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03.05.201218:17 Uhr

Fußball-EM: Die Verlierer stehen bereits fest

  • Polnische Baufirmen haben sich im harten Wettbewerb verkalkuliert. Der Refinanzierungsdruck ist enorm, Pleiten wahrscheinlich.

Sechs Wochen vor dem Anpfiff der Fußball-Europameisterschaft in der Ukraine und Polen stehen einige der Verlierer jetzt schon fest. Es sind jene polnische Baufirmen, die sich mit den Kosten übernommen haben und jetzt Pleite gehen.

So hat die DSS für die EM eine Teilstrecke der Autobahn von Berlin nach Warschau gebaut und gehört mit zu den jüngsten Opfern. Auf der Strecke geblieben ist auch Poldim SA, die an einer Straßenverbindung in die ebenfalls das Turnier ausrichtende Ukraine beteiligt war.

Bei PBG, dank der Aufträge für die EM einst der größte Baukonzern Polens nach Marktwert, sind die Finanzierungskosten um mehr als zwei Prozentpunkte gestiegen, nachdem er im Dezember Kreditverträge nicht einhalten konnte. Bei der Tochtergesellschaft Hydrobudowa Polska SA, die ein bernsteinfarbenes Fußballstadion mit 40.000 Plätzen in Gdansk gebaut hat, reichte ein Subunternehmer am 23. April einen Insolvenzantrag ein. Poldim, Tochtergesellschaft des Eisenbahnbauers Trakcja-Tiltra, hatte bereits am 13. April einen Insolvenzantrag gestellt.

“Es hat etwas ironisches, dass die Euro 2012, die ein Motor für das Wachstum der Branche sein sollte, jetzt für so viel Ärger sorgt”, sagt Bartlomiej Kubicki, ein Analyst bei der Raiffeisen Centrobank AG in Wien im Telefoninterview. “Keiner hat die Firmen gezwungen, sich am Rennen um die Straßenbauaufträge zu beteiligen”, sagte er, “aber auf der anderen Seite hat auch niemand geahnt, dass die Margen dermaßen schrumpfen werden.” Das Autobahnnetz soll auf fast 1.600 Kilometer mehr als verdoppelt werden.

Die Konkurrenz um die staatlich finanzierten Aufträge hat die Rentabilität gedrückt, während die Kosten gestiegen sind. Der Ölpreis beispielsweise hat sich gegenüber den Tiefstwerten von 2008 mittlerweile verdreifacht. Nach Daten von Bloomberg haben sich die Schulden der Baukonzerne innerhalb von zwei Jahren verdoppelt auf 1,5 Mrd. Zloty (359 Mill. Euro) Ende 2011.

Während die Finanzierungskosten der Unternehmen steil angestiegen sind, rentieren zehnjährige polnischen Staatsanleihen neun Basispunkte über den 20-Monats-Tiefstwerten.

Hellas-Syndrom?

Griechenland hatte die Ausgaben für die olympischen Spiele des Jahres 2000 über Anleihen finanziert, was zu den Schuldenproblemen beigetragen hat. Polen nutzt dagegen Mittel aus dem Strukturfonds der Europäischen Union, um fast 85 Prozent der Projekte zu bezahlen. Dazu gehört die Modernisierung der Straßen. die größtenteils noch aus der kommunistischen Ära stammen und zu den unfallträchtigsten in Europa zählen.

Als Polen den Zuschlag als eines der beiden Gastgeberländer für die Euro 2012 bekam, kletterten die Aktienkurse der Baufirmen auf Rekordwerte. Seither verlor der Branchenindex der Warschauer Börse 84 Prozent und touchierte dieser Tage ein Sieben-Jahres-Tief. Zum Vergleich: Der Benchmarkindex WIG20 Index hat zehn Prozent verloren.

“Es war unsere Absicht, den Wettbewerb zu erhöhen”, sagte Lech Witecki, Leiter der polnischen Straßenbaubehörde, am Mittwoch in einem Interview mit dem Fernsehsender TVN CNBC. Dies habe dazu geführt, dass für die Aufträge Gebote abgegeben worden seien, die bis zu 40 Prozent niedriger lagen als erwartet, ergänzte er. Der Konkurrenzkampf der Bauunternehmen ermöglichte dem Staat beispielsweise bei einem 91 Kilometer langen Bauabschnitt der Autobahn Berlin-Warschau rund 2,5 Mrd. Zloty (598 Mill. Euro) einzusparen, wie die Straßenbaubehörde mitteilte.

Finanzierungssorgen

DSS, mit Sitz in Warschau, übernahm im vergangenen Jahr den Bau eines 20 Kilometer langen Teilstücks der Autobahn nach Warschau von der China Overseas Engineering Group Co. Deren Auftrag hatte Polen zurückgezogen. DSS, die sich im Insolvenzverfahren befindet, hat einen Jahresverlust in Höhe von 35,5 Mill. Zloty berichtet. Grund dafür seien Verluste von 70 Mill. Zloty auf Straßenbauaufträge wegen steigender Kosten, unter anderem für Asphalt, wie das Unternehmen am 21. März berichtete. DSS hat 2011 eine dreijährige Anleihe im Volumen von
118 Mill. Zloty aufgelegt, deren Rendite 7,6 Prozentpunkte über dem Warschauer Interbankensatz lag.

PBG, nun der drittgrößte Baukonzern nach Marktwert, muss bis September dieses Jahres eine Anleihe im Volumen von 375 Mill. Zloty refinanzieren. Das Unternehmen hat drei der vier neuen Stadien gebaut. Polimex-Moststal SA, die Nummer zwei der Branche, muss bis Juli Papiere im Volumen von 100 Mill. Zloty ablösen. “Die Lage ist schwierig”, schrieb Dariusz Kedziora, Vermögensverwalter bei Aviva Investors Poland TFI SA in Warschau am Mittwoch per Email. Ganz sicher werde die Branche Probleme haben, ihre Schulden zu refinanzieren.

Budimex, das größte Bauunternehmen Polens, besaß zum 31.
Dezember doppelt so hohe liquide Mittel wie Polimex und PBG zusammen. Dennoch erwartet der Konzern, dass das nächste halbe Jahr “schwierig” wird, weil die staatlichen Ausgaben nach der Euro 2012 zurückgefahren werden dürften, wie Unternehmenschef Dariusz Blocher am Mittwoch gegenüber TVN äußerte. Die Regierung will dieses Jahr das Haushaltsdefizit halbieren, um die Obergrenze der Europäischen Union von drei Prozent des Bruttoinlandsprodukts zu erreichen.

“Budimex befindet sich in einer guten Verfassung, weil sie schon seit Jahren im Straßenbau tätig sind”, erläuterte Dariusz Blocher, Analyst bei UniCredit SpA in einem Telefoninterview. Andere Unternehmen seien “zu spät zur Party” gekommen und mussten aggressive Preise bieten.

Die Euro 2012, die am 8. Juni beginnt und einen Monat dauert, wird nach Prognosen des Sportministeriums 800.000 Besucher nach Polen bringen. Viele von ihnen werden per Auto in die Austragungsstädte Warschau, Gdansk (Danzig), Poznan (Posen) und Wroclaw (Breslau) reisen.

Bloomberg/hahn

 
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