Business

24.03.201311:31 Uhr

"Schließe höhere Preise heuer nicht aus"

  • Christian Kern

ÖBB-Chef Christian Kern im FORMAT-Interview über Rechnungshof, U-Ausschuss, Vergangenheitsbewältigung und Tunnelwahn.

FORMAT: Bevor Sie vor knapp zwei Jahren ÖBB-Chef wurden, gab es viele Beileidsbekundungen. Werden Sie immer noch bedauert?

Christian Kern: Das hat völlig aufgehört. Es gibt keine spannendere Aufgabe in einem Managerleben, als ÖBB-Chef zu sein. Und es war klar, dass es keine Ayurveda-Kur ist.

FORMAT: Sind Sie mit dem Erreichten zufrieden?

Kern: Die ÖBB sind ein Unternehmen im Umbruch, Organisation, Strukturen und Arbeitsweisen stehen auf dem Prüfstand. Eine große Herausforderung ist, dass jeder im Unternehmen verstehen muss, dass wir ein Serviceunternehmen und zufriedene Kunden das Wichtigste sind. Das klingt banal, aber so große Organisationen wie die ÖBB neigen immer dazu, sich sehr stark mit sich selbst zu beschäftigen. Aber auf der Kostenseite hat es deutliche Fortschritte gegeben.

FORMAT: Was hat Sie denn bei Ihrem Antritt besonders überrascht?

Kern: Wie gering die finanziellen Spielräume sind. Wir würden gern in Lagerhallen und Waggons und auch in Personenverkehrszüge investieren, aber ohne entsprechende Kapitaldecke geht das nicht.

FORMAT: Werden die ÖBB je börsenfit?

Kern: Börsenfit ist nicht die relevante Frage. Ob die ÖBB als Versorgungsunternehmen börsengeeignet ist, darüber gibt es unterschiedliche Auffassungen. In Europa gibt es dafür nicht viele Erfolgsbeispiele. Wir wollen die ÖBB wie ein privates Unternehmen führen; ob es zu einer Privatisierung kommt, ist dann Eigentümerfrage.

FORMAT: Würden Sie auch gerne - so wie der AUA-Boss - in einen billigeren Kollektivvertrag wechseln?

Kern: Das ist mir kein Bedürfnis, aber die AUA ist in einer anderen Situation. Am Ende des Tages funktioniert der Aufbruch ja nur, wenn die Mitarbeiter motiviert sind. Mit dem Kopf durch die Wand erreicht man nichts.

FORMAT: Worauf sind Sie beim Ergebnis 2011 am meisten stolz?

Kern: Die meiste Freude macht mir, dass die positiveren Ergebnisse dazu führen, dass unsere Mitarbeiter wieder spürbar selbstbewusster werden.

FORMAT: Ist nicht auch ein bisschen Trickserei im Spiel, wenn man in die erste Bilanz alles an Abschreibungsbedarf packt - damit die zweite dann deutlich besser aussieht?

Kern: Das weise ich vehement zurück. Die Wertanpassungen waren längst überfällig. Außerdem, wenn man die operativen Ergebnisse ohne Einmaleffekte vergleicht, sieht man, wie viel wir weitergekommen sind.

FORMAT: Wie weit ist die Aufarbeitung von Malversationen?

Kern: Es hat eine Reihe von Anzeigen gegeben. Das ist ein unangenehmer Prozess, weil in der Öffentlichkeit nicht zwischen Vergangenheit und Gegenwart differenziert wird. Aber er ist entscheidend für die Kultur im Haus.

FORMAT: Wie hoch ist der Schaden?

Kern: Der finanzielle Schaden hält sich in Grenzen, es geht um den Reputationsschaden.

FORMAT: Was halten Sie vom U-Ausschuss im Parlament?

Kern: Er ist ein schmerzhafter, aber notwendiger Prozess für das Land. Die Geschäftskultur in Österreich wird dadurch jedenfalls geändert.

FORMAT: Über den jüngsten Rechnungshof-Rohbericht zu den ÖBB herrscht im Konzern Unmut?

