich diktatorisch.

Gerade ist ein Buch eines Insiders mit dem Titel „FIFA Mafia“ erschienen. Es beschreibt die „schmutzigen Geschäfte mit dem Weltfußball“: Korruption, Schiebereien, Freunderlwirtschaft. „Es taucht das Kulturgut Fußball in einen gesetzlosen Sumpf“, analysieren die „Salzburger Nachrichten“. Ihrer enorm gestiegenen gesellschaftspolitischen Verantwortung kommen FIFA und UEFA abseits von „fair play“- und „against racism“-Kampagnen nicht nach. Günter Netzer, deutscher Kultkicker, im Leben danach Rechtevermarkter, bringt es auf den Punkt: „Der Sport braucht mehr politisches Bewusstsein. Menschenrechtsverletzungen und gewisse Regierungsformen müssen auch den Sport interessieren.“

FIFA und UEFA werden umdenken müssen. Sonst ruinieren eines Tages Millionen rebellierender „soccer moms“ das Geschäftsmodell. Weil sie es satt haben, dass ihre Töchter und Söhne eine Sportart betreiben oder anhimmeln, die von skrupellosen Funktionären gelenkt wird, denen zivilisierte politische Standards gleich sind. Hauptsache, die Kasse klingelt.

Das wäre für das UEFA-Mitgliedsland Österreich übrigens die lohnendere Aufgabe, als Boykotte durchzuführen: in Zukunft für transparente Mechanismen, offene Diskussionen und nachvollziehbare Entscheidungen innerhalb der UEFA zu sorgen. Auch wenn das bedeutet, dass in absehbarer Zeit sportliche Großereignisse nur noch in Ländern mit stabilen demokratischen Verhältnissen stattfinden. EM- oder WM-Turniere haben im dritten Jahrtausend in Diktaturen oder autoritären Regimen nichts mehr verloren. Das sollte auch für Olympische Spiele gelten – aber das ist eine noch kompliziertere Geschichte.

- Andreas Weber

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