Kern: Der Rohbericht wird in den kommenden Tagen ohne unsere Stellungnahme an den U-Ausschuss weitergegeben, und das gefällt uns insofern nicht, als wir die Zahlen für deutlich korrekturbedürftig halten. Fakt ist, wir haben den Aufwand für Öffentlichkeitsarbeit reduziert.

FORMAT: Haben Sie durch die Westbahn Umsätze verloren?

Kern: Unsere Kunden sind uns weitgehend treu geblieben. Im Fernverkehr gab es im ersten Quartal Zuwächse. Auf der Westbahn-Strecke verzeichneten wir Rückgänge, aber insgesamt haben wir gewonnen. Doch der echte Verlierer in diesem Bewerb ist auf jeden Fall die Westautobahn.

FORMAT: Wann steht die nächste Ticketpreis-Erhöhung an?

Kern: Seit 2008 haben wir die Preise nicht erhöht. Wir versuchen, Kostenanstiege zu begrenzen, aber letztlich wird das, was für andere Unternehmen gilt, auch für die ÖBB gelten: dass Preissteigerungen weitergegeben werden.

FORMAT: Wird das heuer noch sein?

Kern: Das würde ich nicht ausschließen.

FORMAT: Wie viel kosteten die ÖBB 2011 den Steuerzahler?

Kern: Ich würde eher sagen: Was bekommt der Steuerzahler für sein Geld? All die Investitionen in die Infrastruktur kann man kürzen, ohne dass die ÖBB in einem ersten Schritt davon nennenswert betroffen sind - aber wenn man im größeren Stil Projekte kürzt, trifft man die österreichische Eisenbahn-Zulieferindustrie und den Wirtschaftsstandort. Der zweite große Kostenblock vom Staat sind Bestellungen: Wir bekommen 650 Millionen Euro für ganz konkrete Dienstleistungen, etwa dass dieser Zug heute bis nach Payerbach fährt. Wenn man hier spart, reduziert man zwangsläufig das Angebot. Das Geld wird bei den ÖBB nicht verbrannt, aber wir sehen es als Verpflichtung, noch effizienter zu werden.

FORMAT: Der Schuldenstand liegt nun bei 19 Milliarden Euro. Es wird nicht mehr lange dauern, bis das System Bahn vor griechischen Verhältnissen steht.

Kern: Das ist auch eines der beliebten Missverständnisse. Die Schulden kommen größtenteils aus Infrastrukturinvestitionen. Und den 19 Milliarden Verbindlichkeiten stehen auf der Aktivseite der Bilanz 20 Milliarden Euro Vermögenswerte gegenüber. Wir investieren nur dort, wo der Bund den Auftrag dafür gibt. Gäbe es keine langfristige Finanzierungsvereinbarung, würden wir auch keinen Spatenstich am Semmering durchführen.

FORMAT: Macht Eurostat noch Druck, dass die Schulden doch dem Staatsbudget angerechnet werden?

Kern: Es würde nichts ändern. Jedem ist klar, dass das Verbindlichkeiten der Republik Österreich sind, also ist das eine virtuelle Diskussion.

FORMAT: Viele Leute würden wünschen, dass Sie stärker gegen den Tunnelwahn der Regierung auftreten.

Kern: Wir haben die Finanzierungsvereinbarung mit der Republik und etwa beim Brenner eine Gesellschafterweisung, zu bauen. Der sogenannte Tunnelwahn ist eine bewusste Entscheidung, in langfristige Werte für Generationen zu investieren. Klar, laufenden Aufwand müssen wir kürzen, aber Investitionen stärken langfristig unsere Wettbewerbsfähigkeit.

Zur Person: Christian Kern, der sein Berufsleben als Wirtschaftsjournalist begann, kam im Juni 2010 zu den ÖBB. Davor war der gebürtige Wiener Vorstandsmitglied im Energiekonzern Verbund. Kern gilt als geheime Hoffnung der SPÖ - auch wenn er vehement zurückweist, eine politische Karriere anzustreben.

 
pixel